Fußball: Was Frankfurt der DFB-Pokal bedeutet

Fußball : Was Frankfurt der DFB-Pokal bedeutet

Eintracht und Frankfurt schwelgen nach dem ersten Titel seit 30 Jahren im Glück. Das Gefühl ist Gerechtigkeit — und das hat etwas mit Heynckes zu tun.

Frankfurt. Was das Oktoberfest für die Münchner darstellt, ist für die Frankfurter ihr Wäldchestag. Ein Volksfest mitten im Stadtwald, nur einen Fußweg von der Arena entfernt — über vier Tage herrscht enormes Gedränge. Am Pfingstsonntag bildete sich aus anderen Gründen am Nachmittag ein erheblicher Rückstau: Die Polizei sperrte den wichtigsten Übergang am Oberforsthaus, schließlich bahnte sich ein Autokorso mit Blaulicht und Hupkonzert den Weg vom Flughafen Richtung Innenstadt: Eintracht Frankfurt auf Triumphfahrt.

Gleich im ersten schwarzen Wagen aus Münchner Fabrikation saß Niko Kovac und hielt selbst ein Smartphone, um zu verewigen, wie ein DFB-Pokalsieg in Frankfurt gefeiert wird. Später auf dem Römerberg bekam Anführer Kevin-Prince Boateng das Mikrofon und sollte unter dem Gejohle der Menge über den scheidenden Trainer ausrufen: „Ja, er geht zu Bayern. Aber er hat uns den Pokal geschenkt. Jetzt kann er auch gehen.“

Etwa drei Stunden bevor um 18.13 Uhr am Sonntagabend die glitzernde Trophäe auf dem Balkon vor den wartenden Massen zum Vorschein kam, musste der historische Platz wegen Überfüllung geschlossen werden. Es versammelten sich 12 000 Menschen, insgesamt war mindestens die fünf- oder sechsfache Zahl unterwegs. Alex Meier, der Frankfurter Fußballgott, der nach 14 Jahren wohl keinen neuen Vertrag bekommt, grölte spontan: „Wer nicht hüpft ist Offenbacher. Hey, hey!“ Und der Römer hüpfte. Torwarttrainer Manfred „Moppes“ Petz trällerte einen Frankfurter Gassenhauer („Der Lagerboogie“), den selbst Stammgäste einer Sachsenhäuser Ebbelwoi-Kneipe nicht zwangsläufig kennen. Ansonsten ist die multikulturelle Eintracht heute ein Spiegelbild ihrer Stadt, in der mehr Ausländer als Deutsche leben.

Marco Russ wurde bei den Feierlichkeiten von seinen Mitspielern verschönert. Foto: Arne Dedert/dpa

Die Torschützen sind ein Beispiel: Matchwinner Ante Rebic kommt aus Kroatien, Mijat Gacinovic aus Serbien. Fast dasselbe gilt für die Baumeister: Der gebürtige Berliner Kovac hat kroatische Wurzeln, Bobic wurde in Maribor, heute Slowenien, geboren. Eintracht betont diese Identitäten, weil sie die Frankfurter Realitäten widerspiegeln. Das Schöne der Pokalparty war: Nichts wirkte inszeniert, aufgesetzt oder gar gekünstelt. Echte, weil innige Freude. Was wiederum auch viel mit der Geschichte des Vereins — der letzte Titel war 30 Jahre her — aber auch der Historie der Stadt zu tun hat.

Frankfurt hatte es nicht immer leicht. Früher galt die Mainmetropole als Hochburg der Kriminalität. Schmutzig und dreckig dazu. Die launische Diva vom Main konnte immer nur vorübergehend das Image aufpolieren. Deutscher Meister war man ein einziges Mal. 1959. Da gab es die Bundesliga noch gar nicht. Pokalsieger immerhin viermal. 1974 und 1975, 1981 und 1988. Es waren die Zeiten von Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein. Und von Karl-Heinz Körbel. Der Rekordspieler der Bundesliga, der immer noch die Eintracht-Fußballschule leitet, hatte der Coup überwältig: Als der „treue Charly“ den Cup vor der Siegerehrung auf der Empore des Berliner Olympiastadions abstellte, konnte der 63-Jährige gar nicht anders, als ihn wie früher in die Luft zu stemmen. Seit Körbel hat sich vieles verschoben: Was die Bayern heute im Merchandising umsetzen, ist bei den Hessen Gesamtetat. Wie absurd die (Leistungs-)Unterschiede geworden sind, trat vor drei Wochen hervor: Bayern gewann das Bundesligaspiel zwischen den Champions-League-Halbfinals gegen Real Madrid mit drei A-Jugendlichen und einem Amateurspieler mit 4:1.

Frankfurt mit seinen 740 000 Einwohnern — Tendenz stark steigend — wird gerne als heimliche Fußball-Hauptstadt Deutschlands bezeichnet, weil der DFB und die Deutsche Fußball Liga (DFL) hier ihren Sitz haben. Bald entsteht auf dem Gelände der Galopprennbahn für mehr als 100 Millionen Euro die Akademie. Es wäre nicht gut, wenn die Eintracht nur eine graue Maus bliebe. Der Bundesligist hat seit diesem Jahr mehr als 50 000 Mitglieder, baut auf einer veralteten Tennisanlage eine eigene Geschäftsstelle mitsamt Profitrakt. Die Teilnahme an der Europa League wird zum Treiber, endlich die internationale Strahlkraft zu vergrößern. Präsident Peter Fischer, bundesweit bekannt, seit er sich wortreich mit der AfD angelegt hat, bekannte in Berlin: „Nachdem, was ich da erlebt habe, werde ich nie an einem Herzinfarkt sterben. Ich sterbe also einen anderen Tod.“

Auch bei ihm ist die Rede von einem epochalen Ereignis, weil sich dieser Triumph mit der größten Tragik der eigenen Historie verknüpften lässt. Ganze viele Adlerträger empfangen es nämlich weit rückblickend nur gerecht, dass beim Foul von Boateng an Javier Martinez in der Nachspielzeit kein Elfmeter gepfiffen wurde, weil dem Verein mal ähnliches widerfahren ist.

Am letzten Spieltag der Saison 1991/92 im Ostseestadion Rostock: Frankfurt brauchte einen Sieg zur Meisterschaft. Beim Stande von 1:1 blieb die Pfeife des Schiedsrichter Alfons Berg nach einem klaren Foul an Ralf Weber stumm. Die entgangene Meisterschaft hatte Folgen.

Auf die Verschwörungstheorien folgte Misswirtschaft, um die Schale doch noch zu ergattern. Und obwohl die Eintracht in den 90er Jahren schon den „Fußball 2000“ zelebrierte, reichte es nie zum großen Wurf. Im Gegenteil: Frankfurt rutschte weiter ab, und viele behaupten, dass habe mit dem Trainer zu tun gehabt, der am Samstag in den Ruhestand ging: Jupp Heynckes. Nirgendwo wird dieser Fußballlehrer skeptischer gesehen als in Frankfurt, nachdem er sich 1994 mit Jay-Jay Okocha, Anthony Yeboah und Maurizio Gaudino überwarf. 1996 stiegen die Hessen das erste Mal ab.

Viele haben daher geunkt: Heynckes Fehlen auf der Siegerehrung sei kein Affront gewesen, sondern eine Logik der Geschichte, mit der Eintracht und Frankfurt jetzt ihren Frieden gemacht haben.

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