Deutschlands Fußballfrauen stehen vor ihrem ersten echten Härtetest

Frauen-WM 2019 : Bloß kein Elfmeterschießen – die deutschen Fußballerinnen stehen vor ihrem ersten echten Härtetest

Das WM-Achtelfinale gegen Nigeria stellt für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft einen besonderen Härtetest dar. Teampsychologin Birgit Prinz erspart sich in Grenoble die Begegnung mit ihrer unrühmlichen Vergangenheit

Drei gewaltige Gebirgsmassive umranden Grenoble: das schroffe Grande Chartreuse, der mit Schnee bedeckte Gebirgszug Belledone und der Gebirgsstock Vercors im äußersten Westen der französischen Alpen.

Die Stadt liegt in einer „cuvette“, in einer Schüssel, wie Einheimische sagen, was im Sommer regelmäßig für gewaltige Gewitter sorgt. Ein solches entlud sich am Freitagnachmittag just zu dem Zeitpunkt über dem Stade des Alpes, als die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei der Pressekonferenz über das WM-Achtelfinale gegen Nigeria (Samstag 17.30 Uhr/ ZDF) sprach.

Selbst der eilig herbeigebrachte Schirm konnte nicht verhindern, dass die Trainerin beim Abgang kräftig nass regnete. Danach zuckten Blitz und Donner.

Statt den Platz zu besichtigen verkrochen sich die deutschen Fußballerinnen fast ein bisschen ängstlich im Spielertunnel. Das alles muss ja kein schlechtes Omen sein, wenn die entscheidende Phase der Frauen-WM startet. Und in sieben Vergleichen haben die DFB-Frauen sieben Mal gegen Nigeria gewonnen.

„Alle Spielerinnen sind sich dessen bewusst, dass es ein K.o.-Spiel ist. Und es darum geht, eine Runde weiterzukommen oder nach Hause zu fliegen“, versicherte Voss-Tecklenburg. Die 51-Jährige drückte beinahe ihr Bedauern aus, dass das Team des geschätzten schwedischen Kollegen Thomas Dennerby erst am Donnerstagabend von der Qualifikation für die Runde der letzten 16 erfahren hatte, um dann am Freitag noch schnell von Rennes nach Grenoble zu fliegen.

„Sie sind durch ein Wellental gegangen, waren mal raus, dann doch weiter. So aufgewühlt schläft man schlecht und muss sich auf ein solches Spiel einstellen.“ Asisat Oshoala und Co. führten im Hotelflur wahre Veitstänze auf; die Freude soll die Müdigkeit übertünchen.

„Wir wissen, dass da ein Brocken auf uns zukommt“, hatte Voss-Tecklenburg in einer ersten Reaktion gesagt, „sie haben eine gute Mentalität, viel Tempo und körperliche Präsenz.“ Ein Eindruck, der bereits bei der WM 2011 in Deutschland aus dem letzten Aufeinandertreffen haften blieb.

Der Abnutzungskampf im Frankfurter Stadtwald im zweiten Gruppenspiel (1:0) mündete dann in den Eklat um Birgit Prinz, deren Auswechslung zum unrühmlichen Schlussakt einer beispiellosen Länderspielkarriere (214 Spiele/ 128 Tore) wurde. Das Abklatschen mit der Bundestrainerin Silvia Neid war mehr ein Frustschlagen.

Kurios: Der Teampsychologin bleibt die Begegnung mit der Vergangenheit erspart, weil sie absprachegemäß vor dem Achtelfinale abgereist ist. Die 41-Jährige würde zu einem möglichen Viertelfinale in Rennes wieder zum Team stoßen, hieß es von DFB-Seite.

Die Ikone des deutschen Frauenfußballs wird heute in den französischen Alpen also niemand in die Hände schlagen. Weder zur Aufmunterung noch zum Frustabbau. Über ihr Wirken hinter den Kulissen darf ohnehin gerätselt werden: Die meisten Spielerinnen haben zuletzt die Prinz-Präsenz gelobt, doch von einer intensiven Unterredung hat kaum jemand erzählt. Im Gegenteil.

Die mentale Komponente ist nicht zu unterschätzen: Während der zweifache Weltmeister zum Siegen verdammt ist, hat der Weltranglisten-38. nichts mehr zu verlieren. Wer sich schon im Flieger auf der Heimreise wähnte und plötzlich in den französischen Alpen weiterspielen darf, hat kaum mehr Druck. Trotzdem ist davon auszugehen, dass sich Nigeria ähnlich defensiv verhält wie gegen Frankreich (0:1), bis ein wiederholter Elfmeter zur Niederlage führte.

Erst während der gestrigen Fragerunde erfuhr die Bundestrainerin davon, dass das International Football Association Board (IFAB) zwar unbedingt daran festhalten will, jede Elfmeterausführung mit dem VAR-Einsatz weiter zu überwachen, aber wenigstens sollen den Torhüterinnen beim Elfmeterschießen keine Gelbe Karte mehr unter die Nase gehalten werden, wenn sie Zentimeter vor der Torlinie stehen.

„Das gibt den Torhüterinnen mehr Freiheit im Kopf“, sagte die Fußballlehrerin, die ansonsten die Regelauslegung „doof“ findet: „Bald müssen wir dem Torwart noch ein Bein anbinden“. Die Anweisung sei unsinnig, „sie macht den Fußball noch komplizierter.“

Immerhin sei ihre Nummer eins Almuth Schult „eine interessierte Torhüterin“, die sich auf die neuen Gegebenheiten – und seien sie noch so praxisfremd – einstellen werde. Generell wünscht sie sich, „dass wir nicht in diese Situation kommen“.

Um das vierte WM-Spiel möglichst ohne Elfmeterschießen erfolgreich zu gestalten, sind ein besserer Spielaufbau und eine bessere Passqualität gefragt. Insofern ganz dienlich, dass Voss-Tecklenburg das Mitwirken von Dzsenzifer Marozsan nach ihrem Zehenbruch nicht mehr ausgeschlossen hat.

Nur in der Startelf werde die Spielmacherin gegen Nigeria noch nicht stehen, verriet die Trainerin noch, während draußen der Regen von Minute zu Minute stärker wurde.

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