Interview: Rudi Völler: "Der Videoassistent macht ungerechte Entscheidungen noch ungerechter"

Interview: Rudi Völler: "Der Videoassistent macht ungerechte Entscheidungen noch ungerechter"

Warum Leverkusens Sportchef Rudi Völler die Bayern auf absehbare Zeit für konkurrenzlos hält und ihm die Preistreiberei auf dem Transfermarkt weniger graue Haare beschert hat als der Videobeweis.

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Arbeiter fegen zwischen den Schalensitzen, künstliches Licht bestrahlt den Rasen: Draußen laufen in der BayArena die Vorbereitungen, drinnen redet Sportchef Rudi Völler (57) über das Rückrunden-Auftaktspiel Bayer Leverkusen gegen Bayern München (Freitag 20.30 Uhr/live ZDF) und die Lage der Bundesliga.

Ihr Sohn Marco ist erst vor knapp einem Monat von den Gießen46ers zu den Frankfurt Skyliners gewechselt: Die Basketball-Bundesliga kennt im Gegensatz zur Fußball-Bundesliga zwischen den Jahren keine Pause. Haben Sie ihm schon zugeschaut?

Rudi Völler: In dieser Saison bei den Skyliners noch nicht. In Gießen habe ich ihn einige Male gesehen, aber oft fanden seine Spiele am selben Tag wie unsere statt. Wir waren aus Anlass seines Geburtstages in der vergangenen Woche gemeinsam in Frankfurt essen.

Hätten Sie es gerne gesehen, wenn wenigstens einer ihrer drei Söhne Fußballprofi geworden wäre?

Rudi Völler: Grundsätzlich begrüße ich es, wenn meine Kinder Sport treiben. Egal in welcher Form. Kevin kickt noch regelmäßig in Düsseldorf in einem kleinen Verein in der fünften Liga, Bryan studiert. Marco als Ältester hat bis zur C-Jugend bei den Offenbacher Kickers gespielt, bis er dann in die Höhe geschossen ist und gemerkt hat, dass er lieber Basketball spielt. Völlig okay. Auch wenn er Schwimmer geworden wäre, hätte ich das akzeptiert. Oder neuerdings Dartspieler! (lacht)

Sie wissen wahrscheinlich ziemlich genau, was ein Basketball-Bundesligaspieler verdient.

Rudi Völler: Im Basketball ist das wirklich überschaubar — bis auf den FC Bayern, der auch dort ein etwas anderer Klub geworden ist, was die Bezahlung angeht. In anderen Sportarten herrscht ein Kampf um jeden Sponsor, um jeden Cent — das ist definitiv mit dem Fußball nicht zu vergleichen.

Müssen Sie dann schlucken, welche Summe Sie aufrufen müssen, um einen Spieler anzulocken oder zu halten?

Rudi Völler: Natürlich sind diese hohen Ablösesummen und Gehälter nur noch schwer zu verstehen, und jeder fragt sich immer wieder, wo das alles noch hinführen soll. Andererseits spiegelt es den Markt wider, weil durch Sponsoren oder Fernsehrechte immer mehr eingenommen wird. Philipp Coutinho (für 160 Millionen Euro zum FC Barcelona) oder Virgil van Dijk (für 80 Millionen zu Manchester United) wären vor zwei Jahren vermutlich noch für die Hälfte gewechselt, und jeder hätte das auch für zu viel Geld gehalten.

Es reicht ein Spaziergang durch Leverkusen, um zu bemerken, dass auch dieser Standort trotz der Potenz der Bayer AG nicht nur auf Rosen gebettet ist. Besteht nicht die Gefahr, dass sich der Werksarbeiter in seinem einfachen Wohnhaus von diesen wahnwitzigen Summen irgendwann ob der Fantasiesummen erschreckt vom Profifußball abwendet?

Rudi Völler: Dieselbe Frage habe ich vor fünf, zehn oder 15 Jahren schon gehört. Natürlich leben wir in einer Traumwelt, natürlich ist das alles viel zu viel und hat Formen angenommen, die vor fünf oder zehn Jahren gar nicht vorstellbar schienen. Man kannte diese Dimensionen nur aus den USA, von Michael Jordan aus der NBA oder Tiger Woods vom Golf. Jetzt ist der europäische Fußball damit konfrontiert. Trotzdem sorgen die Lizenzierungsbestimmungen der Bundesliga dafür, dass die Vereine nur das ausgeben, was sie einnehmen. Schwarze Schafe gibt es so gut wie keine mehr.

Es ist es also normal, dass Bayer Leverkusen für den argentinischen Stürmer Lucas Alario und den griechische Verteidiger Panagiotis Retsos knapp 37 Millionen Euro ausgibt und im Gegenzug für Kevin Kampl und Hakan Calhanoglu dieselbe Summe einnimmt?

Rudi Völler: Wir leiden manchmal unter dieser Entwicklung, aber mitunter profitieren wir auch davon. Man muss dieses Geschäft mitspielen. Wir haben im Sommer vier Spieler für knapp 80 Millionen verkauft und für rund 50 Millionen Euro eingekauft. Das Transferplus zeigt, dass wir bei Nichterreichen unserer Ziele wie in der vergangenen Saison den Gürtel eben auch ein bisschen enger schnallen können.

Wie dringend ist es, schnell wieder auf die internationale Bühne zurückzukehren?

Rudi Völler: Vergangenes Jahr sind wir Zwölfter geworden, weil alles schiefgelaufen ist, was schieflaufen konnte. Das einzig Positive war: Alle haben gespürt, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, immer wieder zu den besten vier deutschen Klubs zu gehören. Es war eine besondere Leistung, dass wir viermal hintereinander in die Champions League und davon dreimal ins Achtelfinale gekommen sind.

Leverkusen startet von Platz vier in die Rückrunde. Über allem thront erneut der Gegner FC Bayern. Ist der fehlende Meisterschaftskampf eine Gefahr für die Liga?

Rudi Völler: Das hängt mit der wirtschaftlichen Dominanz der Bayern zusammen — zur Jahrtausendwende haben wir hier wahrscheinlich noch die beste Leverkusener Mannschaft aller Zeiten beschäftigen können. Mit Lucio, Dimitar Berbatov oder einem Michael Ballack waren wir am Gehaltsgefüge der Bayern nahe dran. Mittlerweile liegen Welten dazwischen. Die Münchner sind auch die einzigen, die keinen Spieler verkaufen müssen, wenn sie nicht wollen. Aber schauen wir in die Topligen Europas: In Spanien ist der FC Barcelona enteilt, in Frankreich liegt Paris St. Germain weit vorn und in England Manchester City. So ungewöhnlich ist unsere Tabelle nun auch wieder nicht.

Wer hätte denn das Potenzial, den Bayern auf Sicht echte Konkurrenz zu machen?

Rudi Völler: Bis vor ein paar Monaten sah es ja so aus, als könne Borussia Dortmund diese Rolle bekleiden. Sie sind für mich der gefühlte Zweite. RB Leipzig hat es schneller geschafft, als viele dachten, aber auch sie merken, wie dünn die Luft weit oben wird.

Nur die Bayern repräsentieren die Bundesliga in der Champions League. Machen Sie sich Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit?

Rudi Völler: Das Abschneiden im Europapokal ist sicherlich nicht zufriedenstellend, ich bin aber davon überzeugt, dass sich nächstes Jahr die Bundesliga wieder besser präsentiert. Die Engländer mit ihren großen Möglichkeiten haben das auch schon durchgemacht. Bemerkenswert sind die Spanier, die vor allem in der Europa League reihenweise Titel abgeräumt haben.

Wie haben Sie reagiert, als die Bayern Jupp Heynckes reaktiviert haben?

Rudi Völler: Ich habe ihn vor einem Jahr vor unserem Champions-League-Achtelfinale gegen Atletico Madrid per SMS eingeladen: Er kam damals mit seiner Frau zu Besuch, was etwas Besonderes war, weil er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Die Bayern waren der einzige Klub, bei dem Jupp schwach werden konnte. Ein absoluter Sonderfall.

Beweist ein 72-Jähriger auch, dass der Hype um die neue Trainer-Generation vielleicht etwas verfrüht ist?

Rudi Völler: Ich möchte der jungen Trainergeneration die Qualitäten in der Menschenführung nicht absprechen, aber Jupp und sein Co-Trainer Peter Hermann, der auch lange bei uns gearbeitet hat, wissen eben genau, was sie zu tun haben. Peter ist eine ganz wichtige Person. Er hat sich in der Vorrunde übrigens oft bei uns gemeldet, um noch zu einem Bundesligaspiel vorbeizuschauen — er wohnt nur zehn Minuten entfernt.

Wo steht ihr Trainer? Altersmäßig liegt Heiko Herrlich mit seinen 46 Jahren zwischen einem Julian Nagelsmann und Jupp Heynckes.

Rudi Völler: Er hat großen Anteil daran, dass wir stabiler geworden sind. Die Gier nach Erfolgen ist ihm anzumerken. Aber ich möchte gar nicht so viel über junge oder alte Trainer sprechen: Mein wichtigstes Kriterium ist immer, dass das gesamte Team einzelne Spieler besser macht. Mir kommt das bei den vielen Diskussionen über Doppelsechs, Gegenpressing usw. oft zu kurz.

Was erwarten sie Freitagabend von ihrer Mannschaft?

Rudi Völler: Ich bin überzeugt, dass wir den Bayern einen offenen Schlagabtausch liefern werden. Wenn sie nicht alles abrufen, haben wir eine Chance, aber auch eine Niederlage würde uns nicht umwerfen. Ich gehe ohnehin davon aus, dass die Abstände zwischen Platz zwei und sieben oder acht bis zum Schluss gering bleiben.

Speziell Leon Bailey sorgte in der Hinrunde für Aufsehen. Als der Jamaikaner vor einem Jahr kam, sah es zunächst nicht so aus, als könne er so durchstarten.

Rudi Völler: Wir wollten ihn eigentlich auch erst für den Sommer verpflichten. Aber dann kam Jonas Boldt Weihnachten vor einem Jahr zu mir, wer er sich Sorgen machte. Leon er wollte damals unbedingt weg aus Genk, andere Klubs hatten die Fühler ausgestreckt, also mussten wir eine schnelle Entscheidung treffen. Wir haben für ihn nicht gerade wenig Geld bezahlt (13 Millionen Euro Ablöse, Anm. d. Red.). Gottseidank sind wir dieses Risiko eingegangen. Mir haben Roger Schmidt oder Tayfun Korkut oft nach dem Training gesagt: Der Junge hat was. Heiko Herrlich hatte in dieser Saison den Mut, ihn trotz der enormen Konkurrenz häufiger zu bringen.

Wenn Bailey an seine Leistungen der Hinrunde anknüpft, könnte er der nächste sein, der den Verlockungen größerer Vereine erliegt.


Rudi Völler: Im Grunde gilt das für alle unsere Spieler, und selbst Borussia Dortmund ist davor nicht mehr gefeit. Sollten irgendwann Summen aufgerufen werden, die eigentlich nicht mehr zu verstehen sind, wird man sich zusammensetzen. Bei Bayer Leverkusen wird deswegen niemand nervös — es ist ja sogar ein Grund, dass solche Spieler zu uns kommen, um den nächsten Karriereschritt zu machen.

Die Jungstars von heute bekommen sehr viel mehr Geld als Sie früher, können aber nicht mehr abends um die Häuser ziehen wie Sie das gerne mal in Bremer Zeiten getan haben...

Rudi Völler: (lacht).... darum beneide ich die Spieler von heute nicht! Meine Generation hat zwar weniger verdient, aber damit möchte ich nicht tauschen. Mich kannte damals in Bremen schon jeder, aber ich habe nie das Gefühl gehabt, ich werde jetzt irgendwo abgefilmt. Heutzutage steht ein Profi permanent unter Beobachtung. Und manch einer übertreibt es sogar selbst, wenn er andauernd online ist.

Ist die heutige Spielergeneration ansonsten denn professioneller als früher?

Rudi Völler: Ich glaube schon, weil die Fitness eine noch größere Rolle spielt. Wer seinen Körper als sein Kapital nicht so pflegt wie es sich gehört, der kann sich nicht mehr durchschlängeln. Einige Ehemalige hätten mit ihrem unsteten Leben von damals heute null Chance. Man dachte schon zu meiner Zeit eigentlich, mehr geht jetzt nicht, aber es gab dann die nächsten, die noch schneller und besser waren. Dass die Spieler heute überhaupt den Akku aufladen können, dafür sorgen während des Spiels neuerdings doch nur noch die leider viel zu langen Unterbrechungen des Videoassistenten! (Völler hebt die Stimme)

Sie schneiden das heikelste Thema der Vorrunde an. Wie viele graue Haare hat Ihnen der Videobeweis gemacht?


Rudi Völler: Schauen Sie mich an! (zeigt auf seine Haare und lacht) Spaß beiseite: Ich war am Anfang positiv neugierig. Problematisch ist, dass ungerechte Entscheidungen noch ungerechter werden, wenn der Videoassistent in Köln falsch entscheidet. Das bedingt Kopfschütteln. Vorher konnten wir uns damit trösten: Das Spiel ist so schnell. Wenn aber der Videoassistent etwas nicht sieht, ist das nur schwer zu verzeihen. Bei Handspiel oder Foulspiel werden die Entscheidungen weiter maßgeblich davon abhängen, wer gerade als Videoassistent in Köln sitzt.

Sie hören sich so an, als hätten Sie die Probleme kommen gesehen?

Rudi Völler: Ich verfolge von allen internationalen Ligen die italienische am intensivsten und bin da jedes Wochenende im Bilde: Dort gibt es genau dieselbe Diskussion. Es gab Wochenenden, da waren alle happy, und danach wieder fühlten sich zwei, drei Klubs verschaukelt. Das werden wir nicht mehr richtig austarieren können.

Fast die Hälfte der Profis haben in einer „Kicker“-Umfrage dafür plädiert, den Videobeweis abzuschaffen. Wie ist ihre Haltung?

Rudi Völler: Ganz ehrlich: Ich bin immer noch skeptisch. Für den Fernsehzuschauer mag das nicht so schlimm sein, aber für den Stadionbesucher ist es furchtbar. Das Warten nach einem Tor ist ein Stimmungskiller. Wir haben den Videobeweis, die Italiener haben ihn, im Sommer folgen die Spanier und die Franzosen. Irgendwann machen es auch die Engländer. Der Videobeweis erscheint mir nicht mehr umkehrbar. Jetzt müssen wir uns wohl damit arrangieren, vor allem aber müssen wir versuchen, es besser zu machen.

Ist die Zeit wirklich reif, ihn bei der WM Russland beim wichtigsten Fußball-Ereignis einzusetzen?

Rudi Völler: Vermutlich wird es so kommen. Möglicherweise werden 60 oder 80 Prozent richtige Entscheidungen getroffen. Aber es wird Momente geben, in denen die ganze Fußball-Welt sich fragt: ‚Wie konnte der Videoassistent das nur so sehen!?‘ Den Aufschrei höre ich schon heute.

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