Liga-Check: Mentalitätenwechsel auf Schalke

Liga-Check : Mentalitätenwechsel auf Schalke

Gelsenkirchen. Fans und Verein sollen zur echten Einheit werden. Dieses herabwürdigende „typisch Schalke“ der vergangenen Jahre will hier niemand mehr hören. Statt Ballyhoo und Trainerschelte möchte der Club mit einem völlig neuen „Wir-Gefühl“ die Liga aufmischen und am Ende den größtmöglichen sportlichen Erfolg erzielen.

Auf Schalke sollen endlich alle an einem Strang ziehen. Hehre Worte, denen Taten folgen müssen. Besonders gefordert dürfen sich da Sportvorstand Christian Heidel und Cheftrainer Markus Weinzierl fühlen.

Die Erwartung im Revier an die beiden Neuen ist groß. Immerhin galt Weinzierl schon vor einem Jahr als Wunschkandidat für den Trainerposten, und Manager Heidel eilt nach seiner großartigen Arbeit für den FSV Mainz 05 ohnehin ein glänzender Ruf voraus. Aber beide wissen auch, dass sie in ihrer Karriere den nächsten Schritt getan haben. Vom beschaulichen Augsburg und dem idyllischen Mainz mitten ins Revier, wo der Fußball 24 Stunden am Tag gelebt wird. Das ist eine andere Hausnummer. Es ist ihnen jedoch zuzutrauen, dass sie die schwere Prüfung erfolgreich bestehen. Heidel hat Weinzierl seit Jahren beobachtet, er weiß, wie wichtig der Trainer für die Entwicklung eines Vereins sein kann - Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Martin Schmidt, allesamt Trainerentdeckungen Heidels in Mainz, lassen grüßen.

Zuerst einmal müssen die Derbys gegen Borussia Dortmund gewonnen werden. Und dann sollte am Ende ein Platz auf der internationalen Bühne herausspringen. Am besten die Champions League, obwohl Bayern, Dortmund, Gladbach und Leverkusen auch in Sachen Spielerqualität derzeit einen klaren Vorsprung haben. Meister muss Schalke nicht werden. Noch nicht.

Nie. Da müsste der Club schon den Spielbetrieb einstellen. Aber wenn das Team positive Ergebnisse liefert, attraktiven Fußball zeigt und das angepeilte Saisonziel erreicht, dann wird das für alle Beteiligten eine sehr schöne Saison. Zumal Heidel als neue Autorität auf Schalke, vor der auch Vereinschef Clemens Tönnies zurückschreckt, auch die Anspruchshaltung im Verein in neue Bahnen lenken wird. Schafft er es nicht, schafft es niemand.

Jein. Dass Leroy Sané den Club verlassen hat, tut den Schalkern schon weh. Aber wenn der Transfer-Wahn in der Fußballwelt solche Auswüchse annimmt, dann muss man auch mal die Schmerzgrenze akzeptieren. Die völlig überzogene 50-Millionen-Euro-Offerte aus Manchester musste Heidel einfach annehmen. Mit Joel Matip und Roman Neustädter hat sich zudem die Innenverteidigung zum Nulltarif verabschiedet, was durch den genesenen Matija Nastasic, Weltmeister Benedikt Höwedes und Neuzugang Naldo problem- und kostenlos kompensiert werden kann. Und für Sané muss Rekord-Einkauf Breel Embolo in die Bresche springen. Die Fähigkeiten dazu werden dem Schweizer nachgesagt. Bislang hat Schalke Verluste aufgefangen, wahrscheinlich gleichwertig. Verstärkt hat man sich aber (noch) nicht, vor allem, weil Coke so lange ausfällt. Bis zum 31. August bleibt Zeit.

Alle Neuzugänge haben betont, dass sie prächtig aufgenommen worden sind. Auch der spanische Europa-League-Champion Coke, der sich direkt für ein halbes Jahr mit einem Kreuzbandriss in die Reha begeben wird. Die Siege in den Testspielen gegen Bologna und Florenz machen Hoffnung, werden aber nicht überbewertet. Der Kader ist breit und gut aufgestellt: Von Fährmann bis Huntelaar, von Meyer bis Goretzka. Und drei Talente aus dem eigenen Nachwuchs haben es auch wieder geschafft. Vielleicht ist ein neuer Sané dabei.

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