Euphorie oder Tiefschlag? Die neuen Bundesliga-Trikots polarisieren

Neue Jerseys : Euphorie oder Tiefschlag? Die neuen Bundesliga-Trikots polarisieren

Fußballfans sind die neuen Trikots ihrer Vereine heilig. In Mönchengladbach sorgt das frische Jersey für Irritation, in Düsseldorf sind die Fans erfreut. Eine Rundreise durch die Welt des Stoffs.

Vielleicht bringt es User „SHB“ im Sozialen Netzwerk „Twitter“ ganz gut auf den Punkt: „In welcher Phase der Entwurfsplanung seid ihr?“ fragt er belustigt und stellt dazu ein Foto des völlig fertig produzierten neuen Trikots des ruhmreichen Fußball-Erstligisten Borussia Mönchengladbach für die neue Saison 2019/20.

Ein Trikot freilich, das mehr Fragen aufwirft als Antworten bietet. Streitbar ist es, weiß gehalten in der Hauptsache, dann aber mutig gebrochen von gebatiktem Grün, das eine Mischung aus edlem Rauch aus niederrheinischen Pyrofeuern abbilden könnte. Vielleicht aber auch nur etwas Mystik in den durchchoreografierten Fußball-Alltag bringen soll.

Klar ist: Das Jersey ist umstritten wie lange nicht und beschäftigt die Fans in einem Ausmaß, das klar macht: Eine Marginalie ist die Wahl des neuen Spieltrikots in der Fußballwelt beileibe nicht. Nie gewesen – und heute noch viel weniger, als es früher der Fall war. Früher eben, als man meist schlicht einfarbig oder auch mal gepflegt gestreift unterwegs war, bis man die bunten Auswüchse der Achtziger und teilweise Neunziger Jahre belustigt als Jahrzehnte der Trikotunfälle abtun konnte.

Manch altes Spielertrikot bringt Fußballfans zum Weinen. Die neuen Trikots können nicht immer überzeugen: Das Jersey von Borussia Mönchengladbach ist in der Anhängerschaft umstritten. Das Fortuna-Shirt kommt bei den Fans gut an. Bayern und Dortmund setzen eher auf klassisches Design. Foto: Schröder

Aber 2019? Ausrüster „Puma“ hat der von Sportdirektor Max Eberl ausgerufene sportliche Neubeginn in Gladbach offenbar wörtlich genommen. Motto: Was neu ist, ist besser – und muss knallen. Twitter-Nutzer „Fohlenpower“ will die Strategie dahinter erkannt haben: „Tore schießen, solange sich die Gegner noch scheckig lachen.“ Mancher spricht vom „hässlichsten Gladbacher Trikot aller Zeiten“. Dabei war man so stolz auf die im vergangenen Jahr gefeierte Rückkehr zu Sportartikel-Riese Puma, es war die Wiederbelebung einer ruhmreichen Partnerschaft aus den Siebzigern. Aber auch schon zu Beginn der noch laufenden Saison hakte es: Die Borussia stoppte die Trikotproduktion, weil bei den Hemden und Hosen „Abweichungen im Material“ festgestellt wurden. Das Trikot kostet 84,95 Euro (unbeflockt), auch Vereinsmitglieder müssen noch 65 Euro hinblättern.

Borussen laufen gegen Dortmund im „Rauchschwaden-Trikot“ auf

Am Samstag laufen die Gladbacher gegen Borussia Dortmund das erste Mal im neuen Design auf, danach gilt „Feuer frei“: Die Umsätze mit dem Trikot- und Merchandising-Verkauf sind längst wichtige Stütze für die Clubs geworden. Das Trikot ist Stifter von Identität, vereinigt die Fanmassen und ist bei fast jedem deutschen Jugendtraining dabei: Vor allem der Nachwuchs deckt sich begierig mit dem Leibchen des Leib- und Magenvereins ein. Außerdem zahlen die Hersteller für die Zusammenarbeit fix: Der FC Bayern bekommt 60 Millionen Euro von Adidas pro Jahr, Borussia Dortmund etwa neun Millionen von Puma, Gladbach acht Millionen Euro.

„12,7 Millionen Euro haben wir im vergangenen Jahr mit Merchandising-Artikeln umgesetzt, davon einen großen Teil durch Trikots. Damit sind wir unter den ersten Fünf in Deutschland“, sagt Tobias Kaufmann, Mediendirektor bei Erstliga-Aufsteiger 1.FC Köln. Während mancher Konkurrent den neuen Fetzen gar nicht früh genug auf den Markt schmeißen kann, wird es das neue „Uhlsport“-Trikot in Köln erst im Juli geben, kurz vor dem Start der neuen Saison. Aus drei Gründen, die Kaufmann verrät: „Der Umsatz bringt uns am Ende der Saison nichts mehr, den fahren wir lieber für das neue Geschäftsjahr ein.“ Außerdem müsse ein Trikot, das man im Mai auf den Markt bringe, schon zwei Monate vorher in Design und Stückzahl feststehen. „Das machen wir lieber mit mehr Planungssicherheit.“ Und zuletzt hat der FC seinen Fans gerade erst zu Beginn des Jahres das begehrte Karnevalstrikot angeboten. „Die Trikots würden sich gegenseitig kannibalisieren.“ Und das wäre jeck.

Auch Bayer Leverkusen kommt erst im Juli mit dem neuen „Jako“-Trikot auf den Markt, auf Schalke heißt es lapidar: „Derzeit veröffentlichen wir unser neues Trikot noch nicht.“ Bis 2023 ist auf der blauen Seite des Ruhrpotts der britische Sportartikelhersteller „Umbro“ Einkleider. Klar ist: Das neue Trikot der Gelsenkirchener wird blau sein. Erlaubt sind Kleinigkeiten. Aber an manchen Grundfesten rüttelt man besser nicht.

Die Branchenriesen FC Bayern München und der BVB sind schneller. Beide laufen an diesem letzten Spieltags-Wochenende, an dem sie um den Titel streiten, traditionell in neuen Gewändern auf: Der FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt dann in hellrot leuchtenden Farben mit abwechselnden Schattierungen. Das Design, so Hersteller „Adidas“, sei „eine Hommage an die Allianz Arena und ihre rot leuchtenden Waben“. Weniger enthusiastisch zerreißt es mancher Anhänger als „Schlauchboot-Optik“ oder „dünne Daunenjacke“, was kein Kompliment ist, am Ende dann aber doch gekauft wird, weil ein Trikot auch dann ein Sammlerstück ist, wenn es weniger gefällt. Bayern wird dann komplett in Rot spielen, vielen Bayern-Fans fehlen die weißen Elemente – aber wem kann man es schon immer recht machen?

So sieht das neue Trikot von Bayern München aus. Foto: Adidas

Vielleicht schaffen das Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf mit ihren neuen Trikots, die sich von allzu Experimentellem fernhalten und an Tradition orientiert sind. Der BVB mit großflächig strahlendem und recht schlichtem Gelb, das zwischen 60 (für Kinder) und 89 Euro pro Stück kostet – ein Preis, der sich ligaweit mit geringen Ausschlägen etabliert hat. Dazu gesellt sich eine Schulter-Applikation, die „an Omas Tischdecke“ erinnert, wie ein BVB-Fan zetert, aber dann auch der einzige Puma-Ausrutscher dieses schwarz-gelben Jerseys bleibt. Zum 110. Geburtstag des BVB soll im Kragen an Langlebigkeit des Vereins und Treue der Fans erinnert werden: „110 Jahre – Gestern – Heute – Morgen – Für immer – Borussia Dortmund“, lautet der Schriftzug im Inneren des Dress’.

Tradition hat auch Fortuna Düsseldorf groß geschrieben – mit einem wirklich gelungenen Trikot: Als Vorbild diente das Düsseldorfer Trikot von 1982 bis 1985. Im letzten Heimspiel gegen Hannover 96 werden es die Fortuna-Spieler vermutlich nicht nur spazieren tragen. Grundfarbe Weiß, im Schulterbereich mit einem roten Stoffeinsatz abgesetzt, dazu der heute durchaus außergewöhnliche Umlagekragen.

„Kämpfen und Siegen seit 1895“ ist in das Innere gestickt, für 79,95 Euro bekommt es der Erwachsene, Kinder zahlen 59,95 Euro. Klar ist aber auch: Von den großen Umsätzen des Rekordmeisters kann Fortuna nur träumen: Der FC Bayern setzt pro Saison etwa 1,5 Millionen Trikots ab – mehr als alle anderen 17 Bundesligisten zusammen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So sieht das neue Heimtrikot der Fohlenelf aus

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