Schlusssprint vor der EM in Polen und der Ukraine

Schlusssprint vor der EM in Polen und der Ukraine

Warschau/Kiew (dpa) - Die ersten Fan-Artikel liegen in den Regalen, die letzten Baustellen sollen bald geschlossen werden. Einen Monat vor dem EM-Beginn am 8. Juni in Warschau feilen die Co-Gastgeber Polen und Ukraine an wichtigen Details.

In der polnischen Hauptstadt gibt es noch viel Arbeit beim U-Bahn-Bau, an den Parkplätzen rund um das neue Nationalstadion und an der Bahnverbindung zwischen Flughafen und Zentrum - in der Ukraine sind Regierung und Öffentlichkeit nach den zuletzt hitzigen Debatten über die politische Situation im Land vor allem um Normalität bemüht. Die Osteuropäer wollen sich ihre Hoffnungen auf eine gelungene EM auch von den Diskussionen um die inhaftierte frühere Oppositionsführerin Julia Timoschenko nicht trüben lassen.

Hinweise auf das kommende Fußballfest sind in beiden Ländern unübersehbar. EM-Sponsoren pflastern in Polen Plakatwände voll, in der Ukraine laufen Gewinnspiele für Turnierkarten auf Hochtouren. Auch die Werbung fürs Public Viewing nimmt Fahrt auf. Die Erwartungen bei den Gastgebern sind groß. Die polnischen Organisatoren konnten 2006 beinahe hautnah mitverfolgen, welche Euphorie die Fußball-WM beim deutschen Nachbarn auslöste.

Nun träumen die EM-Macher in Polen und der Ukraine von einem ähnlichen Sommermärchen - unabhängig vom Abschneiden des eigenen Teams. Mehr noch: Sie wollen neugierig machen auf einen Besuch in ihren Ländern. Auf bis zu eine Million Besucher hofften die Veranstalter allein in Polen. Inzwischen werden die Erwartungen bereits ein wenig abgerundet. Aber 800 000 Fußballfans könnten es durchaus werden, zeigen sich Tourismusprofis optimistisch.

Auf internationalen Tourismusmessen wie etwa in Berlin und Moskau war die EM in den vergangenen Monaten stets ein großes Thema. Statistiken zufolge war die Mehrheit der oft weit gereisten Deutschen noch nie in Polen. Dabei ist seit dem Beitritt des Nachbarlands zur Schengen-Zone zur Einreise kein Reisepass mehr nötig. Auch Sprachprobleme sollten kein Hindernis sein: Deutsch- und Englischkenntnisse sind weit verbreitet.

„Die EM ist eine Chance, dass viele Menschen uns als ein modernes europäisches Land sehen“, sagt die Warschauerin Dorota Mirowska. „Es gibt im Westen wohl immer noch zu viele Stereotypen - entweder glauben die Leute, Polen ist arm und grau, oder sie bringen uns mit Autoklau und Zigarettenschmuggel in Verbindung.“ Die 35-Jährige begeistert sich normalerweise nur mäßig für Fußball, aber diesmal will sie eine Ausnahme machen. „Mein siebenjähriger Sohn fiebert der EM schon jetzt entgegen, und ich bin auch schon gespannt auf die Stimmung, wenn Menschen aus ganz Europa hier feiern.“

Sie ist nicht die einzige: Einer Umfrage zufolge sind 51 Prozent der Polen schon jetzt von einer erfolgreichen EM überzeugt. Nur ein paar Baustellen müssten jetzt schleunigst zum Abschluss kommen, betonen die Skeptiker unter den Umfrageteilnehmern. Nicht nur Anwohner rund um die EM-Stadien fürchten stundenlange Staus, zugeparkte Straßen und hohe Preise in den örtlichen Supermärkten über die EM hinaus.

Auch in der Ukraine wächst die Vorfreude. Allerdings schmerzt immer noch, dass die meisten Mannschaften während des Turniers ihr Quartier in Polen aufschlagen werden. „Das ist schade, denn unser Land bietet zwischen Karpaten und Schwarzem Meer unendlich viel“, meint der Grafiker Andrej in einer Umfrage von Medien in Kiew. In der Hauptstadt der Ex-Sowjetrepublik steigt am 1. Juli das EM-Finale.

„Ich freue mich auf die Euro, obwohl ich mir keine Eintrittskarten leisten kann und Kiew wohl während des Turniers laut und teuer ist“, sagt die Verkäuferin Julia. „Ich bin aber stolz, dass viele Touristen unser Land sehen werden. Hoffentlich kommen einige von ihnen wieder.“

Allein Kiew hat für die EM-Vorbereitungen bereits 500 Millionen Euro ausgegeben. Insgesamt wird das Turnier die Ukraine wohl mindestens 11,5 Milliarden Euro kosten - ursprünglich geplant waren 3,2 Milliarden Euro. Der Hauptteil der Investitionen geht in die Modernisierung der Verkehrs- und Sportinfrastruktur.

Die Investitionen würden sich wohl nicht direkt auszahlen, räumte Präsident Viktor Janukowitsch vor kurzem ein. Die Nationalbank in Kiew freut sich aber, dass die EM der finanzschwachen Ukraine Schätzungen zufolge zumindest zusätzliche Devisen von rund 760 Millionen Euro in die Kasse spülen wird. „Das würde helfen, die Zahlungsbilanz des Landes zu stabilisieren“, sagt der für die Devisenreserven verantwortliche Direktor Alexander Dubichwost.