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Ex-Gladbach-Profi: Der besondere Weg des Amin Younes

Ex-Gladbach-Profi : Der besondere Weg des Amin Younes

Erst Gladbach, dann Lautern, irgendwann stockte die Karriere. Dann begann das Abenteuer Ajax Amsterdam. Jetzt ist der 23-Jährige der erste deutsche Nationalspieler aus einem niederländischen Verein.

Düsseldorf. Was es braucht, um zurückzukommen? Einen, der an dich glaubt. Wirklich gute Ratschläge. Den unbedingten Willen, sie zu befolgen. Und eine Umgebung, die dir gleichermaßen Druck wie Wohlgefühl vermittelt. Klingt wie aus einem Ratgeber: Oft etwas abgedroschen geschrieben, aber dann eben doch erfolgreich, weil die Nachahmer nach dem Rezept gieren. Wann wohl das nächste deutsche Talent zu Ajax Amsterdam wechselt?

Amin Younes kann das empfehlen. Der 23 Jahre alte junge Mann, Mutter Deutsche, Vater Libanese, geboren in Düsseldorf, wird ziemlich euphorisch, wenn er über den Verein spricht, der sein Leben auf den Kopf gestellt hat. „Ein Privileg, dort zu spielen.” 180 Grad. Zwei Jahre Amsterdam haben Younes‘ Karriere derart beschleunigt, als habe er dort alles im Zeitraffer nachgeholt, was zuvor irgendwo zwischen Talent und ewigem Talent zu oft stockte. Als es bei Borussia Mönchengladbach unter dem Trainer Lucien Favre nicht mehr weiterging. „Geduld, Geduld, deine Zeit wird kommen", hatte Favre immer gesagt, der später mit dem nächsten Fohlen-Talent Mahmoud Dahoud ähnlich umgegangen ist. Aber Younes wollte das irgendwann nicht mehr hören. Wer jeden Gegenspieler im Duell stehen lässt und über den Rasen dribbelt, kann nicht auf Bänken oder Tribünen sitzen, wenn es ernst wird.

Younes schätzt Gladbach noch heute, ist dankbar für die Ausbildung im Verein, die er mit sechs Jahren begann, eigentlich für alles, aber dann musste er vor allem: weg. Favre hatte ihm kaum mehr Pflichtspielminuten zugestanden. „Das war hart“, erinnert er sich. Kommt da noch was? Kaiserslautern kam, 2. Liga, eben jenes Metier, in dem sich Athletik und Härte potenzieren, nicht unbedingt was für durchaus sensible Techniker. Es gibt Fußballer, die fallen in der 2. Liga kaum auf und zaubern eine Etage höher Glanz in die Hütte. Vielleicht wird man das schon bald auch über Amin Younes sagen. Die Zeit ist reif dafür.

Auch Lautern habe ihn weitergebracht, sagt Younes, er sei härter geworden, reifer. Und dann kommen wir zu Punkt 1 des Ratgebers: Einer muss her, der an dich glaubt. Es wird Horst Hrubesch. Das Kopfballungeheuer von einst trifft auch mal solche Entscheidungen, an die er glauben muss, weil Widerstand kommt. Eine davon war, den mehr oder weniger unauffälligen Zweitliga-Spieler Younes zur festen Größe in der U 21 zu machen. „Ich habe unglaublich viel gelernt von ihm“, sagt Younes wenige Tage, nachdem er mit Ajax Amsterdam das Finale in der Europa League gegen Manchester United mit 0:2 verloren hat. Kein Titel, aber doch so viel gewonnen.

Klingt nicht nach Kaiserslautern, nicht nach Pirmasens, wo er am 16. Mai 2015 vor 400 Zuschauern mit der Lauterer Reserve gekickt hat. Ajax ist größeres Kino, für Younes ist es derzeit alles. Wie es Hrubesch für ihn war: „Er hat mir so unfassbar viel Vertrauen gegeben. Ich bin sehr froh, dass ich ihm zeigen konnte, dass es sich lohnt.“ Vor zwei Wochen hat Jogi Löw angerufen. Der nächste Schritt, von der U 16 bis in die U 21, jetzt A-Mannschaft, einfach so. Das Handy klingelte. „Klasse, dass er das so persönlich macht“, findet Younes. Das erste Länderspiel ist schon gespielt. Ab der 66. Minute kam Younes für Matthias Ginter ins Spiel gegen Dänemark, danach schrieb die „Süddeutsche Zeitung“: „Der kann tatsächlich ganz schön wuseln.“ Auch jetzt gegen San Marino?

Younes‘ Bühne wird immer größer, aber je gewaltiger es wird, desto zielgerichteter und gleichzeitig bescheidener ist der kleine Techniker, den Ajax-Teamkollege Heiko Westermann vor nicht langer Zeit als den vielleicht „besten deutschen Eins-gegen-Eins-Spieler“ bezeichnet hat. Er musste es im Training erfahren. Wieder und wieder.

Nationalmannschaft? Unfassbar. Aber auch Auftrag. „Ich habe den Glauben und die Hoffnung, dass ich auf dem Niveau helfen kann“, sagt Amin Younes. Marc-André ter Stegen, Leon Goretzka, Emre Can, es sind einige Spieler dabei, die Younes kennt, lange kennt. „Ich komme von einer jungen Mannschaft in die andere“, sagt er über Ajax und Löws Confed Cup-Kader. „Aber das sind alles gestandene Bundesligaspieler.“ Da will er noch hin. Wieder hin. Wann? Abwarten. Leipzig und Dortmund sollen interessiert sein. Seine Karten sind nicht schlechter geworden mit der neuen Bühne, auch wenn Younes‘ Vertrag in Amsterdam noch bis 2019 läuft.

Eigentlich will Younes vor allem spielen. Den Rest macht der Berater. Und die Familie. Sein Umfeld, das ihm so sehr geholfen hat, als er sich selbst auf neue Füße gestellt hat vor zwei Jahren. Mit passender Ernährung. Glutenfrei. Mit harter Arbeit, „die sich jetzt auszahlt, das ist wirklich schön“. Und mit der Wohlfühlarena Ajax-Schule, mit Vorbildern wie Marc Overmars, Edwin van der Sar oder seinen Trainern, zuletzt Peter Bosz, der gerade nach Dortmund gewechselt ist. Und dem Younes zuschreibt, er sein ein Trainer mit „deutscher Mentalität“, weil er Wert auf Zusammenspiel und Verständnis untereinander lege. Drei Tore und neun Vorlagen in der Eredivisie. Drei Tore und vier Vorlagen in der Europa League. Das sind die Zahlen, aber da ist auch noch mehr. Fast immer spielt Younes. Auch eine Hauptrolle. Er hat lange genug gesessen. Und Nebenrollen bekleidet.