Interview mit Jupp Heynckes: "Favre gehört zu den Großen"

Interview mit Jupp Heynckes: "Favre gehört zu den Großen"

Jupp Heynckes spricht über die "konkurrenzlosen Bayern", Gladbachs Trainer - und gibt einen Tipp für das Spitzenspiel am Sonntag.

Mönchengladbach. Es sind die bisher erfolgreichsten Mannschaften dieser Bundesliga-Saison: Der FC Bayern München, logisch, Borussia Mönchengladbach, überraschend. Am Sonntag (17.30 Uhr) treffen sie im Borussia-Park aufeinander. Fußball-Deutschland wartet auf einen Ausrutscher des FC Bayern. Vor dem Gipfeltreffen der alten Rivalen haben wir mit Jupp Heynckes gesprochen. Der Welttrainer 2013 hat die Bayern zum Triple-Gewinn geführt. Und: Sein Name ist untrennbar mit den Erfolgen der legendären Gladbacher Fohlen Elf aus den 70er Jahren verbunden.

Herr Heynckes, die Bayern sind in einer bestechenden Form, selbst der AS Rom ist nur Spielball gewesen.

Jupp Heynckes: Der FC Bayern ist in dieser Saison national konkurrenzlos. International muss das Ziel Champions-League-Sieg angestrebt werden.

Was ist das Besondere am FC Bayern?

Heynckes: Seit Jahrzehnten spielt der FC Bayern außerordentlich erfolgreich, national wie international. Außerdem hat er mit dem Triple-Gewinn 2013 eine historische Leistung erbracht. Danach haben sich die Münchener mit den begehrtesten Spielern der Bundesliga, zum Beispiel Götze und Lewandowski, verstärkt. Es ist zweifellos für jeden Trainer ein Privileg, ja, ein Geschenk des Himmels, diese Mannschaft zu trainieren.

Bei den Münchenern fehlen derzeit mit Thiago, Schweinsteiger und Martinez drei Weltklasse-Spieler. Und Ribery ist gerade erst wieder fit geworden. Wird der FC Bayern in der Rückrunde noch stärker?

Heynckes: Davon gehe ich aus. Wer ständig auf allen Hochzeiten unterwegs ist, braucht ja auch zwingend überdurchschnittliche Spieler und Qualität in der Breite, um höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. 2012 hat der FC Bayern den Spielerkader mit exzellenten Fußballern optimiert, um nach dem verlorenen Finale gegen Chelsea besser aufgestellt zu sein.

In den 70-er Jahren hatte Gladbachs Offensivfußball oft die Nase vorn, die Borussia wurde fünfmal Deutscher Meister, Bayern dreimal. Was zeichnet die Gladbacher dieser Tage aus?

Heynckes: Ich bin hoch erfreut, wie sich die Borussia entwickelt hat, wie die Mannschaft zusammengestellt ist und ständig dazu lernt. Cheftrainer Lucien Favre hat teamfähige Spieler, das ist sehr wichtig. Sie verstehen die Maßnahmen ihres Trainers, erkennen das Rotieren, das permanente Wechselspiel an. Der Erfolg gibt allen recht. Was auch ein Verdienst von Sportdirektor Max Eberl und seiner Transferpolitik ist. Er hat ein klares Konzept und gute Ideen. Und Lucien Favre gehört meines Erachtens zu den Großen in der Trainergilde. Er ist ein Detail-Fanatiker. Der Schweizer weiß aber auch, was er an Gladbach hat. Denn Borussia Mönchengladbach ist nach wie vor etwas Besonderes.

Ist der Gladbach ein Kandidat für ganz vorn in der Bundesliga?

Heynckes: Ein Champions-League-Platz muss jetzt das Ziel sein. Die Mannschaft hat die Klasse, das schaffen. Weil sie gut strukturiert ist, eine klare Linie hat, defensiv hervorragend steht und in der Lage ist, den Ball zirkulieren zu lassen. Nicht zu vergessen die zunehmende Effektivität. Allmählich zahlt sich die kontinuierliche Arbeit der Gladbach-Achse von der Vereinsspitze bis hin zu den operativen Kräften aus.

Manuel Neuer hat in der Bundesliga seit 568 Minuten kein Tor mehr kassiert, nur zwei Treffer zugelassen. Auf der Gegenseite spricht in Gladbach niemand mehr über Marc-André ter Stegen, sondern lobt Nachfolger Yann Sommer, der bisher auch nur viermal hinter sich greifen musste. Wie fällt Ihr Vergleich aus?

Heynckes: Manuel Neuer ist sowieso der beste Torwart der Welt. Aber auch er ist - wie Sommer - abhängig von der Struktur der Mannschaft, von der Defensivarbeit vor seinem Kasten. Yann Sommer war in Basel Publikumsliebling und ist ein großes Torwart-Talent. Auf jeden Fall sind Neuer und Sommer Torleute modernster Prägung.

Mönchengladbach ist bis dato von Verletzungssorgen verschont. Ist das Zufall? Oder hat das auch mit einer guten Zusammenarbeit der Abteilungen Sport und Medizin zu tun?

Heynckes: Das ist zweifellos der Fall. Mönchengladbach hat eine gute Trainingssteuerung, es wird nichts außer Acht gelassen, sehr viel präventiv gearbeitet, ständig miteinander kommuniziert, viel Wert auf Ruhe und Regeneration gelegt. Auch die Vorbereitung wird, das weiß ich, akribisch geplant, um die nötige körperliche Stabilität bei den Spielern und die optimale Fitness zu erreichen.

Granit Xhaka wird beim VfL immer mehr zum Fixpunkt und Anführer der Mannschaft. Was trauen Sie dem Schweizer Nationalspieler inzwischen zu?

Heynckes: Ich habe Xhaka vor drei Jahren bei Bayerns Champions-Niederlage in Basel gesehen, wo wir ja das Hinspiel verloren. Ich halte ihn für sehr talentiert und bin froh darüber, wie behutsam Gladbach mit Xhaka umgeht, Geduld hat, ihm Zeit gibt, sich zu entwickeln und sein Spiel zu finden. Xhaka hat viel gelernt, aber er hat noch kleine Defizite. Er bringt die richtige Einstellung mit und investiert viel. Mit 20, 21 sind die wenigsten schon ausgereift. Schauen Sie auf Toni Kroos, der hat mit 17 als Profifußballer begonnen, und ist erst in den letzten Jahren zum Weltklassespieler gereift. Jetzt ist er 24 und Stammspieler bei Real Madrid.

Herr Heynckes, Ihr Einstieg als Trainer in der Bundesliga mit Borussia war perfekt. Am vierten Spieltag der Saison 1979/1980 haben Sie, damals 34 Jahre alt, mit 2:1 den ersten Sieg eingefahren - gegen die Bayern. Und Ihre Prognose für das morgige Spiel?

Heynckes: Soll ich wirklich tippen? Na gut. Viele Tore werden nicht fallen. Ich tippe auf ein 1:1.

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