Interview: Marcell Jansen: „Gladbach braucht noch einen Stoßstürmer“

Interview : Marcell Jansen: „Gladbach braucht noch einen Stoßstürmer“

Der Ex-Nationalspieler Marcell Jansen im Interview über die bisherige Saison der Fohlenelf, sein Verhältnis zum Ex-Klub und das Dasein als „Fußball-Rentner“.

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Nach 242 Bundesliga- und 45 Länderspielen hatte Marcell Jansen im Sommer 2015 genug vom Fußball. Mit nur 29 Jahren beendete der Außenverteidiger seine Karriere. Im WZ-Interview spricht der gebürtige Mönchengladbacher über sein neues Leben und Borussias Chancen auf die Champions League.

Herr Jansen, für Borussia Mönchengladbach geht es am Mittwochabend im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen um den Einzug ins Viertelfinale. Was ist drin für die Borussia?

Marcell Jansen: Dass Gladbach zuhause spielt, ist auf jeden Fall ein Vorteil. Auf der anderen Seite ist Leverkusen eine der gefährlichsten Mannschaften der Bundesliga. Kein einfaches Los für die Borussia - aber auf jeden Fall ein sehr geiler Pokalfight, mit dem man zum Jahresabschluss nochmal ein Zeichen setzen kann.

Gladbach steht nach der Hinrunde auf dem sechsten Tabellenplatz. Wie zufrieden kann der Klub damit sein?

Jansen: Auf jeden Fall nicht unzufrieden, das muss man sagen. Die fußballerische Qualität ist immens hoch. Sie haben in meinen Augen nach Bayern München den besten Matchplan. Die Mannschaft spielt auch nach Bayern die schönsten Tore raus — wenn nicht sogar manchmal einen Tick schöner. Wie Raffael, Stindl und Hazard vorne zaubern, macht einfach Spaß. Wenn es eben läuft.

Und wenn es nicht läuft?

Jansen: Wenn die Mannschaft ihr Spiel fußballerisch nicht durchziehen kann, bekommt sie Probleme. Es fehlt ein Plan B. Gladbach hat sehr geile Offensivspieler aber keinen Stoßstürmer, mit dem man auch während des Spiels andere taktische Lösungen finden kann. Der lange Bälle festmacht oder die Kugel klatschen lässt und dann die schnellen Außenspieler einsetzt.

Also wurden in der Transferplanung vor der Saison Fehler gemacht?

Jansen: Ich würde nicht von Fehlern sprechen. Im Gegenteil: Das Team um Max Eberl und Dieter Hecking leistet super Arbeit. Es geht eher um mögliche Verbesserungen, an denen man arbeiten kann, um den nächsten Schritt Richtung Champions-League-Plätze zu machen. Wenn man das noch mit einem „Sausack“-Spieler, der auch mal dazwischenhaut, und einem Stoßstürmer hinbekommt, muss die Liga in den nächsten Jahren mit Gladbach rechnen.

Was ist in dieser Saison noch möglich?

Jansen: Von den Anlagen her darf Borussia Mönchengladbach selbstbewusst sein und die Champions League als Ziel ausrufen. Ich denke, dass die Mannschaft aus den Niederlagen lernen und die letzten paar Prozent herausholen wird. Da muss man auch mal ein dreckiges Spiel knapp gewinnen. Die engen Partien gingen zuletzt meist an die Gegner. Wenn sich die jungen Spieler wie Cruisance oder Hazard weiterentwickeln und hungrig bleiben, hat Gladbach eine gute Chance, unter den ersten Vieren zu landen. Um die Borussia muss sich momentan niemand Sorgen machen.

14 Jahre lang waren Sie Teil des Klubs und bestritten 74 Bundesligaspiele für die Fohlenelf. Wie ist Ihr Verhältnis zum Verein heute?

Jansen: Ich bin regelmäßig vor Ort und kenne noch viele Gesichter, die schon 1993 in der Geschäftsstelle oder Jugendabteilung gearbeitet haben. Die Verbindung ist sehr schön und familiär - das macht den Verein besonders.

2007 wechselten Sie zum FC Bayern. Das hat nicht jeden im Umfeld begeistert.

Jansen: Das sind die Leute, die anfangen zu pfeifen, obwohl man die Chance hat, einen Champions-League-Platz zu erreichen. Klar, einige waren nicht begeistert. Während sie mit mir diskutierten, wie ich zu Bayern gehen kann, trugen sie Trikots von Patrik Andersson oder Stefan Effenberg. Dann weiß man, von welchem Niveau wir sprechen.

Sie sprechen die Pfiffe kritischer Anhänger an. Max Eberl ist am Freitagabend in der Halbzeitpause der Kragen geplatzt, als Fans ihrem Unmut Luft machten. Hat er recht?

Jansen: Ich kann seinen Ärger verstehen. Ich saß im Stadion und habe mich auch zuerst über die Pfiffe gewundert. Man darf aber nicht vergessen, dass die Mannschaft mit dem Sieg gegen Bayern Begehrlichkeiten geweckt hat. Gegen Wolfsburg und Freiburg gab es dann Niederlagen, bei denen man als Fan das Gefühl hatte, die kämpferische Einstellung stimmte nicht zu 100 Prozent. Ich glaube, die Pfiffe hatten gar nicht so viel mit dem Spiel gegen den HSV zutun, sondern waren eher rückwirkend. Als Fan muss man aber manchmal den Kopf einschalten: Man kann diese junge Mannschaft nicht auspfeifen. Das hätte sportlich nach hinten losgehen können.

Ihr Wechsel zu Bayern hat der Borussia 2007 zwölf Millionen Euro eingebracht. Das war damals ein gigantischer Preis. Eine große Belastung für einen 21-Jährigen?

Jansen: Nö, warum? Es war schön zu wissen, dass mit dem Geld ein neuer Kader für meinen Herzensverein zusammengestellt wird. Die Summe ist an der richtigen Stelle gelandet: bei Borussia Mönchengladbach. Den Druck habe ich mir selber gemacht: So viele Länderspiele machen, wie es geht. Das ist Druck genug.

2008 wechselten Sie zum HSV. In mehr als 150 Bundesligaspielen stiegen Sie zum Kapitän auf. Sie besuchen immer noch regelmäßig das Volksparkstadion. Was ist das besondere an ihrem Verhältnis zum HSV?

Jansen: Ich lebe seit fast zehn Jahren in der Stadt, habe sieben Jahre für den HSV gespielt und kenne ganz viele Menschen, mit denen ich selber noch zusammengearbeitet habe. Da hängen große Emotionen dran — genau wie an der Borussia. Ich habe zwei Herzen in meiner Brust.

Sie sind nah am Geschehen in Hamburg dran. Wieso hängt der Verein seit Jahren im Abstiegskampf fest?

Jansen: Wenn ich das Patentrezept hätte, würde ich es direkt einreichen. Beim HSV ist sehr auffällig, dass über Jahre hinweg häufig das Personal gewechselt hat. Das gilt für Spieler, Trainer und Manager. Es steht noch kein Fundament. Das Glück des HSV sind seine unglaublichen Fans. Trotz sechs Jahren Abstiegskampf wird relativ selten gepfiffen.

Zeichnen sich positive Trends in Hamburg ab?

Jansen: Was durch den Abstiegskampf zu kurz kommt: Es hat sich im Nachwuchsbereich einiges getan. Talente wie Arp oder Ito kommen nicht durch Zufall hoch. Mit der guten Infrastruktur und dem HSV-Campus hat man jetzt viele Grundsteine für eine bessere Basis gelegt. Das wurde höchste Zeit, weil Vereine wie Gladbach strukturell schon meilenweit entfernt sind.

Jetzt wollen Sie selber das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Sie stellen sich für einen Posten im Aufsichtsrat zur Wahl. Was erhoffen sie sich davon?

Jansen: Ich wurde von Jens Meier (Anm. d. Red: Präsident des Hamburger Sportvereins) angesprochen und wir hatten ein sehr gutes, glaubwürdiges Gespräch. Das Ziel ist, ein Team für den Aufsichtsrat zu finden, das sich gut versteht und konstruktiv miteinander spricht. Da braucht man nicht nur sechs Großunternehmer, sondern auch Leute mit Fußballkompetenz. Wenn ich rein fußballerisch einen guten Input leisten kann, stehe ich bereit.

Dass der HSV augenblicklich auf dem Relegationsplatz steht, wird momentan ein wenig von der Situation beim FC Köln überstrahlt. War die Entscheidung richtig, Peter Stöger zu entlassen?

Jansen: Schwer zu sagen, wenn man nicht so nah an dem Verein dran ist. Manchmal ist es wohl einfach so, dass es einen neuen Trainer mit neuem Input braucht. Das war bei Klopp nach überragenden Jahren in Dortmund nicht anders. Für mich war der größte Fehler, sich mit Jörg Schmadtke zu überwerfen. Der hatte wahrscheinlich einen Plan, wie man diese Situation hätte angehen können.

Keine Häme gegenüber dem ehemaligen Rivalen am Rhein?

Jansen: Ich finde das schade: Das Derby Köln gegen Gladbach ist ein Muss. Für den Klub wäre wichtig, noch ein paar Siege zu holen, um die Saison nicht so krass abzuschenken. Das wäre auch im Interesse der anderen Vereine im Abstiegskampf, damit sie Druck von unten bekommen und es nicht nur um einen direkten Abstiegsplatz geht.

Peter Stöger ist nicht lange ohne Job geblieben. Einige Fans störte das schnelle Engagement bei Borussia Dortmund.

Jansen: Stöger war nach seinem Rauswurf bei Köln auf dem Markt. Wenn dann ein großer Traditionsverein wie Borussia Dortmund anklopft, muss man ja wohl nicht lange überlegen.

Kann er dem BVB weiterhelfen?

Jansen: Das kann ich mir gut vorstellen. Man darf nicht nur das letzte halbe Jahr sehen. Peter Stöger hat vier Jahre überragende Arbeit in Köln geleistet und bewiesen, dass er ein geiler Trainer und guter Typ ist.

Nils Petersen hat vor kurzem ein bemerkenswertes Interview gegeben und von sich selbst behauptet, er verblöde seit Beginn seiner Profi-Laufbahn. Stellt die fehlende Aus- und Weiterbildung der Fußballer ein Problem dar?

Jansen: Petersen hat das Problem überspitzt. Ich finde aber gut, dass er ein bisschen provoziert hat, um wachzurütteln. Es gibt großen Nachholbedarf bei der Frage: Was mache ich nach der Karriere? Gerade bei jungen Spielern kommt es auf die Berater, Eltern und Freunde an, Ehrgeiz zu wecken, sich auch für Dinge außerhalb des Platzes zu interessieren. Viel wird von den Spielern ferngehalten. Mit 30 wissen manche nicht, wie eine Waschmaschine funktioniert oder ein Businesstermin abläuft. Zum Glück informieren sich immer mehr Aktive frühzeitig.

Sie waren bei diesem Thema so etwas wie ein Vorreiter. Mit Anfang 20 gründeten Sie ihre erste GmbH. Weshalb so früh?

Jansen: Ich habe mich schon immer für Themen neben dem Fußball interessiert. Während meiner Zeit bei Bayern stellte ich mir die Frage: Was ist, wenn ich mich schwer verletze und nicht zurückkomme?

Bis zu Ihrem überraschenden Karriereende vergingen noch ein paar Jahre.

Jansen: Mit 29 Jahren hätte ich ablösefrei ins Ausland wechseln und mir die Taschen weiter vollmachen können. Aber das hätte noch mehr Druck von mir genommen, andere Dinge zu wagen. Dann habe ich mir den Druck selber gemacht. Zudem wäre es nicht authentisch gewesen, so zu tun, als läge mir der neue Verein so am Herzen wie Gladbach oder Hamburg.

Bei Rudi Völler stieß diese Entscheidung nicht auf Gegenliebe.

Jansen: Ich schätze Rudi Völler extrem. Ich liebe seine emotionale Art. Ist doch gut, wenn diskutiert wird und sich andere Blickwinkel auftun. Das war kein Schock für mich.

Wie hat sich Ihr Leben seit dem Karriereende verändert?

Jansen: Ich bin kein Typ, der sich sieben Wochen an den Strand legt — da wird mit langweilig. Ich setze mir monatlich neue Ziele, die erreicht werden müssen. Ich habe gute Leute um mich herum, spreche mit tollen Menschen über Unternehmungen und kann viel von jungen Unternehmerpersönlichkeiten lernen. Nicht mehr jeden Tag auf dem Fußballplatz zu stehen, ist der größte Unterschied. Aber genau darauf habe ich mich nach zwölf Jahren Profisport gefreut. Von daher: Mir geht es gut, meine Familie und ich sind gesund und ich habe viel zutun.

Was sind ihre aktuellen Projekte?

Jansen: Ich habe mit zwei Partnern eine Beteiligungsgesellschaft, die in junge Unternehmen der Sport-, Gesundheits- und Lifestyle-Branche investiert. Da fördern wir sechs bis acht Teams, die in der Geschäftsführung sind und wir stoßen mit der Beteiligung dazu. Meine Aufgaben liegen hauptsächlich im Marketing, Vertrieb und Networking.

Wie oft zuckt es noch im Fuß, wenn sie den Ex-Kollegen zusehen?

Jansen: Regelmäßig. Und ich spiele auch noch regelmäßig bei Benefizveranstaltungen oder montags mit meinen Kumpels in der Halle. Ich brauche den Fußball aber nicht, um glücklich zu sein. Fußball ist meine große Leidenschaft aber ich muss mich nicht krampfhaft hinter etwas stellen. Wenn ich im Sommer wieder Lust haben sollte, in einen Verein zu spielen, mache ich das einfach. Fertig.

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