Hans Tilkowski: Viel mehr als nur das Wembley-Tor

Zum Tode von Hans Tilkowski : Viel mehr als nur das Wembley-Tor

Hans Tilkowski hatte ein bewegtes Fußball-Leben. Eigentlich wollte der Sohn einer Bergmanns-Familie nie ein Star werden, wurde er trotzdem - sogar mit lebensgroßem Starschnitt.

Er bestritt 39 Länderspiele, gewann den Europapokal und war der erste Torwart, der Fußballer des Jahres war. Doch für die meisten Menschen ist an diesem Sonntag (5. Januar 2020) der Mann gestorben, der das Wembley-Tor kassierte Dabei hatte Hans Tilkowski ein bewegtes Torwart-Leben..

Manchmal, wenn ein Unbekannter auf ihn zu kam und Luft holte, um etwas zu sagen, antwortete Hans Tilkowski, bevor die Frage gestellt war: „Nein, der Ball war nicht drin!“ Später sagte er schmunzelnd: "Wenn ich für jede Frage zum Tor eine Mark bekommen hätte, wäre ich Millionäre geworden..."

Das Wembley-Tor. Erzielt am 30. Juli 1966 im Wembleystadion. Ein Schuss von Geoffrey Hurst an die Latte des deutschen Tores, der Ball prallt auf den Boden. Es gibt Fotos, auf denen Hans Tilkowski den Kopf geradezu verzweifelt nach hinten verdreht, um zu sehen, ob der Ball hinter der Linie war.

War er nicht. Schiedsrichter Gottfried Dienst befragte Linienrichter Tofik Bachramov, der zeigte nickend zur Mittellinie – so ging England in der Verlängerung des Finales um die Weltmeisterschaft mit 3:2 in Führung, am Ende hieß es 4:2.

Lange hat Tilkowski nicht gern gesprochen über dieses berühmteste Tor der Fußballgeschichte, dem sogar ein Bildband („Das Tor des Jahrhunderts“) gewidmet wurde. Er hat sich geärgert über die Fehlentscheidung, vor allem aber wollte er nicht reduziert werden auf diesen einen Moment.

Später, als seine aktive Laufbahn und die Trainer-Karriere beendet waren, hat er sich damit arrangiert und konnte seine Späße darüber machen. Und seine Biographie nannte er 2006 augenzwinkernd „Und ewig fällt das Wembley-Tor“.

40 Jahre zuvor war das erste Buch über „Til“ erschienen, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war „Keine Angst vor scharfen Schüssen“ ein Bestseller. Er war die Nummer 1 von Borussia Dortmund und in der Nationalmannschaft, er trug dazu bei, dass der BVB als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal gewann, und er war 1965 der erste Torwart, der den Goldenen Ball als „Fußballer des Jahres“ bekommen hatte.

Aus dem Sohn einer Bergmanns-Familie, die in einfachsten Verhältnissen in einer Zechenkolonie des Dortmunder Vororts Husen aufgewachsen war, war ein Star seiner Zeit geworden. In der Zeitschrift „Kicker“ erschien das lebensgroße Foto einer Tilkowski-Parade, zum Zusammenkleben und Aufhängen – ein Starschnitt.

Dabei wollte er nie ein Star sein, sondern einfach nur seiner Mannschaft dienen. So war auch sein Stil als Torwart: Ruhig, sachlich, klar. Nur, wenn es sein musste, wurde er zum Flieger. Bei Westfalia Herne wuchs er in die Spitzenklasse, der Verein spielte Ende der fünfziger Jahre um die deutsche Meisterschaft.

In der Nationalmannschaft startete er durch, erlebte dann aber einen persönlichen Rückschlag. Im festen Glauben, die Nummer 1 zu sein, flog er zur Weltmeisterschaft 1962 nach Chile. Doch dann zog Bundestrainer Sepp Herberger ihm den unerfahrenen Zweitligaspieler Wolfgang Fahrian vor. Bei Tilkowskis Wutausbruch im Quartier soll Mobilar zu Bruch gegangen sein.

Sicher ist: Stur, wie er sein konnte, zog er sich aus der Nationalmannschaft zurück und sprach eineinhalb Jahre kein Wort mit Herberger. Erst Anfang 1964 kehrte er ins deutsche Tor zurück.

In Herne hat er bis zuletzt gelebt und sich von dort aus vielfältig sozial engagiert, vor allem für die Friedensdörfer, in denen Kinder mit Kriegsverletzungen behandelt werden. Das war ihm wichtiger als die Erinnerungen an eine große Karriere in einem Sport, von dessen Kommerzialisierung er sich immer mehr abwandte.

Schon als Trainer hatte er früh gespürt, wie seine Werte aus den neuen Zeiten fielen. Als Lehrgangsbester bekam er 1970 die Fußballlehrerlizenz und ging in die Bundesliga-Geschichte ein – als erster, der in der Liga vom Spieler zum Trainer wurde.

In Bremen hatte seine Karriere im März 1970 begonnen – er stand noch als Spieler bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag, als Werder tief im Abstiegskampf in ihm den Retter sah. Tatsächlich führte Tilkowski die Bremer aus nahezu aussichtsloser Lage zum Klassenerhalt. Gehen musste er trotzdem, weil schon vor seinem Antritt ein Trainer für die neue Saison verpflichtet worden war.

Er kehrte 1976 an die Weser zurück, doch sein Abgang war heftig: Als er im Dezember 1977 von einer Spielerabstimmung gegen sich erfuhr und die Rückendeckung des Vorstands vermisste fühlte, stieg er von einem Tag auf den anderen aus – unter Verzicht auf 60000 DM Gehalt.

Zwischen den beiden Bremer Engagements hatte er bei München 1860 und beim 1. FC Nürnberg gearbeitet, danach wurde er weder beim 1. FC Saarbrücken noch bei AEK Athen glücklich.

Zur Legende wurde er trotzdem, wegen eines Tores, das keins war. So gelassen und humorvoll er damit umging, so hielt er stets daran fest: „Der Ball war nicht drin“.