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Gruppe E: Hazard, die Reizfigur

Gruppe E : Hazard, die Reizfigur

Der Edeltechniker Eden Hazard steht für die Schwankungsbreite beim belgischen Nationalteam — und trotzdem ist man Favorit im letzten Gruppenspiel gegen Schweden

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Bordeaux. Es ist allemal eine anstrengende Prozedur, die bei der belgischen Nationalmannschaft diejenigen Protagonisten absolvieren, die für die tägliche Medienrunde auserkoren sind. Wenn nicht der emsige Pressesprecher Pierre Cornez den einen oder anderen an die Hand nehmen würde, wüssten die Akteure gar nicht, welches Areal im „Le Haillan“, der Trainingsstätte von Girondins Bordeaux, gerade abzuarbeiten ist. Im größten Zelt wartet die schreibende Presse, dazu gibt es überdachte Stationen, an denen das belgische Fernsehen, die internationalen Anstalten und der Uefa-Kanal der Reihe nach bedient werden. Immer fast dieselben Fragen. Und zwangsläufig ähnliche Antworten.

Am Montagabend sind Eden Hazard, Mousa Dembélé und Christian Kabasele an der Reihe gewesen, um über das letzte Gruppenspiel gegen Schweden (Mittwoch 21 Uhr) in Nizza zu sprechen. Wobei die Berichterstatter natürlich vor allem interessierte, was Hazard vor einer Begegnung zu sagen hatte, in der den Roten Teufeln schon ein Remis reicht, um sicher als Gruppenzweiter weiterzukommen. Der 25-Jährige trägt ja nicht nur die Nummer zehn auf dem Rücken, sondern auch eine neongelbe Kapitänsbinde am linken Arm, seitdem Vincent Kompany verletzt absagen musste. Eine Bürde, die der edle Techniker erst noch schultern muss. „Ich werde jetzt immer auf diese Rolle angesprochen. Plötzlich muss man ernsthafte Dinge sagen. Nach und nach versuche ich das zu lernen.“ Da weiß einer, dass die Entscheidung seines Trainer Marc Wilmots von Argwohn begleitet wurde. Ob der 1,73 Meter kleine Taktgeber auch zum großen Anführer taugt? Hazard brachte dazu wieder die üblichen Allgemeinplätze hervor. „Ich bin nicht der Star. Das Team ist der Star.“

Er ist vor allem das bisherige Sinnbild für die belgische Schwankungsbreite. Gestern Wahnsinn, morgen Genie. Der Chelsea-Profi hat schon alles hinter sich: Seinem wirren Auftritt gegen Italien (0:2) vor den Augen seines künftigen Vereinstrainers Antonio Conte folgte eine flirrende Aufführung gegen Irland (3:0). Wie Hazard nicht nur einen irischen Gegenspieler, sondern auch einen türkischen Schiedsrichterassistenten überspurtete, gehörte zu den spektakulärsten EM-Szenen.

Wilmots dankte seinen Spielern am Tag danach mit einem Grillabend mit den Spielerfrauen, der auch dem dreifachen Vater Hazard sehr gefallen haben soll. Sonst hätte der 67-fache Auswahlspieler am Montag nicht noch einen Witz gemacht, als unweigerlich die Frage aufkam, was er denn fußballerisch von Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic lernen könne. „Ob ich von ihm dribbeln lernen kann? Er von mir, ja!“ War natürlich nur Spaß. Zeigt aber, dass auch der Belgier, wenn auch auf ganze andere Art, zur Reizfigur taugt. Vor allem beim jeweiligen Gegner. Die irische Legende Robbie Keane nutzte genüsslich die Gelegenheit, sich an Hazards Wechselgelüsten („Wenn ich mit jemandem zusammenspielen würde, der ständig seinen Wechselwillen kundtut, dann würde ich ihn im Training umgrätschen“) abzuarbeiten. Der schwedische Nationalspieler Sebastian Larsson lobte hingegen nun „individuell talentierte“ Ausnahmekönner wie Hazard, die „schwer zu stoppen“ seien.

Für Eden Hazard, dessen einer Bruder Thorgan bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht — der jüngste Kylian spielt bei Zulte Waregem — ist die Mission auf französischem Boden auch deshalb eine besondere, weil er in diesem Land ausgebildet wurde. Bereits als 14-Jähriger wechselte er in die Jugendabteilung des OSC Lille, wo sie mit dem trickreichen, beidfüßigen Wiesel es nicht immer einfach gehabt haben. Die Geduld dankte vor vier Jahren der FC Chelsea, als 40 Millionen Euro Ablöse für den Offensivkünstler flossen. In dem ihm lieb gewordenen Lille würde Hazard übrigens im Viertelfinale vorspielen, wenn das Achtelfinale in Toulouse gewonnen würde. Vorher aber darf heute gegen Schweden nicht schiefgehen.