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Bosz bei Bayer Leverkusen: Halbvolle Entwicklung, halbleere Resultate

Bundesliga : Kampf gegen das Vizekusen-Image

Peter Bosz geht als Trainer mit der „Werkself“ in die dritte gemeinsame Saison. Er will seinem Stil treu bleiben – auch ohne Titel.

Mit dem halbvollen Glas ist das immer so eine Sache. Die einen sehen es eher gefüllt, die anderen eher geleert. Auf den TSV Bayer 04 Leverkusen trifft das in dieser – ob der anstehenden Europa League noch immer nicht beendeten – Saison bisher genau so zu. Ist Platz fünf mit der früh gesicherten erneuten Teilnahme am Europapokal ebenso ein Erfolg wie das Erreichen des DFB-Pokal-Endspiels, welches nur gegen die „Super-Bayern“ verloren wurde? Oder ist diese einmal mehr nicht in die Vitrine bekommene Silberware ebenso ein Misserfolg wie das Verpassen der Qualifikation für die Champions-League?

„Etwas in der Hand zu halten, würde uns gut tun“, hatte Sport-Geschäftsführer Rudi Völler vor dem Pokal-Finale in Berlin gesagt. Leverkusen haftet das Image von Vize-Kusen an. Für die Gesamtbewertung der Saison fehlt noch der Abschluss auf europäischer Bühne – doch selbst die so gut wie sichere Viertelfinal-Qualifikation dürfte kritisch beäugt werden, sollte dort das Aus kommen. „Wir leiden unter unserer Vergangenheit, besonders wegen der Jahre 2000 sowie 2002. Da hätten wir was gewinnen müssen. Das waren mit Abstand die besten Mannschaften, die wir jemals hatten. Das rennt uns hinterher und das tut auch heute noch weh“, sagte Völler.

Verlust von Julian Brandt hat
das Team zurückgeworfen

Nun, auch der aktuelle Kader muss sich in Sachen Qualität nicht verstecken. Und 63 Punkte in der Bundesliga bedeuten die beste Ausbeute, die je ein Tabellen-Fünfter auf dem Konto hatte. In der Saison 2018/19 hatten Leverkusen „nur“ 57 Zähler sogar für Rang vier gereicht. Mit weniger holte Trainer Peter Bosz damals mehr. Dennoch hat sich das Team entwickelt. Musste also mehr drin sein und kann Bosz für mehr sorgen?

„Ich glaube an meine Spielweise. Sie hat auf all meinen Stationen funktioniert. Aber am Ende muss sie erfolgreich sein“, hatte Bosz dem „kicker“ schon im Oktober gesagt. Damals wurde der Niederländer hinterfragt, weil er seine Mannschaft immer wieder in wechselnden Systemen spielen ließ und diese nur schwer in Gang kam. Im Nachhinein betrachtet wurden also wertvolle Punkte für mehr in der Hinrunde verloren, doch Bosz war zu diesen Experimenten gezwungen. In der Rückrunde 2018/19 hatte der Mann aus Apeldoorn Julian Brandt vom Außenstürmer zum zentralen Mittelfeldspieler umfunktioniert. Ein genialer Schachzug, der die „Werkself“ mit 34 Punkten aus 17 Spielen in die Champions League brachte.

 Brandt allerdings wechselte zu Borussia Dortmund. Was mit ihm unter dem Bayer-Kreuz möglich gewesen wäre, ist hypothetisch. Bosz versuchte viel, seine grundsätzliche Idee vom Fußball aber hat er nicht verworfen und sie passt ja auch zu einem Kader wie dem Leverkusener. Dominanter Ballbesitz und flüssige Kombinationen, durch welche Lücken in des Gegners Reihen aufgerissen werden sollen. In diese können dann die schnellen Angreifer stoßen.

Im Laufe der Saison stellten sich die Automatismen und mit ihnen die Erfolge ein. Die „Werks­elf“ rückte Platz vier immer näher, hatte ihn am 31. Spieltag sogar inne und verpasste die Champions League dann doch. Ist Bosz also wie in seiner Zeit beim BVB (Juli bis Dezember 2017) an seiner Sturheit gescheitert?

„Ich bin nicht stur, absolut nicht. Stur zu sein, heißt ignorant zu sein und das ist wenig intelligent. So wie ich von meinen Spielern eine Entwicklung verlange, so will auch ich mich entwickeln“, sagte Bosz dem „kicker“. Das 2:1 beim FC Bayern München Ende November des vergangenen Jahres zeigte dann tatsächlich, dass Bosz durchaus auch defensiv denken kann. Mit der Führung im Rücken ließ er sein Team deutlich tiefer stehen und es lediglich auf Konter lauern.

Umstrittene Entscheidungen,
aber eine klare Handschrift

Dennoch ist Bosz nur ein Mensch und Menschen können nicht alles richtig machen. Dass die europäische Königsklasse verfehlt und den Bayern im DFB-Pokal-Endspiel erst spät Paroli geboten wurde, lag mit an zwei seiner Entscheidungen.

Den ungewohnt steifen Aranguiz gegenüber dem glänzend aufgelegten Demirbay vorzuziehen, war ebenso wenig glücklich wie Havertz als falsche Neun einzusetzen. Damit rieb sich der eh’ schon sichtbar müde Jungstar unnötig auf, wurde er seiner Stärke als Passgeber beraubt und fehlte im Strafraum ein kantiger Akteur wie Volland oder Alario. Dennoch – Bosz hat bisher mehr richtig als falsch gemacht, mit ihm ist in Leverkusen seit der Zeit von Jupp Heynckes (2009-2011) wieder eine klare Handschrift auf der Trainerbank zu erkennen.

Pech für den 56-Jährigen, dass er wohl ohne Havertz planen und so erneut experimentieren muss. Da aber ist Bosz gelassen. „Kein Trainer kann Titel garantieren und deswegen bleibe ich meinem Stil treu.“