Gladbachs Marcus Thuram Mon dieu — welch ein Glücksgriff!

Mönchengladbach · Die Fans von Borussia Mönchengaldbach haben Marcus Thuram zu ihrem Spieler der Saison gewählt.

  Marcus Thuram kniet nach seinem Tor zum 2:0 auf dem Rasen.

 Marcus Thuram kniet nach seinem Tor zum 2:0 auf dem Rasen.

Foto: dpa/Martin Meissner

Haltung, Humor, Hochgeschwindigkeit – Marcus Thuram ist von den Anhängern von Borussia Mönchengladbach zum Spieler der Saison gewählt worden. Er ließ dabei in Yann Sommer einen der besten Torhüter Europas hinter sich, und selbst der Schweizer Shooting-Star Dennis Zakaria musste sich hinter Thuram einreihen, den sie im Verein Tikus, gesprochen Tiküs, rufen. Den Spitznamen hat der 22-Jahre alte Franzose sich selbst gegeben. Auch das passt zu dem jungen Mann, der mit breiter Brust durchs Leben geht. „Petit Marcus“, Tiküs bedeutet kleiner Marcus. Er habe sich so in seiner Kindheit von den anderen Kickern gleichen Namens unterscheiden wollen, erklärte Thuram einmal.

Aus dem kleinen Marcus ist ein großer geworden. Und nach einem Jahr Fußball-Bundesliga spricht alles dafür, dass aus ihm ein ganz Großer wird. Dafür sorgt schon sein Vater. Der zählte nicht nur in Frankreich zu den Besten. Als bulliger Abräumer im Mittelfeld haben viele Fußballer Bekanntschaft mit Lilian Thuram gebracht. So mancher wird sich heute noch das Schienbein reiben. Inzwischen plant der Welt- und Europameister die Karriere seines Sohnes.

Der junge Thuram ist ein anderer Spielertyp. Mit fast 1,90 Meter Größe und etwa 80 Kilogramm Gewicht fällt er im Fußballer-Jargon eigentlich unter den Begriff „Schrank“. Aber dieser Schrank ist schnell, wendig, trickreich, spielt Fußball voll von südländischem Esprit, macht am Ball und vornehmlich auf dem linken Flügel Dinge, die viele Verteidiger auch Stunden nach dem Spiel noch nicht verstanden haben. Und all das paart Marcus Thuram mit einer fröhlichen Leichtigkeit, die ansteckend ist. Berührungsängste scheint er nicht zu kennen. Eingewöhnungszeiten benötigt er anscheinend nicht. Dass er nach seinem 1:0 zum Sieg in Köln nach Abpfiff sein Trikot an einer Eckfahne wie eine Standarte über den Platz trug, mag der eine oder andere noch als Selbstinszenierung empfunden haben. Aber so scheint Thuram nicht zu sein. Inzwischen macht er nach jedem Erfolg seiner Mannschaft einen Spieler des Spiels aus, nimmt sich dessen Trikot und trägt es an der Eckfahne zur Fankurve. Das hat etwas ebenso Infantiles wie Respektvolles. Dafür mögen ihn seine Mitspieler, dafür lieben ihn die Fans im Borussia Park.

Aber Thuram hat auch eine andere Seite. Alles spricht dafür, dass er als Sohn eines Fußball-Weltmeisters, eines international umworbenen und gut bezahlten Kickers eine unbeschwerte Kindheit hatte, weit weg von den Vororten der großen Städte in Frankreich, dort, wo Franzosen zumeist mit afrikanischem Migrationshintergrund in Armut, hoffnungslos und in einer Atmosphäre von Gewalt und Kriminalität aufwachsen. Auch dafür scheint der 22-Jahre alte Fußballer ein Gefühl zu haben. Und das zeigte er, als er zum Gedenken an den von einem Polizisten erwürgten Floyd Goerge und die „Black Lives matter“-Bewegung erinnerte. Sein Kniefall nach dem 4:1 im Spiel gegen Union Berlin ging um die Welt. In diesem Augenblick war Fußball einmal nicht der millionenschwere Unterhaltungszirkus mit schwerreichen Helden in kurzen Hosen. „Wenn man sich öffentlich gegen Rassismus stellt, dann ist das schon sehr in Ordnung“, hatte sein Trainer Marco Rose nachher befunden. Es wird dieses Bild sein, das auch bei den Fans der Gladbacher haften bleibt, wenn Thuram einmal nicht mehr bei der Borussia spielt. Zehn Tore, elf Vorlagen sagen, dass dieser Zeitpunkt nach dem ersten Jahr am Niederrhein deutlich nähergekommen ist.

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