Schon wieder ein großes Beben beim HSV

Paukenschlag : Schon wieder ein großes Beben beim HSV

Nach dem Trainer Hannes Wolf muss jetzt auch der Sportvorstand Ralf Becker gehen – der Ex-Leverkusener Jonas Boldt ist der neue Sportchef im Volkspark.

Schon wieder ein Paukenschlag beim HSV: Eine Woche nachdem er den Trainer Hannes Wolf fgefeuert hat, musste gestern Sportvorstand Ralf Becker selbst gehen. Ihn traf diese Nachricht völlig unvorbereitet, noch in den letzten Stunden seiner Amtszeit hatte er mit Dieter Hecking über eine Verpflichtung als neuen HSV-Trainer verhandelt. Wenig später war er mit sofortiger Wirkung nicht mehr im Amt.

Völlig überraschend hatte der HSV gestern zu einer Pressekonferenz geladen, um den neuen Sportvorstand Jonas Boldt vorzustellen. Nur kurz vorher war Ralf Becker vom Aufsichtsratsvorsitzenden Max-Arnold Köttgen über seine Entlassung informiert worden.

„Der Aufsichtsrat hat sich sehr intensiv den Verlauf der zweiten Saisonhälfte angesehen und das hat im Ergebnis dazu geführt mit Herrn Becker die Zusammenarbeit nicht fortzusetzen“, sagte Köttgen. „Wir wollten zum richtigen Zeitpunkt zu einer klaren Entscheidung kommen“, so der Aufsichtsratschef. Bei der Entscheidungsfindung sei auch der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann beteiligt gewesen.

Ralf Becker war erst im Sommer von Holstein Kiel nach Hamburg gekommen und sollte mit Bernd Hoffmann nach dem Abstieg für den sofortigen Aufstieg sorgen, was bekanntlich schief ging. Die Wirren um das verpasste Saisonziel mit einer desolaten Mannschaft und einem orientierungslosen Trainer hatten in den vergangenen zwei Wochen auch das zuvor gute Verhältnis von Ralf Becker mit Bernd Hoffmann in Unordnung gebracht, auch wenn Becker das noch am vergangenen Sonntag nach dem lertzten Saisonspiel bestritt.

Weil offiziell der Aufsichtsrat für die Abberufung des Sportvorstandes zuständig ist und bei der Trainersuche der Vorstand, ließ Bernd Hoffmann seinen Kollegen Becker Gespräche mit potentiellen Trainer-Kandidaten führen, wohl wissentlich, dass Becker keine Zukunft beim HSV hat. Während der gestrigen Pressekonferenz saß Bernd Hoffmann im Plenum - und schwieg.

Das Podium gehörte dem jetzt neuen Sportvorstand Jonas Boldt, der bei Insidern der Branche einen guten Ruf hat. Schon im vergangenen Jahr wollte Bernd Hoffmann den eloquenten Manager aus Leverkusen an die Elbe locken. Der 37-jährige entschied sich aber gegen ein Engagement in hamburg, auch weil er in Leverkusen zum Sportdirektor befördert wurde. Gut zehn Jahre arbeitete Boldt unter Rudi Völler. Zunächst als Chef-Scout, dann als Assistent von Völler, später als Manager und zuletzt als Sportdirektor. Zum Jahresende war er in Leverkusen freiwillig ausgeschieden, um sich in aller Ruhe auf neue Aufgaben zu konzentrieren, sagte er am Freitag.

„Vor ein paar Tagen“ sei er vom HSV angesprochen worden, und: „Ich habe vom ersten Moment an gespürt, dass sich das gut anfühlt.“ Deswegen spüre er „riesige Vorfreude“. Sein neuer Job könnte „kaum konträrer sein als in Leverkusen“, umschrieb er die neue Herkulesaufgabe. Der HSV sei ein „Verein, der polarisiert“. Er wolle bei seiner neuen Aufgabe versuchen, „die Energie zu bündeln und in die richtige Richtung zu bringen“. Es ginge um „erfolgreichen Fußball“, mit dem sich Stadt und Verein identifizieren“ könnten, so der neue Sportvorstand, der seinem eloquenten Ruf gestern befeuerte. Boldt wirkte klar fokussiert, gleichzeitig aber gut vorbereitet auf die Journalistenfragen nach dem neuen Personal.

Dass sich Ralf Becker in seinen letzten Stunden im Amt mit dem bei Gladbach entlassenen Dieter Hecking über die wesentlichen Grundzüge eines Engagements als HSV-Trainer einig geworden sei– wie das das Fachmagazin „Kicker“ vermeldete, mochte Boldt weder bestätigen, noch dementieren. Nur so viel: „Es gibt definitiv keine Einigung mit einem Trainer.“

Jonas Boldt ließ sich auch nicht entlocken, welche Anforderungen er an einen neuen Trainer stelle. Die werde er zu gegebener Zeit mitteilen. Lediglich einen Namen kommentierte der neue Sportvorstand: Der in hamburg immer wieder als Kandidat genannte Roger Schmidt, mit dem Boldt in Leverkusen gut zusammengearbeitet habe, sei kein Thema, weil Schmidt seinen Dreijahresvertrag beim chinesischen Erstligisten Beijing Guoan erfüllen wolle.

Am Ende ließ Boldt, der einen Vertrag bis 2021 unterschrieben hat, durchblicken, dass er die Hamburger Verhältnisse bereits verinnerlicht habe. Es wäre ein großer Erfolg, wenn er die zwei Jahre für diese enorme Herausforderung überstehen würde.
Jonas Boldt ist der elfte HSV-Sportchef seit dem Jahr 2000.

Mehr von Westdeutsche Zeitung