Erste Heimniederlage für Gladbach: „Jäger“ mit Ladehemmung

Erste Heimniederlage für Gladbach: „Jäger“ mit Ladehemmung

Gladbach scheint mit der neuen Rolle als Titelkandidat überfordert und verliert gegen Hertha BSC schon nach dem ersten Gegentor die spielerische Linie.

In schöner Regelmäßigkeit küren die Fußball-Fans der Bundesligavereine ihren Spieler des Monats, ihren Liebling sozusagen. Bei Borussia Mönchengladbach hatte sich Yann Sommer, der Nationaltorwart der Schweiz, diese besondere Auszeichnung gleich zweimal hintereinander (im Dezember und Januar) mit großem Abstand verdient. Mit zehn Zu-Null-Spielen, einer Vielzahl großartiger Paraden und auch dank seiner Ausstrahlung ist der 30-jährige Keeper zweifellos ein wichtiger Garant für den aktuellen Tabellenstand der Gladbacher. Nun wurde der Höhenflug der Borussia jedoch erst einmal jäh gestoppt. Nach zwölf Heimsiegen in Folge raubte Hertha BSC Berlin den Gladbachern den Nimbus der Unantastbarkeit im heimischen Stadion.

Umso betrübter war Sommer, als er sich den Fragen der Journalisten stellte. „Das 0:3 gegen Hertha BSC ist bitter, ja, und wir haben auch nicht gut gespielt, wir haben es den Berlinern zu leicht gemacht“, sagte Sommer. „Nun ist es eben passiert. Schade, wir wollten unbedingt den 13. Heimerfolg. Deshalb lassen wir uns aber nicht von unserem Weg abbringen. Wir spielen eine gute Saison, müssen weiter konzentriert sein und dürfen nicht auf Dortmund oder Bayern schauen.“

Leichter gesagt als getan. Ist die Borussia mit der neuen Rolle als Titelkandidat überfordert? Bisher blieb das Team von Dieter Hecking gelassen, geduldig und ließ scheinbar jeglichen Druck abprallen. Vieles deutete darauf hin, dass die Fohlen­elf nach optimalem Start in die Rückrunde so schnell nichts aus der Bahn wirft. Doch dann kam der 21. Spieltag und das böse Erwachen. Ausgerechnet der Club aus der Hauptstadt, der mehr als ein Jahrzehnt in Mönchengladbach leer ausgegangen war, holte mit einem Schlag alles Versäumte nach und schickte den VfL auf die Verliererstraße. Den Gladbachern fehlten die Mittel und zündenden Ideen, um die Berliner Defensive aus den Angeln zu heben. Gladbach gab mit der Niederlage das Zepter des BVB-Jägers an den FC Bayern ab. Dessen ungeachtet bleibt die Fohlenelf ein Top-Kandidat für das Erreichen der Königsklasse.

Hecking sieht den Rückschlag als einen „normalen Effekt“

Cheftrainer Hecking betonte, dass es für eine junge Mannschaft nicht einfach sei, mit der Situation umzugehen. „Jeder macht Dich zum Dortmund-Jäger, jeder erwähnt die Serie. Du wirst hochgelobt, und dann ist der Fall umso härter. Du musst lernen, mit der Rolle umzugehen. Dann fällt auch noch das 0:1, du spürst die Ungeduld, spielst nicht mehr so diszipliniert. All das ist ein normaler Effekt.“ Hecking ist davon überzeugt, dass seine Mannschaft aus den Erfahrungen lernen und nicht nachlassen wird: „Wir werden unseren Weg gehen und weiter Gas geben.“

Zunächst spielte sein Team mutig nach vorne, schnell, ideenreich und mit einer Prise Raffinesse – allerdings nur in den ersten 20 Minuten. Doch das Führungstor, das für Thorgan Hazard, Alassane Plea und Michael Lang in dieser Spielphase durchaus möglich gewesen wäre, erzielte einer von der Gegenseite. Herthas Außenstürmer Salomon Kalou, ein Ballkünstler der alten Schule, narrte drei Gegenspieler und ließ auch Yann Sommer keine Chance (30.). In diesem Moment deutete sich bereits an, dass die Serie der Fohlenelf womöglich zu Ende gehen könnte. Zumal Mittelfeld-Motor Jonas Hofmann bereits in der 34. Minute verletzt ausgewechselt werden musste. Hofmann zog sich eine schwere Prellung am Sprunggelenk mit Knochenhautreizung zu. Das ergab eine medizinische Untersuchung am Sonntag. Wie lange er ausfallen wird, ist vorerst offen.

Die Berliner wirkten mit der Führung im Rücken frischer, flinker, frecher. Die 120-Minuten-Schlacht unter der Woche gegen die Bayern, die das Ende aller Pokalträume bedeutete, hatten sie gut verkraftet. „Das war eine fantastische Team-Leistung“, frohlockte Davie Selke nach seinem 100. Bundesligaspiel. Die Sturmspitze der Hertha entpuppte sich als ständiger Unruheherd, bereitete das 2:0 (56) nach einem unwiderstehlichen Solo vor und erzielte den dritten Treffer selbst. Wenn die Berliner wieder einmal mit Finesse zum Angriff übergingen, waren die Gladbacher Abwehrspieler Matthias Ginter und Nico Elvedi nicht in der Lage, die Attacke wirkungsvoll zu stoppen.

Borussia Mönchengladbachs Anhänger nahmen die erste Heimniederlage seit einem Jahr (0:1 gegen Dortmund) gelassen hin und verabschiedeten ihre Mannschaft bei aller Enttäuschung sogar mit aufmunterndem Applaus. Wohl wissend, dass die Aufgaben nicht leichter werden und schwere Heimspiele (Wolfsburg, Bayern) bevorstehen. Jetzt geht es aber erst einmal Richtung Frankfurt, dem hartnäckigsten Konkurrenten im Kampf um einen Champions-League-Platz. Darauf freut sich Yann Sommer sehr, der Torwart der Borussia, der erstmals in diesem Jahr Bälle aus dem Netz holen musste. „Ich denke, dass uns dort ein tolles Match erwartet. Wir messen uns erneut mit einem starken Team, das uns alles abverlangen dürfte“, sagte er gestern, einen Tag nach dem 0:3, wieder besser gelaunt.

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