Expertenmeinung: Das hält Lothar Matthäus von Fortuna und Gladbach

Expertenmeinung : Das hält Lothar Matthäus von Fortuna und Gladbach

Seit seiner Zeit bei Borussia Mönchengladbach ist Düsseldorf Lothar Matthäus ans Herz gewachsen. Dort wurde er auch zum Eishockeyfan.

Zu seiner aktiven Zeit hat Lothar Matthäus fast alles gewonnen, was man als Fußballer gewinnen kann: Welt- und Europameister, Deutscher Meister und Pokalsieger, Uefa-Cup-Gewinner sowie Italienischer Meister. Der Trophäenschrank des 58-jährigen Rekord-Nationalspielers (150 Einsätze) ist praller gefüllt als bei so manchem etablierten Erstligisten. Einzig der Henkelpott, die Champions League, fehlt in seiner Sammlung.

Zweimal stand der gebürtige Erlangener im Endspiel, und zweimal scheiterte er mit dem FC Bayern denkbar knapp. 1987 am FC Porto (1:2) und 1999 im legendären Drama-Finale gegen Manchester United (1:2). Als Experte beim Bezahl-Sender „Sky“ ist Matthäus auch heute nah dran am Geschehen in der europäischen Königsklasse. Im Düsseldorfer Airport Hotel gab er seine Einschätzung zur kommenden Champions-League-Saison und sprach zudem über...

...die Gruppenauslosung: „Es gibt wahrscheinlich zwei Clubs, die sich gefreut haben. Als Dortmund-Fan wäre ich zusammengezuckt, als Bayern-Fan hätte ich nach dieser Auslosung gleich gefeiert, weil ich glaube, dass die Gruppe für die Bayern zum Selbstläufer wird. Auch wenn man Mannschaften wie Piräus oder Belgrad respektieren und ernst nehmen muss. Leipzig hat eine interessante Gruppe erwischt, die wahrscheinlich am ausgeglichensten ist. Leverkusen hat sicherlich auch eine ganze spannende Gruppe bekommen.“

...Fortuna Düsseldorf: „Düsseldorf ist für mich von der Struktur und vom Umfeld her eine Bundesliga-Mannschaft. Sie haben in der vergangenen Saison sicherlich nicht nur mich mit ihren Auftritten überrascht. Düsseldorf ist eine Sportstadt, die mir seit meiner Zeit bei Borussia Mönchengladbach ans Herz gewachsen ist. Ich bin früher zur Brehmstraße zur DEG gefahren und bin dort zum Eishockeyfan geworden.“

...den DFB-Pokal: „Das Finale aus dem Jahr 1984 würde ich am liebsten aus meinem Leben streichen. Ich glaube, vor jedem Finale wird mein vergebener Elfmeter gegen Bayern München gezeigt. Das wird mich wahrscheinlich noch bis ins Grab verfolgen. Das spannendste Pokalspiel war für mich übrigens das Halbfinale mit Mönchengladbach gegen Bremen 1984. Das haben wir am Ende mit 5:4 nach Verlängerung gewonnen. Ich dachte schon, spannender geht es nicht mehr, und dann war ich einen Tag später in Gelsenkirchen als Zuschauer, wo Schalke gegen Bayern gespielt hat. Da stand es am 6:6 nach Verlängerung.“

...die Premier League: „Erfolg macht sexy. Letzte Saison waren die englischen Teams sehr stark. Nicht umsonst standen vier Mannschaften aus der Premier League in beiden europäischen Finals. Ich selber verfolge die Liga auch viel intensiver als in den vergangenen Jahren. Selbst in Spielen mit weniger namhaften Teams ist enorm viel Tempo und Atmosphäre auf dem Platz. Das ist schon was Besonderes und noch ein Ticken intensiver als in der Bundesliga.“

...Angebote aus England: „Ich selber hatte nie Kontakt zu englischen Teams. In den 80er Jahren hatte ich immer wieder Angebote aus Italien. Ich hatte Angebote von Juventus, Hellas Verona und dem SSC Neapel. Dort wollte ich aber nicht hin, weil ich nicht der Wasserträger von Diego Maradona sein wollte. Später kamen noch der AC und Inter Mailand dazu. Bei Inter war ich direkt Feuer und Flamme, weil ich gemerkt habe, dass ich dort als Spieler ernst genommen werde und nicht einer von vielen gewesen wäre. 1991 hätte ich zu Real Madrid wechseln können. Ich habe mich mit dem Präsidenten in Genf getroffen und eigentlich war schon alles klar, allerdings wollte mich Inter nicht ziehen lassen, weil Ivan Zamorano zu Real gewechselt ist, der zuvor eigentlich einen Vorvertrag bei Inter unterschrieben hatte. So musste ich bleiben und bin dann ein Jahr später zu Bayern gewechselt.“

...die Gruppe von Borussia Dortmund: „Ganz Dortmund freut sich bestimmt auf Lionel Messi und den FC Barcelona. Vielleicht kommt ja noch Neymar dazu. Das wird ein elektrisierendes Spiel. Zusammen mit Inter, die sich enorm verstärkt haben, wird das eine ganz enge Geschichte. Inter hat zudem mit Antonio Conte einen erfolgsorientierten Trainer geholt. Das konnte man bereits bei Juventus und der italienischen Nationalmannschaft beobachten. Es wird am Ende auf einen Dreikampf hinauslaufen - und da wird der direkte Vergleich enorm wichtig werden.“

...zu Kai Havertz: „Es ist schön für ihn, dass er sich auf diesem Niveau zeigen kann. Das ist auch ein bisschen ein Bewerbungsschreiben für ihn. Die Bayern hätten ihn bekommen können. Wären sie früher rangegangen und hätten einen dreistelligen Millionenbetrag gezahlt, würde Havertz heute nicht mehr in Leverkusen spielen. Ich würde ihn auch gerne bei Barcelona sehen, weil er da von seiner Art reinpasst und offensiv viele Positionen spielen kann. Bei Real sehe ich ihn weniger.“

...die Chancen der deutschen Mannschaften: „Es sind die meiner Meinung nach vier besten deutschen Teams in der Champions League vertreten. Ein so schlechtes Abschneiden wie in der vergangenen Saison, kann ich mir in diesem Jahr nicht vorstellen. Ich glaube, dass zwei, drei Mannschaften eine Runde weiterkommen. Die größten Chancen hat sicherlich Leipzig. Für Bayern wird es wie gesagt ein Selbstläufer.“

...den deutschen Fußball: „Wir dürfen uns nicht schlechter machen als wir sind. Im Ausland genießen wir nach wie vor große Anerkennung - trotz der vergangenen Weltmeisterschaft. Keiner will gegen eine deutsche Mannschaft spielen. Außerdem haben wir selbst tolle Spieler in der Bundesliga. Denken Sie an Robert Lewandowski, Thiago, Kingsley Coman, Jadon Sancho oder eben Kai Havertz.“

...mögliche Überraschungsteams: „Bei Ajax hat in der vergangenen Saison alles gepasst. Bayern kann davon ein Lied singen, als sie in der Gruppenphase zu Hause nur 1:1 gespielt haben und von Ajax dominiert wurden. Jetzt müsste man Hellseher sein. Ich könnte mir vorstellen, dass Salzburg für eine Überraschung sorgen können - auch wenn sie mit Neapel und Liverpool keine einfache Gruppe erwischt. Vielleicht werden sie ja unterschätzt. Sie haben junge Spieler ähnlich wie Ajax damals in ihren Reihen und könnten ein kleines Märchen schreiben.“

...Borussia Mönchengladbach: „Ich zähle Borussia zu den Bundesligateams, die um die europäischen Plätze mitspielen werden. Ich glaube die Spieler brauchen Zeit, um sich an das neue System des Trainers zu gewöhnen. Gladbach hat Chancen, es über die Gruppenphase der Europa League hinaus zu schaffen. Es wäre gut, wenn sie keine allzu schwere Gruppe zugelost bekommen.“

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