Claudia Roth: „Eine gemischte Doppelspitze für den DFB kann ich empfehlen“

Interview : Claudia Roth: „Eine gemischte Doppelspitze für den DFB kann ich empfehlen“

Die Grünen-Politikerin und Fußballexpertin Claudia Roth spricht im Interview über den Fall Grindel und die Folgen.

Claudia Roth ist Politikerin, aber auch Fußballexpertin. Ein Gespräch mit der Grünen-Politikerin über die Fehler des zurückgetretenen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, eigene Ambitionen und den Umgang der Fifa mit dem Fußball.

Frau Roth, der DFB steckt in einer Dauerkrise. Wäre das mit einer Frau an der Spitze nicht passiert?

Claudia Roth: So pauschal lässt sich das nicht sagen. Es geht aber auch gar nicht um Personen. Die Reform des Fußballs scheitert seit Jahren vor allem daran, dass ständig über Namen, nicht über Strukturen gestritten wird.

Dennoch: Sollte der nächste Präsident eine Präsidentin sein?

Roth: Ich sehe jedenfalls nichts, was dagegen spräche. Oder gegen eine gemischte Doppelspitze. Wir Grünen haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Zwei Perspektiven, die Möglichkeit zum Austausch, Arbeitsteilung - ich kann‘s nur empfehlen.

Sie sind sehr gut vernetzt und vom Fußball begeistert. Interesse an dem Job?

Roth: Noch mal: Es geht um Strukturen, nicht Personen. Erst recht nicht um die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Reinhard Grindel hat viele Fehler gemacht. Was war aus Ihrer Sicht der schwerwiegendste?

Roth: Der DFB ist seiner Verantwortung auch unter Reinhard Grindel nicht gerecht geworden. Konkrete Vorwürfe mit Blick auf die Vergabe der WM 2006 wurden kaum aufgeklärt. Spieler, die rassistisch beleidigt wurden, wurden kläglich alleingelassen. Und die Distanz zwischen Amateur- und Profifußball beträgt weiterhin Welten.

Das ist eine ziemlich lange Liste. Was empfehlen Sie dem DFB?

Roth: Zunächst mal Aufarbeitung: WM 2006, fragwürdige Zusatzzahlungen, undurchsichtige Entscheidungen – da ist einiges Vertrauen verlorengegangen. Zugleich benötigt ein Verband, der längst Konzerngröße hat, neben professionellen Strukturen auch entsprechende Kontrollmechanismen. Und natürlich sollte der DFB seine Rolle in Uefa und Fifa überdenken.

Was meinen Sie konkret?

Roth: Fifa-Chef Gianni Infantino ist dabei, den internationalen Fußball an den Meistbietenden zu verhökern. Auf Druck der Sponsoren wird nun sogar diskutiert, bereits die WM 2022 in Katar auf 48 Teams auszuweiten. Im Winter. Mit Spielen in Saudi-Arabien, das mit Katar auf diplomatischem Kriegsfuß steht und den Jemen niederbombt. Absolut irre! Der mächtige DFB könnte hier deutlich widersprechen. Er könnte sich auch federführend dafür einsetzen, dass die Vergabe von Turnieren endlich an verbindliche Menschenrechtskriterien geknüpft wird. Beides passiert allenfalls bedingt...

...weil es am Ende ums große Geld geht. Das wissen Sie doch auch.

Roth: Ich möchte den Funktionären des DFB nicht die Begeisterung für den Fußball absprechen, seinen sieben Millionen Mitgliedern schon gar nicht. Aber ja, wir haben den Fußball zum Spekulationsobjekt verkommen lassen. Auch in Deutschland, wo zuletzt weitestgehend die Vereine kassiert haben, die ohnehin nicht am Hungertuch nagen.

Sie waren jetzt in Katar. Was haben Sie an Eindrücken mitgenommen?

Roth: Ich habe ein Land erlebt, das auf vielen Ebenen anpackt, zugleich aber – nicht zuletzt als WM-Ausrichter – weiterhin vor enormen Herausforderungen steht.

Katar stand heftig in der Kritik wegen des Umgangs mit Arbeitern auf den WM-Baustellen. Hat sich die Lage verbessert?

Roth: Jedenfalls zum Teil. Katar hat begonnen, sein Arbeitsrecht zu erneuern, kooperiert mit der Internationalen Arbeitsorganisation, will das berüchtigte Kafala-System reformieren. In der Region ist das einmalig. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Menschenrechtsaktivisten zeichnen kein so gutes Bild von dem Wüstenstaat.

Roth: Gerade in Sektoren, die nicht derart unter Beobachtung stehen wie das Baugewerbe, ist die Lage alarmierend. Amnesty International berichtet von systematischen Menschenrechtsverletzungen gegen ausländische Hausbedienstete, von ausbleibenden Löhnen, von Zwangsarbeit. Es wäre deshalb fatal, jetzt – oder nach der Weltmeisterschaft – einfach wieder wegzuschauen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung