FC Schalke 04: Ein bewegender Filmabend in Stumpen-Rudis Aschenbecher

FC Schalke 04: Ein bewegender Filmabend in Stumpen-Rudis Aschenbecher

Die Dokumentation „Rudi Assauer — Macher. Mensch. Legende.“ ehrt den an Alzheimer erkrankten Ex-Manager von Schalke 04. Zur Premiere kamen rund 25.000 Zuschauer in die Veltins-Arena.

Lange war es fraglich geblieben, ob er dem Abend zu seinen Ehren beiwohnen kann. Doch wie aus blau-weißem Himmel ist der an Alzheimer erkrankte Rudi Assauer am Freitagabend nun doch da. Durch den Haupteingang wird er von seiner ältesten Tochter Bettina Michel im Rollstuhl zügig vorbei an Fans und Journalisten in Richtung Veltins-Arena geschoben.

Foto: Reservix GmbH

Ein klares Zeichen an die Öffentlichkeit: „Seht her, wir leben noch!“ In dem über 62.000 Zuschauer fassenden Rund, in Fankreisen ehrfürchtig auch als Stumpen-Rudis Aschenbecher bezeichnet, hat der ehemalige Schalke-Manager und passionierte Zigarren-Raucher einen Platz gefunden. Neben ihm haben sich Tausende Schalker auf den Weg ins Stadion gemacht, um die Premiere von „Rudi Assauer — Macher. Mensch. Legende.“ auf vier großen Leinwänden zu verfolgen. Assauer verdanken die Schalker-Anhänger die hochmoderne Multifunktionsarena.

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Aber Schalke wäre halt nicht Schalke, wenn es mit dem Kinoabend im Fußballstadion nicht auch gleich einen Weltrekord knacken möchte. Die Bestmarke in der Kategorie „Größtes Publikum bei einer Filmpremiere“ der Guinness World Records liegt bei 43.624 Besuchern. „Wenn es eine Region gibt, die das toppt, dann ist es der Ruhrpott, dann sind es die Schalker“, ist Regisseur Don Schubert eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn noch überzeugt.

Der pünktliche Start des Showprogramms um 20.04 Uhr kann nicht gehalten werden. Zu viele Knappen tummeln sich noch vor dem Stadion. Doch der schweifende Blick durch die Arena verrät es bereits: Der Weltrekord wird deutlich verpasst. Am Ende sind es rund 25.000 Menschen, die sich einen intimen Einblick in das Leben und Wirken von Rudi Assauer erhoffen. Aber Schalke wäre auch nicht Schalke, wenn es nicht wüsste, wie es schlechte Nachrichten gut verkaufen könne: Aus der angestrebten Weltrekordstätte auf Schalke wird „das größte Kino Deutschlands“.

Auch die UEFA-Cup-Sieger von 1997, die sogenannten Eurofighter, besuchen die Filmaufführung. Kapitän Olaf Thon und Stürmer Martin Max zählten zu dieser legendären Mannschaft, die zusammen mit Manager Assauer und Trainer Huub Stevens dem FC Schalke 04 den größten Erfolg der Vereinsgeschichte bescherten. „Ich habe ihn als einen sehr ehrlichen Menschen kennengelernt, der seine Meinung den Spielern stets vor den Kopf gebrettert hat“, erinnert sich Max. Auf der anderen Seite habe Assauer bei Weihnachtsfeiern die Profis jedes Jahr dazu „gezwungen“, zusammen mit ihm eine Zigarre zu rauchen.

Natürlich ist auch Schalkes Jahrhunderttrainer und Assauer-Freund Huub Stevens gekommen. „Es war eine tolle und verrückte Zeit“, sagt Stevens. „Er war immer ehrlich und hat alles für den Verein getan. Schön, dass er hier ist und ihm so viele Fans die Ehre erweisen. Das ist typisch Schalke", sagt Stevens im Interview mit Moderator Carsten Kulawik, der unter anderem auch Stadionsprecher beim Wuppertaler SV ist. "Ich kenne Rudi seit mittlerweile zwölf Jahren. Dass ich bei seiner Filmpremiere am Mikro sein durfte, ist eine Riesen-Ehre für mich gewesen", sagt der Wuppertaler Kulawik. Assauers Familie hatte ihn im vergangenen Jahr gefragt, ob er die Premiere moderieren kann. "Ich habe ich natürlich sofort zugesagt", so der 26-Jährige.

Auch Weltmeister Olaf Thon kann sich an Momente mit dem heute 74-jährigen Schalke-Manager erinnern, die im heutigen Profifußball unvorstellbar erscheinen. Der Abend des 30. Aprils 1984, 48 Stunden vor dem DFB-Pokal-Halbfinale gegen Bayern München: Assauer, der an diesem Tag 40 Jahre alt geworden ist, feiert zusammen mit Jungspund Olaf Thon in dessen 18. Geburtstag hinein. „Rudi stand hinter dem Tresen und hat für mich Bier gezapft.“ Der feuchtfröhlichen Spielvorbereitung zum Trotz erzielte Thon gegen die Münchner drei Treffer und war damit maßgeblich an einem der größten Spiele des deutschen Vereinsfußballs beteiligt, welches mit einem 6:6 nach Verlängerung endete.

Dass die Europokalsieger von damals zu Ehren von Assauer noch einmal zusammenkommen, sei eine Selbstverständlichkeit. Auch das Datum der Premiere ist bewusst gewählt worden: Auf den Tag genau vor 114 Jahren wurde der FC Schalke 04 ins Leben gerufen. Zur Schalker Folklore gehört auch, dass im Vorprogramm des Films die Band „Florians“ die Vereinshymne „Blau und Weiß, wie lieb‘ ich dich“ spielt und der achtzigköpfige Ruhrkohle-Chor das „Steigerlied“ in voller Montur anstimmt. Fahnen werden auf den Rängen geschwenkt und Schals in die Höhe gereckt.

In 90 Minuten erzählt Regisseur Don Schubert die Geschichte des kleinen Rudi aus Herten, der Fußballprofi werden möchte und nach seiner Spielerkarriere die Vereinsgeschicke im Hintergrund führt. Neben Interviews mit beruflichen Weggefährten wie Manager-Kollege Reiner Calmund kommen auch die beiden Familienmitglieder, Zwillingsschwester Karin Assauer und Tochter Bettina Michel, zu Wort. Ehemalige Profis wie Ebbe Sand oder Gerald Asamoah werden bei den Einspielern von den Rängen frenetisch bejubelt.

Für herzhaftes Lachen sorgen die Kommentare von Assauers Sekretärin, Sabine Söldner. Die Ruhrpott-Schnauze gab dem in ihren Augen anfangs „überheblichen Pinsel“, der nicht zu Schalke passe, regelmäßig Kontra. Bekannte Archivaufnahmen aus Assauers Fußballer- und Manager-Zeit mit all ihren Höhen und Tiefen wechseln sich ab mit Sequenzen aufwendiger Filmtechnik, die Momente, in denen mal kein Kamerateam vor Ort war, skizzenartig in schwarz-weiß nachzeichnet. So lugt der Straßenkicker Rudi mit großen Augen und einem Ball unter dem Arm durch einen Zaun auf den heimischen Sportplatz Katzenbusch. „Betretet die Kampfbahn und werdet Männer, die zu siegen verstehen!“ heißt dort die Losung, die er seit diesem Tag offensichtlich aufgesogen hatte.

Genau an diesen Ort kehrt am Ende des Films Assauer, einer der mächtigsten deutschen Fußballmacher aller Zeiten, zurück. Wieder mit großen, allerdings traurigen und müden Augen. Der Alzheimer hat ihn gezeichnet, seine Tochter Bettina stützt ihn. In Assauer schlägt ein gebrochenes Herz. Der erzwungene Rücktritt von seinem Manager-Posten bei Schalke im Jahr 2006, sein Ende im Profi-Geschäft, hat ihn tief getroffen. Der Kinoabend endet mit Standing Ovations von rund 25.000 Zuschauern, die mit gläsernen Augen dem Jungen aus Herten Anerkennung zollen.

Der gesamte Reinerlös der Veranstaltung am Freitag geht an die Rudi-Assauer-Initiative, die sich um die „Enttabuisierung des Krankheitsbildes Demenz in der Öffentlichkeit“ kümmert. Der Film „Rudi Assauer — Macher. Mensch. Legende“ läuft laut Veranstalter in dieser Woche in ausgewählten Programmkinos im Raum Gelsenkirchen. Ab der nächsten Woche soll der Streifen auch im restlichen Ruhrgebiet zu sehen sein. Die DVD ist bereits auf Bestellung im Internet erhältlich und soll ab Juli ausgeliefert werden.

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