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Das Camp der arbeitslosen Fußballer

Fußball-Bundesliga : Das Camp der arbeitslosen Fußballer

Die Spielergewerkschaft VDV versucht, die arbeitslosen Kicker fit zu halten und wieder zu vermitteln. In der Corona-Krise ist das besonders schwierig.

 Auf Platz 3 der Sportschule Wedau sind die Schattenplätze rar an diesem sonnigen Vormittag. Eine Deutschland-Fahne flattert in der vergangenen Woche sanft im Wind neben den großen Bäumen, unter denen sich die meisten der rund 70 Kiebitze versammeln. Es ist eine bunte Mischung aus Beratern, Trainern, Scouts, Journalisten und Familienangehörigen, die der Vergleich zwischen einer Auswahl vereinsloser Vertragsfußballer und dem Wuppertaler SV (0:2) angelockt hat.

Das Testspiel hat die Spielergewerkschaft VDV organisiert, deren  Trainer Peter Neururer hinterher arg unzufrieden wirkt: „Drei, vier Leute müssen erkennen, dass sie für den bezahlten Fußball eher nicht geeignet sind.“ Man habe schließlich nicht  gegen einen Bundesligisten, „sondern einen Regionalligisten verloren“. Er müsse wohl „dem einen oder anderen Spieler Augen öffnen, die Berater gerne verschließen.“ Der Motorradfreak, Schnauzbartträger und Stammtischplauderer rät dann im Vier-Augen-Gespräch dazu, lieber nicht darauf zu setzen, mit der schönsten Nebensache der Welt den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Das Camp läuft seit Anfang August bereits zum 18. Mal, und doch ist diesen Sommer vieles anders. Die Corona-Krise hat auch das scheinbar gegen alle Krisen resistente Fußball-Geschäft mit  voller Wucht getroffen. „Die Ansprüche runterschrauben“ ist ein geflügelter Satz hinter der Absperrkette, wenn Agenten von der Marktlage erzählen.

Das VDV-Sommercamp garantiert vereinslosen Fußballern regelmäßiges Training, medizinische Betreuung, sogar die Unterbringung im großen Wohnturm. Bei 80 Prozent lag in den vergangenen Jahren die Vermittlungsquote. Ob die nun wieder erreicht wird, ist völlig ungewiss, erklärt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Besonders schlimm sind die Einnahmeeinbußen für die Klubs der 3. Liga und Regionalligen, die zu einem Gutteil von Zuschauereinnahmen leben.  Baranowsky beobachtet speziell in den fünf Regionalligen, also dem Unterbau des deutschen Profifußballs, den Trend zur Deprofessionalisierung. „Wo in der letzten Saison noch ein Vollzeitprofi zu einem Gesellengehalt beschäftigt war, wird in der neuen Spielzeit vielleicht nur ein bezahlter Feierabendkicker auf Minijob-Basis eingestellt.“  Und wenn ein Regionalligaspieler plötzlich in der Pandemie von weniger als 800 Euro Kurzarbeitergeld leben soll, würden sich zwangsläufig Probleme ergeben.

Generell ist es ja verkehrt, wenn eine im Spitzenbereich zu ungezügelten Exzessen neigende Branche mit ihren exorbitanten Ablösesummen und Gehältern zu mehr Bodenständigkeit gezwungen wird. Doch wie so oft beißen die Hunde die Kleinen zuerst. Nicht die rund 550 Erstligaprofis leiden unter den Einschnitten. „Spitzenspieler, die in der Bundesliga sehr viel Geld verdienen konnten, haben im Normalfall keine finanziellen Sorgen“, erklärt Baranowsky. Vertragslose Bundesliga-Akteure wie Vedad Ibisevic (Hertha BSC), Philipp Bargfrede und Sebastian Langkamp (beide Werder Bremen), Fabian Johnson (Borussia Mönchengladbach) oder Daniel Baier (FC Augsburg) sind denn auch auf das erste telefonische Kontaktangebot der VDV gar nicht eingegangen. Früher haben sich in Duisburg noch A-Nationalspieler wie Christian Rahn oder Lukas Sinkiewicz blicken lassen.

Jetzt haben sich eher namenslose Akteure angemeldet. Sie kommen vom FV Illertissen oder 1. FC Nürnberg II, TuS Koblenz oder Eintracht Frankfurt U19. „In den seltensten Fällen bieten sich die Spieler hier für die Bundesliga an“, weiß Neururer, der mit 65 Jahren schon das dritte Mal das VDV-Camp leitet. In der Pandemie verkneift sich der Stimmungsmacher bewusst die flotten Sprüche: „Der Optimismus fällt mir hier besonders schwer, weil man den Spielern klarmachen muss, dass die Lage in Deutschland noch nie so dramatisch war wie jetzt.“

Baranowsky glaubt, dass am Ende mindestens bis zu 50 Spieler vorbeigeschaut haben werden, die raus aus der Warteschleife wollen. Der 45-Jährige kann Spielern ohne Verein die Teilnahme nur empfehlen: „Das ist besser, als halbherzig durch den Wald zu laufen und zu hoffen, dass jemand mit einem super Vertragsangebot anruft. Das wird nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren.“ In allen Spielklassen müssen gerade Kader verschlankt und Personalkosten gespart werden. Daher wird bei der Spielergewerkschaft nicht nur fleißig trainiert, sondern auch viel telefoniert. Die mündliche Hilfe in den Bereichen Laufbahncoaching, Bildung, Rechtsberatung, aber auch Sportpsychologie sei jetzt besonders gefragt, erzählt der Geschäftsführer. Arbeitslose Kicker können auch noch nach Abschluss der Transferperiode, in Deutschland am 5. Oktober, verpflichtet werden.

Der Markt ist derzeit von viel Zurückhaltung geprägt. Trotzdem wird genau hingeschaut. Beim Testkick steht der ehemalige Bundesliga-Torwart Georg Koch auf Höhe der Strafraumlinie: Er ist von einem Klub beauftragt, sich mal einen Keeper näher anzusehen. Zu den Folgen der Pandemie hat Koch, der früher selbst schon als Torwarttrainer fürs VDV-Camp mitgearbeitet hat, eine klare Meinung: „Die erste und zweite Liga jammern auf hohem Niveau, aber die dritte und vierte Liga, die sind richtig gebeutelt.“ Eine halbe Platzlänge weiter sitzt der Trainer Stefan Vollmershausen (Alemannia Aachen) und schaut nach günstigen Verstärkungen. Kollege Oliver Reck (SV Jeddeloh II) hat sich in die hinterste Ecke zurückgezogen. Der ehemalige Bremer Meistertorwart sagt lapidar zu seinem Kommen: „Ich gucke mir gerne gute Fußballspiele an.“

Auffällig ist das enorme Leistungsgefälle in der Arbeitslosen-Auswahl. Der Lauteste trägt die Kapitänsbinde: Robert Müller hat beim Regionalligisten Energie Cottbus keinen neuen Vertrag bekommen. Der Verteidiger war mal U21-Nationalspieler, kam 2006 ein einziges Mal für Hertha BSC in der Bundesliga zum Einsatz und hat danach mehr als 300 Drittligaspiele bestritten. Der 33-Jährige begrüßt es ausdrücklich, „mal wieder mit den Jungs in der Kabine zu frotzeln“. Er habe immer noch Lust auf Fußball. Ein, zwei Angebote hat er abgelehnt, „weil es bei mir passen muss, schließlich bin ich schon 15 Jahre in dem Zirkus drin“. Und ganz unter Wert will er sich denn auch nicht verkaufen.

Marian Sarr schien es sogar ganz nach oben geschafft haben, als er mit Borussia Dortmund in der Champions League zum Einsatz kam. Doch der Traum vom gestandenen Bundesliga-Spieler erfüllte sich für das vermeintliche Ausnahmetalent nie. In der vergangenen Saison hat ihn der Drittliga-Absteiger Carl-Zeiss Jena nach neun Spieltagen aussortiert. Das Camp sei definitiv „was Besseres, als alleine seine Runden zu drehen“, sagt der 25-Jährige. Der  Offensivspieler, der im Testspiel einen zurückhaltenden Auftritt hingelegt hat, sehnt sich nach einem Tapetenwechsel. „Ich schaue prinzipiell ins Ausland. Ich möchte was Neues machen.“ Niederlande, Belgien oder Frankreich nennt er als Wunschziel für den nächsten Profivertrag. Und wenn das nicht klappt? Bliebe noch der Weg, für den sich sein jüngerer Bruder Wilfried entschieden hat. Baranowsky sieht in ihm sogar das beste Beispiel, wie die Krise auch zu meistern ist. Wílfried Sarr habe sich irgendwann lieber um seine berufliche Weiterbildung gekümmert und im Finanzbereich eine Anstellung gefunden. Fußball spielt der in Essen geborene 24-Jährige nur noch nebenbei: für die SpVg Schonnebeck in der Oberliga Nordrhein.