Christopher Antwi-Adjej: Von Sprockhövel in die Bundesliga

Keine klassische Fußballer-Karriere : Wie eine Schmerztablette Christopher Antwi-Adjej von Sprockhövel in die Bundesliga brachte

2017 spielte Christopher Antwi-Adjej noch in der viertklassigen Regionalliga. Dann ging es für ihn nach Paderborn – und steil nach oben.

Wer weiß, welchen Verlauf das Leben von Christopher Antwi-Adjej genommen hätte, hätte Andrius Balaika nicht auf den Einsatz seines Flügelflitzers gepocht. Rückblick in den April 2017. Am Vorabend des Westfalenpokal-Halbfinals gegen den SC Paderborn geht es dem Spieler der TSG Sprockhövel nicht gut. Der Knöchel schmerzt. Also bittet der damals 23-Jährige seinen Trainer um eine Auszeit, damit er sich für den Abstiegskampf in der Regionalliga West schonen kann.

Die Antwort von Balaika fällt knapp aus: „Nimm eine Schmerztablette, dann geh raus und spiel.“ Antwi-Adjej gehorcht – und macht einen entscheidenden Schritt in Richtung Profifußball. Denn die TSG hält an diesem Frühlingsabend gut mit, zwingt den damaligen Drittligisten sogar in die Verlängerung. Und „Jimmy“, wie Antwi-Adjej seit Jugendzeiten genannt wird, spielt auffällig, ist dank seiner Technik und seines Tempos an vielen guten Szenen des Underdogs beteiligt und hat in der zweiten Hälfte sogar die 2:1-Führung auf dem Fuß.

Antwi-Adjej hätte auch nach Wattenscheid wechseln können

Am Ende scheidet Sprockhövel zwar aus, doch „Jimmy“ hat Eindruck hinterlassen. Einige Tage später klingelt sein Handy. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Markus Krösche, der Geschäftsführer Sport des SC Paderborn. Er wolle den gebürtigen Hagener zum Drittligisten nach Ostwestfalen holen. Antwi-Adjej, der zum Zeitpunkt des Anrufs vor der Geschäftsstelle der SG Wattenscheid 09 steht, um sich mit Trainer Farat Toku über einen Wechsel zu unterhalten, entscheidet sich am Ende für Paderborn.

Das Magazin „11 Freunde“ hat diese Anekdote vor kurzem in einem Porträt über den Aufstieg des pfeilschnellen Rechtsfüßers erzählt. Sie ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für den viel zitierten Spruch „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“ Denn während Paderborn 2017 nur dank des Lizenzentzugs von 1860 München in der 3. Liga bleiben darf und innerhalb von zwei Jahren sensationell den Durchmarsch in die Bundesliga vollzieht, kämpfen die finanziell chronisch klammen Wattenscheider aktuell um die Existenz in der Regionalliga West. Erst Ende August musste der Traditionsclub einen Insolvenzantrag stellen.

Dass Antwi-Adjej überhaupt noch den Sprung in den bezahlten Fußball geschafft hat, grenzt schon an ein Wunder. Immerhin durchlief er – bis auf ein zweijähriges Intermezzo in der Jugend des MSV Duisburg – nicht die klassische Ausbildung in einem Nachwuchsleistungszentrum. Er blieb jahrelang unter dem Radar. Seine ersten Seniorenjahre erlebte er in der fünftklassigen Oberliga Westfalen bei Westfalia Herne und der TSG Sprockhövel. Dort avancierte „Jimmy“ schnell zum Leistungsträger und steuerte zum Aufstieg in die Regionalliga im Jahr 2016 zwölf Tore und 15 Vorlagen bei. Dazwischen geht er studieren. Auch eine Liga höher kann sich der 1,73 Meter große Linksaußen behaupten und kommt trotz des Abstiegs mit der TSG auf beachtliche zehn Scorerpunkte (acht Tore, zwei Assists) in 29 Einsätzen.

Schon damals war Andrius Balaika von einer goldenen Zukunft seines Schützlings überzeugt. „Wenn er an sich arbeitet, hat er mindestens das Zeug, ein guter Zweitligaspieler zu werden“, sagte er kurz nach dessen Wechsel nach Paderborn und schob hinterher: „Paderborn kann sich freuen, so einen Spieler bekommen zu haben.“

In der Tat ist die mittlerweile zweijährige Liaison durchweg von Erfolg gekrönt. In einer Mannschaft, die im Kern für die Regionalliga zusammengestellt wurde, schwang er sich auf Anhieb zum Leistungsträger auf. Acht Tore und fünf Vorlagen standen am Saisonende der ersten Profisaison seiner Karriere zu Buche. Ein Jahr schloss er die Zweitligaspielzeit mit zehn Toren und drei Assists ab – und als Bundesligaaufsteiger.

Klingt wahrlich nach einem Märchen, ist bei genauerer Betrachtung aber einfach das Resultat harter Arbeit sowie eines klaren Plans, den sein Trainer Steffen Baumgart vorgibt. Der sieht vor allem Attacke vor, und zwar schnell, mit vollem Einsatz. Statt mehrfach das Spielsystem während der 90 Minuten hin- und her zu wechseln, zieht der SCP einfach gnadenlos sein Ding durch. Das passt zu Antwi-Adjej und seiner zielstrebigen Art auf dem Platz.

Diese soll ihn und Paderborn zum Klassenerhalt führen. Kein leichtes Unterfangen. Aber der Glaube daran ist da. Am Sonntag (18 Uhr) kommt Schalke 04. Von solchen Spielen konnte „Jimmy“ früher nur träumen. Jetzt sind sie Realität.

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