Bundesliga Historie Als Weisweiler in eine Eickener Kneipe kam

MÖNCHENGLADBACH · Neuer Trainer, Aufstieg, Titel und Triumphe: Vor 60 Jahren begann die Erfolgsgeschichte von Borussia Mönchengladbach

Hennes Weisweiler, von 1964 bis 1975 Trainer bei Borussia Mönchengladbach.

Hennes Weisweiler, von 1964 bis 1975 Trainer bei Borussia Mönchengladbach.

Foto: dpa/Hans Hemann

Die Wiege von Borussia Mönchengladbach steht im Herzen des Stadtteils Eicken. Dort, genauer an der Steil zum ehemaligen Bökelberg-Stadion führenden „Eickener Höhe“ im Saal des Vereinslokals „Schumacher“, spitzen am 27. April 1964, einem Montag, alle die Ohren. Es sind die Fußballer des VfL Borussia, die jedes Wort aus dem Mund ihres neuen Trainers aufsaugen. „Nicht auf dem Fußball-Platz, sondern in einem Saal einer Gaststätte stand er nun vor uns, der Neue“, erinnert sich Herbert Laumen, seiner Zeit ein junger, aufstrebender Stürmer, „er erzählte über sich, über seine Ideen, seine Vorstellungen und weckte die Vorfreude auf das, was kommen sollte.“

Elektrisiert von der positiven Atmosphäre, die der damals 44-jährige Fußball-Lehrer Hennes Weisweiler bei seiner Vorstellung im „Schumacher“ und der ersten Begegnung mit den Borussen verbreitete, blickten alle zuversichtlich in eine neue Zukunft. Schließlich war es das Ziel, so schnell wie möglich in die 1963 gegründete Bundesliga aufzusteigen, die dem Gladbacher Fußballklub im strengen Auswahlverfahren zunächst verwehrt geblieben war. Was dann auch gleich zu Beginn der Weisweiler’schen Schaffenszeit gelang. „Mit dem Aufstieg 1965 hat die Erfolgsgeschichte des Vereins begonnen“, sagt Laumen.

12, 13 Spieler, mehr gehörten nicht zum Stamm des Kaders

Weisweiler, der im April, also zwei Runden vor Ende der Spielzeit 1963/1964, für den plötzlich nach Schalke abgewanderten Coach Fritz Langner, von Manager Helmut Grashoff verpflichtet worden war, legte in seiner ersten Saison in der Regionalliga West sofort furios los. „Zwölf Spiele, elf Siege, und Tore wie am Fließband. Besser ging’s nicht“, schwärmt Laumen noch heute, „man spürte es von Anfang an, Weisweiler liebte den Angriffsfußball, auch die Verteidiger mussten mitstürmen.“

Auf dem Papier verfügte der Mann mit dem kölschen Naturell zwar über einen 19-Mann starken Kader, doch die Realität sah anders aus. 1964 waren es lediglich 12, 13 Spieler, die den Stamm bildeten. Aus der A-Jugend rückte damals der 19-jährige Jupp Heynckes nach, vom 1. FC Mönchengladbach kam Linksfuß Werner Waddey, und aus Wiesbaden holte die Borussia den wieselflinken Dribbelkünstler Bernd Rupp (22). Drei Volltreffer, die perfekt zu dem beiden Offensiv-Spielern Laumen und Günter Netzer passten. „Es war die Geburtsstunde der Fohlen Elf. Diese erste Saison auf dem Weg in die Bundesliga war wie ein Rausch“, erzählt Jupp Heynckes im Gespräch mit der WZ, „und Hennes Weisweiler war der Taktgeber. Als Trainer, als Mensch. Er vertraute uns, forderte aber auch sehr viel.“ Er habe von Anfang an keine Fesseln angelegt. „Wir spielten einfach Fußball, frisch, mit Freude und Elan. Und erfolgreich waren wir auch. Wir haben auch schön gefeiert. Der Hennes managte alles“, sagte Henckes vor wenigen Tagen. Und manchmal habe es „auch geknistert“. Heynckes: „Er konnte ein sturer Kopf sein, das waren wir, Günter (Netzer), Berti (Vogts) und ich aber auch schon mal.“ Acht Jahre stand Heynckes unter den Fittichen Weisweilers. „Mit einem anderen, moderneren Stadion und mithin größeren wirtschaftlichen Möglichkeiten wären wir europäisch noch erfolgreicher gewesen.“

Und Weisweiler bekam derweil alles zurück: Mit nahezu ein und derselben Aufstellung dominierte die Fohlen-Elf die Liga und hielt die harten Konkurrenten von der Alemannia aus Aachen und Fortuna Düsseldorf auf Distanz. So wurde die niederrheinische Borussia Westdeutscher Meister, Erster der Aufstiegsrunde und war endlich in der Bundesliga. Ein Jahr hatte also genügt.

Nicht alle Spieler konnten auf Dauer den hohen Anforderungen in der ersten Liga gerecht werden. Uwe Blotenberg, Heinz-Willi Raßmanns, Siggi Gollers oder Werner Weigel kamen im ersten Weisweiler-Jahr nur sporadisch zum Einsatz und waren irgendwann weg vom Fenster. Da Weisweiler mit der Rückendeckung des Vereins und seinem Gespür, immer wieder neue Talente zu entdecken und sie zu fördern, immensen Erfolg hatte, wurde es für die Etablierten im Team nicht einfacher. Weisweiler waren Details wichtig. Als nach dem Aufstieg in die Eliteklasse weitere neue Spieler anheuerten, die Konkurrenz größer wurde und der Meister sein System änderte, war selbst Aufstiegsheld Werner Waddey nicht mehr so gefragt. Er blieb zwar noch drei Jahre am Bökelberg, doch die große Karriere blieb dem gebürtigen Viersener versagt. 22 Liga-Einsätze als Linksaußen, das war‘s. Bernd Rupp, heute in Wiesbaden zu Hause, schwärmt von der Anfangszeit unter Weisweiler in den höchsten Tönen: „Das Training damals hat richtig Spaß gemacht, wir spielten traumhaften Fußball und waren erfolgreich. Außerdem liebte Weisweiler es sehr, mit uns lebhaft zu diskutieren, wenn es sein musste, auch schon mal länger.“

1975 wechselt Weisweiler
zum FC Barcelona

Es dauerte sechs Jahre, bis Hennes Weisweiler und seine Borussen die erste Deutsche Meisterschaft feiern konnten (1970). Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Jupp Heynckes, das Gladbacher Urgestein, fehlte in dieser denkwürdigen Saison. Heynckes stand bei den 96ern aus Hannover unter Vertrag. Ein Jahr später war es aber so weit. Nach seiner Rückkehr zum Bökelberg verteidigte der VfL Borussia seinen Titel. Heynckes blühte richtig auf und erzielte 19 Treffer. Bald darauf folgte der nächste Titel: der DFB-Pokal-Gewinn. Nach seiner dritten Meisterschaft 1975 und elf Jahren Borussia voller wahrer Leidenschaft für den Offensivfußball wechselte Hennes Weisweiler zum FC Barcelona. Seine Mission war erfüllt, die mit dem geglückten Start in seine erste Bundesliga-Ära begonnen hatte. Das „Jahr 1“ unter Weisweiler, die Saison 1964/1965. Die erste Spielzeit unter dem unvergessenen, 1983 verstorbenen Fußball-Lehrer und Dozenten, der dieses befreiende, spektakuläre Fußballspiel zu einer Marke in Mönchengladbach gemacht hat – und alles begann an einem Montag, Ende April 1964 vor 60 Jahren in einer Eickener Kneipe.

Der Kader 1964/1965: Torhüter: Manfred Orzessek (verstorben), Rudi Krätschmer, sowie die Feldspieler Albert Jansen (verst.), Heinz de Lange (verst.), Arno Ernst, Uwe Blotenberg, Siggi Gollers, Heinz Lowin (verst.), Gerd Schommen (verst.), Walter Wimmer, Egon Milder (verst.), Günter Netzer, Rudi Pöggeler, Heinz-Willi Raßmanns, Jupp Heynckes, Herbert Laumen, Bernd Rupp, Werner Waddey (verst.) und Werner Weigel.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort