Erst WM, dann Kinder kriegen

Erst WM, dann Kinder kriegen

Frauenfussball: Die Nationalspielerin Lira Bajramaj ist erst 22, aber schon hoch dekoriert. Mönchengladbach bleibt erste Adresse.

Mönchengladbach. Sie schoss in Pumps auf die Torwand im Aktuellen Sportstudio, geht geschminkt und in pinken Schuhen aufs Spielfeld - Fatmire Bajramaj ist das unbekümmerte Gesicht des deutschen Frauenfußballs.

Die Lebensgeschichte der Kosovarin erinnert an den Hollywoodfilm "Kick it like Beckham". Denn "Lira", wie sie alle nennen, floh mit ihrer Familie aus dem Kosovo, landete bei Bekannten in Remscheid, zog nach Mönchengladbach und spielte heimlich und gegen den Willen ihres Vaters Fußball. "Er wollte, dass ich Ballett tanze, Fußball sei nur was für Männer", sagt Lira Bajramaj.

Es kam anders: Erst kickte sie auf Bolzplätzen, um dann beim FSC Mönchengladbach und beim VfL Giesenkirchen anzuheuern. Irgendwann ist der Schwindel aufgeflogen, doch sie konnte ihren Vater überzeugen, ihr beim Spielen zuzuschauen. "Seither ist er mein größter Fan", sagt sie und schmunzelt.

2004, im Alter von 16 Jahren, wechselte sie in die Bundesliga zum FCR Duisburg, ein Jahr später debütierte sie in der Nationalmannschaft und absolvierte seither knapp 40 Länderspiele, bei denen sie sieben Tore markierte. Ihre womöglich wichtigsten waren die beiden Treffer im Spiel um Platz drei gegen Japan bei den Olympischen Spielen 2008. Seit Beginn dieser Saison wuselt sie für den 1. FFC Turbine Potsdam.

Schon jetzt ist die Liste ihrer Erfolge beeindruckend: U19-Europameisterin, UEFA Cup- und DFB-Pokalsiegerin, Bronze bei Olympia, Welt- und Europameisterin.

Weil die 22-jährige bereits allerhand erlebt hat, ist im Oktober 2009 ihre Biografie mit dem Titel "Mein Tor ins Leben - vom Flüchtling zur Weltmeisterin" erschienen. Darin wird berichtet, wie Lira Bajramaj in Gjurakovc, inmitten des Kosovo-Konfliktes, geboren und aufgewachsen ist. Als die serbischen Übergriffe gegen den Kosovaren zunahmen, floh sie 1992 im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern nach Deutschland. Die Bajramajs verließen ihren Bauernhof und landeten bei Verwandten in Remscheid. Dort konnten sie nicht lange bleiben und wurden in einem Asylantenheim untergebracht.

Der Vater fand eine Anstellung als Bauarbeiter in Mönchengladbach und die Familie zog an den Niederrhein. "Die Öffentlichkeit soll erfahren, wie schwer es für Flüchtlingskinder ist, sich in Deutschland zu integrieren. Nur der Sport hat mir geholfen, Freunde zu finden", betont die Nationalspielerin.

Lira Bajramaj hat gelernt, sich durchzubeißen und im Laufe der Jahre einen immensen Ehrgeiz entwickelt. Der zeigt sich auch, wenn sie über die Pläne für die kommenden Jahre spricht: "Erst will ich die Meisterschaft, dann die WM im eigenen Land gewinnen und anschließend Kinder kriegen", sagt sie. Neben den sportlichen und familiären Plänen, bleibt noch Platz für soziales Engagement: Sie war Botschafterin für das Kinderhilfswerk World Vision, wird Patin eines Kindes und wurde Botschafterin des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung.

Ein noch größeres Vorbild kann sie werden, wenn sie mit dem Nationalteam im nächsten Jahr Weltmeisterin im eigenen Land wird. In diesen Tagen kann sie beim Algarve-Cup in Portugal beweisen, dass Silvia Neid auf sie zählen kann.