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Netzers Tor im DFB-Pokalfinale 1973 und Omas Fernseher

Ein Bild für die Ewigkeit : Netzers Tor im DFB-Pokalfinale 1973 und Omas Fernseher

Der populärste Spieler von Borussia Mönchengladbach wird mit seinem Tor im DFB-Pokalfinale 1973 zur Legende – und wechselt nach Madrid. Das Foto eines sagenhaften Abschieds.

Im Frühsommer 1973 ist die Stimmung in Mönchengladbach schlecht. Die Himmelsstürmer vom Niederrhein sind in der Liga nur Fünfter geworden. Enttäuschend. Hinter den Bayern und Vizemeister Köln liegen sogar Fortuna Düsseldorf und der Wuppertaler SV vor Gladbach.

Günter Netzer, in den Jahren zuvor Lenker und Denker der Mannschaft, bietet oft nur Mittelmaß. Hinzu kommen Verletzungen, Streitigkeiten mit Trainer Hennes Weisweiler. Netzer, der die Nationalmannschaft 1972 zur Europameisterschaft führt und zum Fußballer des Jahres gekürt wird, bestreitet in der Saison 1972/73 für Gladbach nur 18 von 34 Spielen, schießt lediglich drei Tore. Nach zwei Meisterschaften und einem dritten Platz erlebt die Borussia ein Seuchenjahr. Zumal sich auch der FC Liverpool in den beiden Endspielen im Uefa-Pokal als zu stark erweist: Trotz eines 2:0-Sieges am Bökelberg gibt die 0:3-Pleite an der Anfield Road den Ausschlag.

Bleibt nur das DFB-Pokalfinale gegen Köln, um die Saison zu retten. Gespielt wird im Düsseldorfer Rheinstadion. Wenige Tage vor der Begegnung überschlagen sich die Ereignisse: Überraschend stirbt Netzers Mutter. Außerdem wird bekannt, dass der Mittelfeldstar als erster deutscher Kicker zu Real Madrid wechseln wird. Eine Million D-Mark zahlen die Spanier. Rekordablöse. Weisweiler reagiert beleidigt, ignoriert Netzer komplett. Zwischen den beiden Machern der Fohlenelf herrscht Funkstille.

Dann der Tag des Endspiels, der 23. Juni. Ein heißer Sommertag. Ich bin 13 und sitze im Zimmer meiner Oma. Sie hat das, was damals selten und teuer ist – einen Farbfernseher. Ich bin glücklich, voller Vorfreude. Anpfiff ist um 16 Uhr. Und Netzer spielt nicht. Unfassbar. Das Entsetzen unter den Gladbach-Fans im Stadion ist bis in Omas Zimmer spürbar.

Weisweiler verweigert dem Idol von Tausenden sein letztes Spiel für die Borussia. Nur weil Berti Vogts und Jupp Heynckes ihn überreden können, nimmt Netzer auf der Bank mit den Ersatzleuten Platz. Unter dem Trainingsanzug trägt er das Trikot mit der Nummer 12 – ein Affront, weil niemand so sehr mit der Nummer 10 des Spielgestalters verbunden ist wie der Mann mit den langen blonden Haaren aus Mönchengladbach. Aber die Nummern 1 bis 11 sind jenen vorbehalten, die von Beginn an spielen. Feste Nummern gibt es noch nicht.

Das vermutlich beste Spiel zweier deutscher Mannschaften

Was vor knapp 70 000 Zuschauern im ausverkauften Stadion folgt, lässt sich kaum in Worte fassen. Köln und Gladbach zaubern trotz der Hitze ein mitreißendes Spiel auf den Rasen, vermutlich das beste Fußballspiel, das je zwei deutsche Mannschaften geboten haben. Auf beiden Seiten gibt es Dutzende Torraumszenen, das Geschehen wogt hin und her, der Raum im Mittelfeld wird nur genutzt, um möglichst rasch wieder vor das andere Tor zu kommen. Es gibt vier Pfosten- und Lattentreffer, Heynckes vergibt einen Elfmeter.

Nach Toren von Herbert Wimmer (24.) und Herbert Neumann (40.) steht es zur Halbzeit 1:1. Weisweiler fordert Netzer auf, sich für seinen Einsatz in der zweiten Halbzeit fertig zu machen. Netzer weigert sich. Die zweite Hälfte bringt beiden Teams Chancen en masse, aber keine weiteren Tore. Verlängerung.

Mittelfeldmann Christian Kulik signalisiert Netzer, dass er nicht mehr laufen kann. Netzer geht zu Weisweiler und sagt: „Ich spiel’ dann jetzt.“ Der Trainer ist konsterniert, sagt nichts, wendet sich ab. Die berühmteste Selbsteinwechslung der Fußballgeschichte.

Der Rest ist Legende. In der vierten Minute der Verlängerung erzielt Netzer mit seiner zweiten Ballberührung das Tor zum 2:1. Der Ball kommt von Rainer Bonhof, mit dem Netzer nie zuvor einen ähnlichen Doppelpass gespielt hat. Das Spielgerät fliegt nur deshalb unhaltbar in den rechten Winkel des Kölner Tores, weil Netzer den Ball nicht richtig trifft. Das Leder rutscht ihm über den Fuß. Statt mit Vollspann gelingt ihm das Tor seines Lebens mit dem linken Außenspann. Grandioser kann ein Abschied nicht sein.

Ich stehe vor Omas Fernseher und schreie vor Begeisterung. Niemand hat das Spiel mit mir geschaut. Warum, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht waren alle im Schwimmbad. Ich renne raus und finde vor dem Haus Nachbarn, mit denen ich meine Freude teilen kann. Nie wieder hat sich ein Spiel bei mir so eingebrannt wie dieses.