Wie Gladbach einst Borussia Dortmund vom Platz fegte

Wie Gladbach einst Borussia Dortmund vom Platz fegte

Völlig losgelöst: Vor 40 Jahren gewann Borussia Mönchengladbach gegen Dortmund mit 12:0. Es ist bis heute der höchste Sieg in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Und doch waren es drei Treffer zu wenig.

Mönchengladbach. Im Borussia-Park zu Mönchengladbach geht es steil bergauf. Der neue Gebäudekomplex entlang der Westtribüne mit Hotel, Vereinsmuseum, Fan-Shop und medizinischem Zentrum hat luftige Höhen erreicht und nähert sich der Fertigstellung. Irgendwann im Oktober wird die imposante „Fohlen Welt“ an der Hennes Weisweiler Allee feierlich eingeweiht. Zu einem letzten Höhenflug will auch der heimische Fußball-Bundesligist ansetzen.

Foto: Imago

Vor 40 Jahren ging es allerdings um ganz andere Dimensionen. Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1977/1978 endete eines der größten Spiele in der Gladbacher Vereinsgeschichte mit einem 12:0-Sieg gegen Borussia Dortmund. Die Fünf-Tore-Show von Jupp Heynckes war der Höhepunkt in diesem legendären Tor-Festival, dem bis heute höchsten Sieg überhaupt in der 1963 gegründeten Fußball-Bundesliga.

„Was alles so kinderleicht aussah, war in Wirklichkeit hart erarbeitet“, erinnert sich Heynckes an seine letzten 90 Minuten als Bundesliga-Kicker im Gespräch mit dieser Zeitung, „auch unsere Defensivabteilung hatte ihren Anteil daran. Winni Hannes, Berti Vogts, Jürgen Wittkamp und andere haben uns von Anfang an den Rücken frei gehalten. So konnten wir fast ungebremst auf Torejagd gehen.“ Der BVB schaute ehrfurchtsvoll zu. Nach dem Ende des Gladbacher Offensiv-Feuerwerks im Düsseldorfer Rheinstadion, in das die Gladbacher wegen der Umbauarbeiten auf ihrem Bökelberg für die beiden letzten Saisonspiele ausgewichen waren, blickten Spieler und Zuschauer noch einmal ungläubig auf die große Anzeigetafel des Stadions, die an ihre Grenzen gestoßen war. Randvoll war sie; mit Zahlen und Namen. Mit den Helden des Spiels. Mehr Tore als das volle Dutzend hätten gar nicht darauf gepasst.

„Vielleicht war das auch gut so“, sinniert Wilfried Hannes, der damalige Abwehr-Chef der Elf vom Niederrhein, „da wäre dann schnell von einem faden Beigeschmack oder gar Schiebung die Rede gewesen.“ Denn hätten die von Udo Lattek trainierten Borussen am letzten April-Samstag vor 40 Jahren drei weitere Mal getroffen, wären sie am 34. Spieltag noch am 1. FC Köln vorbeigezogen, der zeitgleich beim schon feststehenden Absteiger FC St. Pauli 5:0 siegte.

Niemand hatte allerdings ernsthaft noch an den Gewinn der deutschen Meisterschaft geglaubt. „Nein, wirklich nicht. Und alles andere hat sich einfach so ergeben. Wir waren völlig losgelöst“, sagt Mittelfeldakteur Horst Wohlers auf den Punkt, der sich gerne am Torsegen vor 40 Jahren beteiligt hätte, „aber dann kamen wieder die Stürmer wie ein Schwarm und haben mir den Ball stibitzt. Einmal auch der Jupp.“

Für BVB-Torwart Peter Endrulat, der damals den verletzten Stammkeeper Horst Bertram vertrat, war das Spiel im Rheinstadion der Anfang vom Ende. Einen Tag nach dem Debakel erfuhr er, dass sein Vertrag in Dortmund nicht verlängert würde. Dem Magazin 11 Freunde sagte Endrulat einmal: „Ich wollte unbedingt drin bleiben, nicht noch mal sechs Tore kassieren wie bis zur Pause. Es war wohl die falsche Entscheidung.

Endrulat, seinerzeit 23, landete nach sieben Bundesliga-Einsätzen für Schalke (1) und Dortmund (6) bei Tennis Borussia Berlin. 2. Liga, immerhin. BVB-Coach Otto Rehhagel musste zwar ebenfalls seine Koffer packen, doch im Gegensatz zu Endrulat konnte dem gebürtigen Essener die peinliche Abfuhr nur wenig anhaben. Er war schnell wieder im Geschäft, wechselte zu Arminia Bielefeld und avancierte zu einem der erfolgreichsten deutschen Fußball-Trainer.

Borussia Mönchengladbach, einstige „Torfabrik vom Bökelberg“, erzielte in jener Spielzeit vor 40 Jahren insgesamt 86 Treffer, die zweitbeste Ausbeute in ihrer 50-jährigen Bundesliga-Geschichte — eine Zahl, die selbst für Rekordmeister München oder auch den BVB in seinen Glanztagen nicht selbstverständlich ist. Von solchen Spitzenwerten sind die „Fohlen“ der Neuzeit tatsächlich weit entfernt.

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