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Das Mutterland des Fußballs ist bereit für die EM

England : Das Mutterland des Fußballs ist bereit für die EM

Die englische Fußballnationalmannschaft gewinnt ihr Auftaktmatch gegen Kroatien mit 1:0. Da England alle seine Vorrundenspiele in Wembley austrägt, hofft das ganze Land auf eine Kopie der Heim-EM von 1996, als die „Three Lions“ ins Halbfinale kamen.

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Londoner gehört bekanntlich, sich über das Wetter zu beklagen, doch als die EM offiziell Einzug in die britische Hauptstadt hielt mit dem Auftakt der englischen Nationalmannschaft gegen Kroatien, hätten die Bedingungen nicht prachtvoller sein können. Schon am Morgen strahlte die Sonne auf die Jogger am Ufer der Themse. Als die Menschen gegen Mittag mit der Tube am Stadion im Nordwesten der Metropole ankamen, waren viele kurze Hosen zu den England-Trikots zu sehen. Bei Anpfiff um 14 Uhr Ortszeit wurden 29 Grad Celsius gemessen. Keine Wolke war am Himmel zu sehen. “Glorious” wird ein solcher Tag in England genannt. Passend dazu gewann die Mannschaft von Trainer Gareth Southgate mühsam aber verdient 1:0. Es war ein gelungener EM-Start für England, für London – und für Wembley, den Star unter den Stadien des Turniers.

Die heilige Stätte des englischen Fußballs ist die größte Arena bei der EM mit 90.000 Plätzen. Wegen der Corona-Beschränkungen erhalten nach Vorlage eines Impf-Nachweises oder eines negativen Tests 22.500 Menschen pro Spiel Einlass, ein Viertel der Kapazität. Wembley beheimatet von allen Turnier-Standorten die meisten Partien, nämlich acht. Neben den drei Auftritten der Engländer in der Vorrunde werden zwei Achtelfinals, die beiden Halbfinals und das Endspiel unter dem ikonischen Riesenhenkel aus Stahl ausgetragen. Wegen dieses Vorteils hofft England auf eine Heim-EM, auf eine moderne Kopie der EM 1996, als die “Three Lions” bis ins Halbfinale kamen, wo gegen den späteren Sieger Deutschland Schluss war.

Das Wembley von heute hat mit dem von damals nichts mehr zu tun. Die alte Spielstätte wurde 2003 abgerissen und an gleicher Stelle neu aufgebaut. Die Umgebung ist vollgestellt mit modernen Wohnblocks und Einkaufszentren. Wembley ist mittlerweile auch ein Symbol für die Gentrifizierung, die London fest im Griff hat. Der beschwingten Stimmung zum England-Auftakt tat das natürlich keinen Abbruch. Schon auf dem Weg zum Stadion stimmten englische Fans mehrmals die Nationalhymne an. Einige der freiwilligen Helfer, die Zuschauern und Medien den Weg weisen, stimmten ein. Beim Spiel wurde immer wieder “Three Lions (Football’s coming home)” gesungen, die Hymne der glorifizierten Heim-EM 1996. Die Stimmung war gut – dazu trugen übrigens auch auffallend viele Kroaten bei.

Diese verstummten allerdings nach dem englischen Siegtor durch Raheem Sterling nach einer knappen Stunde. Es sangen nur noch die Engländer. Der Funke war übergesprungen, das größte EM-Stadion entzündet. Gestört wurde der heitere Gesamteindruck nur durch die Buhrufe einiger Fans, als die englische Mannschaft vor dem Spiel auf die Knie ging, als Zeichen gegen Rassismus. Die Debatte um “taking the knee”, wie die Geste auf der Insel genannt wird, hatte die EM-Vorbereitung der “Three Lions” überlagert und dürfte das Team durch das Turnier begleiten.

Für das Wembley-Stadion selbst ist die Lage schwierig. Das Heiligtum des englischen Fußballs ist von Finanzproblemen geplagt. “Wembley is in trouble”, schreibt der Guardian und verweist auf Verluste des Stadions von fast 28 Millionen Pfund (etwas mehr als 32 Millionen Euro) im Geschäftsjahr 2019/2020. Das Stadion gehört dem englischen Verband, der FA, und macht diesem seit Jahren Schwierigkeiten. 2018 stand es sogar zum Verkauf. Die Corona-Pandemie mit der kollabierten Event-Branche hat die Sorgen verschärft.

Wie es mittelfristig weitergeht mit Wembley, ist unklar, aber die unmittelbare Zukunft bietet Anlass zur Vorfreude für die Engländer. Nach dem Sieg gegen Kroatien geht es am Freitag weiter mit der Partie gegen Schottland. Der nördliche Nachbar war schon bei der Heim-EM 1996 Englands zweiter Gegner. Diesmal soll es für die Engländer noch einen Schritt weitergehen als damals – nämlich bis ins Endspiel unter dem ikonischen Riesenhenkel von Wembley.