Uwe Seeler: „Ich vermisse nichts“

Uwe Seeler: „Ich vermisse nichts“

Hamburg (dpa) - Fußball-Idol Uwe Seeler ist ein Hamburger Wahrzeichen und ein Prototyp für Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Kampfgeist. Zum Empfang beim Hamburger SV kommen zu seinem 75. Geburtstag 300 Leute.

Seeler mag es eigentlich nicht, im Mittelpunkt zu stehen. „75 ist doch auch nur ein normaler Geburtstag“, sagt der Jubilar. Doch er freut sich darauf, mit langjährigen Weggefährten zu klönen.

Haben Sie die Folgen des Autounfalls vor einem Jahr weggesteckt?

Seeler: „Im Moment bin ich ganz stabil. Ich kann auch wieder Auto fahren. Ich wurde zweimal an der Halswirbelsäule operiert und habe Bewegungseinschränkungen, aber keine Schmerzen. Meine Hörfähigkeit habe ich auf einem Ohr verloren. Ein Hörgerät hilft nicht mehr. Aber ich gehe damit offen um.“

Müssen Sie deswegen auf den Golfsport verzichten?

Seeler: „Nicht ganz. Mich mit Freunden auf dem Platz treffen, lachen und klönen, ab und zu abschlagen, anschließend ein kleines Pils trinken und 'ne Frikadelle genießen - das ist Lebensqualität. Und die will ich mir erhalten.“

Der HSV mutet Ihnen in dieser Saison viel zu. War das Ihr schwerstes Jahr?

Seeler: „Das ist es immer noch. Ich habe die Hoffnung, dass es irgendwann bergauf geht. Trainer Thorsten Fink kann ich nur viel Glück wünschen. Man muss jetzt aufbauen, aber mit Vorsicht. Noch ist kein Führungsspieler da. Auch die Erfahrenen rufen die gewohnten Leistungen nicht ab.“

Ist Ihnen der Stadionbesuch ein Gräuel geworden?

Seeler: „Früher war es reine Freude. Jetzt gehe ich nur noch mit einem mulmigen Gefühl ins Stadion. Wir müssen jetzt um jeden Punkt kämpfen. Früher hatten wir gesagt: Die putzen wir weg! Heute ist das nicht mehr so. Egal welcher Tabellenplatz am Ende rauskommt: Hauptsache, wir steigen nicht ab.“

Sind Sie noch beruflich aktiv?

Seeler: „Bis Ende 2011 bin ich für Adidas tätig. Dann sind das mehr als 50 Jahre.“

Haben Sie Probleme mit dem Alter?

Seeler: „Die hat wohl jeder. Aber deswegen zu hadern halte ich für völlig verkehrt. Man kann nur machen, was man schafft. Ausschalten sollte man auf jeden Fall Hektik. Da muss man die Bremse ziehen.“

Aber vor Ihrem runden Geburtstag hetzten Sie von einem Termin zum nächsten ...

Seeler: „Zwei Tage vor dem Geburtstag mache ich Pause mit den Interviews, damit ich zum Nachdenken komme.“

Wie viele Interviews waren es denn?

Seeler: „Weit mehr als 50. Ein bisschen Pflicht ist ja auch dabei.“

Sie sind ein Idol hierzulande. Wurmt es Sie, keinen großen internationalen Titel ergattert zu haben?

Seeler: „Wenn ich schon bei vier Weltmeisterschaften dabei war, wäre ich auch gern einmal Weltmeister geworden. Aber ich hatte nicht das Glück. Trotzdem war alles wunderschön. Ich vermisse nichts.“

Sie haben in der Bundesliga früher 1250 Mark monatlich verdient. Heute wird mit Millionensummen jongliert. Geht das noch lange gut?

Seeler: „Die Spieler wären blöd, wenn sie nicht das nehmen würden, was sie kriegen können. Aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt in vielen Fällen nicht. Der Profi-Fußball ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Ein Psychologe hat mal gesagt: Ab einer bestimmten Summe macht Geld den Kopf krank.“

Vielleicht wird Ihr 15 Jahre alter Enkel Levin Öztunali bald ein erfolgreicher Profi. Er spielt beim DFB für die U 16.

Seeler: „Dazu wollte ich eigentlich gar nichts sagen. Er soll Spaß haben, mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Andere sagen, er soll ganz gut spielen. Ich kann das nicht einschätzen. Ich bin auf meine sieben Enkelkinder allesamt stolz.“

Sie achten bei Ihren Enkeln sehr auf Bescheidenheit und Bodenständigkeit. Sind Sie mit der Jugend allgemein zufrieden?

Seeler: „Heute hat fast keiner Respekt und Achtung. Ich bin anders groß geworden. Da waren Miteinander, Hilfe, Anstand und Respekt an der Tagesordnung. Es gibt gute junge Leute, aber zu wenige. Das geht nur über Erziehung in den Elternhäusern. Da gibt es großen Nachholbedarf.“

Euro-Krise, Schuldenberge, Rettungsschirme - berührt Sie das, was die Gesellschaft derzeit im Würgegriff hat?

Seeler: „Ich habe Angst, dass die Vorkehrungen und Absicherungen, die man für seinen Lebensabend getroffen hat, immer wieder infrage gestellt werden. Es gibt viele, die auf der Strecke bleiben würden. Denen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, darf man keinen Schaden zufügen. Der Staat muss dafür sorgen, dass Menschen in Würde alt werden und sterben können. Ich kriege Schüttelfrost, wenn ich im Krankenhaus Leute auf dem Flur liegen sehe. Das muss nicht sein.“

Beschäftigen Sie sich manchmal mit dem Sterben?

Seeler: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte so lange wie möglich leben, aber es muss lebenswert sein. Da meine ich besonders den Kopf. Der muss intakt sein.“

Was wünschen Sie sich zum Jubiläum?

Seeler: „Gesundheit und dass wir in Leverkusen punkten.“

Wäre eine Kreuzfahrt zum Ausspannen nicht das Richtige?

Seeler: „Nein, bloß nicht. Über vier Wochen auf einem Dampfer zu sein, das kann ich mir nicht vorstellen.“

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