Ein Hausbesuch bei den Kremers-Zwillingen

Ein Hausbesuch bei den Kremers-Zwillingen : Die Kremers – ziemlich beste Freunde

Erwin und Helmut Kremers waren die ersten Popstars des Fußballs. Mit Hit-Single, großen Erfolgen und Bravo-Starschnitt. Gerade sind sie 70 Jahre alt geworden. Ein Hausbesuch.

Es ist eine lebhafte Stunde Gespräch vergangen, da steigt Erwin Kremers in seine Asservatenkammer in seinem Haus in Haan hinab. Zwillingsbruder Helmut sitzt am Wohnzimmertisch, das Gespräch umfasst eine Karriere und das Leben danach, dann kommt Erwin zurück, in der Hand hält er Vinyl. Vorne die Kremers mit sagenhaften Frisuren (der Fotograf fragt: „Haben Sie die Perücken heute noch?“), darüber gelegt der Titel der Single: „Das Mädchen meiner Träume“. Ein sagenhafter Erfolg, Platz 44 in den Charts. 50000 Mal verkauft. Die ersten Popstars der Bundesliga, die Kremers gehen durch die Decke, Bravo-Otto, Starschnitt „in Lebensgröße“, wie Helmut nicht ohne Stolz sagt. Frank Elstner hat das initiiert, Vicky Leandros‘ Vater hat sie produziert. Wenn man sie hier so sitzen und erzählen sieht, ist das nur zu ahnen, aber klar wird auch: Die Kremers sind ein echter Hit, kein Zweifel. „Die haben uns als Mädchenschwarm verkauft, davon haben wir aber gar nichts gemerkt.“

Dabei fängt das Gespräch etwas schleppend an. Es wird Licht für die Fotos gebraucht, und Erwin hantiert mit drei Fernbedienungen, es ist etwas länger nicht ganz klar, welche die richtige sein mag, das Ganze zieht sich, bis Helmut sagt: „Dann hätten wir uns wohl besser bei mir in Bottrop-Kirchhellen getroffen. Licht hätte ich gehabt.“ Damit ist der Rhythmus für das Treffen vorgegeben. Ein Schlagabtausch zweier Brüder, deren Talent weit über den Fußball hinausreicht. Witzig, charmant, schnell. Auch wenn sie im März gerade erst 70 Jahre alt geworden sind. Zusammen 140, aber das klänge ja nun wirklich alt. Und das will ja niemand. „70, sagenhaft. Ich würde heute noch gerne Fußball spielen. Die haben ja kein Wind und keine Kälte, der Rasen ist schön grün“, sagt Helmut. Und Erwin fügt an: „Sogar Ärzte und Physiotherapeuten sind da, wunderbar. Wir dagegen haben eigentlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Nicht mal trinken durfte man.“ Und dann sagt er diesen wunderbaren anachronistischen Satz: „Salz ausschwitzen ist ja gefährlich.“

Die Kremers meinen das ernst: Das Gequatsche von früher war alles besser geht ihnen nichts als auf die Nerven. War es eben nicht. Auch wenn es schön war. Erwin hat das für eine Zeitung mal ironisch in einem Hundert-Zeiler auf den Punkt gebracht. Kostprobe: „Wenn der Trainer eine flache Raute sehen wollte, brachte ihm jemand Salmiakpastillen, und das war okay. Wir hatten auch eine diametral abkippende Sechs, allerdings erst nach dem zwölften Pils.“ So geht das herrlich weiter, heute trägt Erwin Kremers das in seinem Schalker Charity-Verein (Schalker Golfkreis für soziale Zwecke) vor, und dann liegen die Leute am Boden vor Lachen. Er genießt das. Dabei ist Erwin, der Linksaußen, eigentlich der Zurückhaltendere. „Ich bin kompliziert“, sagt er, lächelt, und man weiß nicht, wie ernst er das meint. Bis Helmut sagt: „Das würde ich blind unterschreiben. Wir sehen uns ähnlich, aber wir sind total unterschiedlich, obwohl wir Zwillinge sind.“ Mal sehen.

Wer hier auf wen aufpasst, muss man in so einem Gespräch erst einmal herausfinden. Helmut, der Abwehrspieler, umsorgt Erwin auf dem Fußballplatz. Mein Bruder, die Diva. Wenn es nur solche wie ihn gegeben hätte, sagt Erwin, „hätten wir gar nichts geholt. Ich war zu sehr Individualist“. Helmut musste die Laune hoch halten, und als er fehlte, an jenem letzten Spieltag 1974 in Kaiserslautern kurz vor Spielende, da passierte das, was die Menschen noch heute mit den Kremers verbinden: Erwin beleidigte Schiedsrichter Max Klauser („Blöde Sau“) und wiederholte das solange beständig („Noch einmal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau“), bis er Rot sah – und darauf die Heim-WM 1974 verpasste. „Ich hätte ihn abgehalten, wenn ich dabei gewesen wäre. Niemand hat sich ja getraut, ihm was zu sagen.“

Helmut, der verhinderte Aufpasser. „Auf dem Platz war das so“, sagt Erwin, „ansonsten hat meine Mutter immer gesagt: Pass bitte auf den Helmut auf.“ Denn außerhalb des Rasens war es umgekehrt: Helmut, der Bonvivant. „Ich war immer der Erste und der Letzte“, sagt er und meint abendliche Ausflüge, die mancher fußballerischen Entwicklung im Wege gestanden haben mögen.

Ich fühle mich nicht als Weltmeister, sagt Helmut

Zwei Pokalsiege mit Kickers Offenbach und Schalke stehen auf der Visitenkarte. Ach, doch: Erwin wurde 1972 Europameister, Weltmeister 1974 ist Helmut Kremers geworden, aber das eher nebenbei („Ich war dabei“), es ist die nächste große Geschichte, die Jörg Wontorra erzählt, wenn er beim Charity-Golf die Kremers ankündigt: Bei der WM im eigenen Land hat Helmut Kremers keine Minute gespielt. „Ich habe damit rein gar nichts zu tun. Ich fühle mich nicht als Weltmeister.“ So richtig wohl habe er sich seinerzeit nicht gefühlt , es gab den Bayern- und den Mönchengladbach-Block in der Mannschaft und an den „Kalibern Paul Breitner oder Franz Beckenbauer“ kam er nicht vorbei. Außerdem war er im Trainingslager in Malente ausgebüxt, bis Co-Trainer Jupp Derwall ihn wieder einfing. Die Geschichte ging dennoch sonnig zu Ende: Erwin kaufte sich ein Boot und verdingte sich während der WM für Wochen an die Costa Brava. „Nach der WM bin ich auch dahin, und wir sind jeden Tag Wasserski gefahren“, sagt Helmut, der dem Alt-Bundestrainer Helmut Schön aber auch gar nichts nachträgt. „Das war ein intelligenter und toller Mensch. Der war so gut, dass er einem nicht sagen konnte, dass man nicht spielt.“ Er hat es trotzdem erfahren.

Die Kremers wirken zufrieden. Und eingespielt. Interviews gibt es eigentlich nur zusammen. „Das ist uns ganz lieb. Wenn ich ihn angucke, weiß ich, was Sache ist“, sagt Erwin, der lange eine Textilfirma betrieb, eher er Privatier wurde. Beide bezeichnen sich als „beste Freunde“, täglich rufen sie sich an, ein kurzes Update. Legendärer Telefon-Text: „Wie geht’s? Gut, ja? Toll, Tschüß.“ Sie lachen. Ein bis zweimal in der Woche sehen sie sich. Als Erwin Jahre auf Mallorca verbrachte, versuchte Helmut täglich, ihn zurückzuholen. Ohne einander ist doof. „Auf die Nerven gegangen sind wir uns eigentlich nie“, sagt Erwin. Mönchengladbach, Offenbach, Schalke. Immer zusammen. Zusammen Trainer wie Hennes Weisweiler gemocht, Ivica Horvat geliebt und Max Merkel, na gut, den nicht so sehr. „Der war der einzige Trainer, an dessen Entlassung ich mitgewirkt habe“, erzählt Helmut Kremers. Beide können gar nicht verstehen, dass man als Zwilling auch in unterschiedlichen Vereinen spielen kann. Wie so lange die Benders. „Die haben viel zu lange gebraucht, bis sie zusammen kamen.“ Wirklich können das wohl nur Zwillinge verstehen.

Erwin (l.) und Helmut Kremers sitzen auf dem Gelände des Golfclubs Haus Leythe in Gelsenkirchen auf einer Bank. Das Fußball-Zwillingspaar wurde am 24. März 70 Jahre alt. Foto: dpa/Ina Fassbender

Als es auf die Zielgeraden des Gesprächs geht, in dem einem die Anekdoten um die Ohren fliegen, als gäbe es kein Morgen mehr, werden sie ernst. „Wir haben immer sehr gerne Fußball gespielt. Das Leben hat uns damit reich beschenkt.“ Erwin verlor seine Frau 2010 viel zu früh, sie starb im Urlaub auf Gran Canaria. Am Tag nach dem Gespräch ruft er nochmal an, will noch etwas loswerden: „Wir finden es traurig, wie mit Franz Beckenbauer umgegangen wird. Er genießt unsere große Wertschätzung, wie auch Uwe Seeler.“ Die Kremers haben etwas übrig für Freundschaften im Fußball. Mit Klaus Fischer oder Norbert Nigbur leben sie sie. „Sogar unsere Kinder sind miteinander befreundet. Wo gibt es das heute denn noch?“ sagt Erwin Kremers.

Für die Fotos fragen wir nochmal nach alten Trikots. Viele sind es nicht mehr. Helmut hat sie alle verschenkt. „Wenn früher jemand bei mir wegen eines Autogramms geklingelt hat, habe ich ihm gleich noch ein Trikot mitgegeben. Dafür hat sich heute Morgen noch jemand bei mir bedankt“, erzählt Helmut. Der Mann habe gesagt: „Sie waren der einzige, der damals so nett reagiert hat“, erzählt Helmut Kremers, der dem Mann geantwortet habe: „Das musst du mal woanders erzählen.“ Dann lacht er, Bruder Erwin stimmt ein. Und dann machen wir Fotos im Garten. „Ich hasse ja Gärten, habe eine Penthouse-Wohnung“, sagt Helmut, der noch heute Geschäftsführer einer Immobilienfirma ist. „Ich hatte viel mit Maulwürfen zu tun.“ Es war der letzte Lacher des Tages. Vielleicht aber auch nicht. Nein, wahrscheinlich nicht.

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