Fußball: WM-Kader - Wechsel auf die Zukunft

Fußball: WM-Kader - Wechsel auf die Zukunft

Bundestrainer Löw hat 30 Spieler für einen Leistungstest nominiert. Ein Kader mit neuen Talenten, der ein echter Fingerzeig für das WM-Aufgebot ist.

Düsseldorf. Auch im Leben eines Bundestrainers gibt es gute und schlechte Tage. Noch tags zuvor musste sich Joachim Löw Torsten Frings entledigen, am Donnerstag durfte er bescheren: Mit der Nominierung des 30-Mann-Kaders für den Leistungstest der Nationalmannschaft in Sindelfingen startete Löw mit Überraschungen in das WM-Jahr: Toni Kroos (20), Thomas Müller (20) und Dennis Aogo (23) - drei junge Spieler, die in der Bundesliga-Hinserie auf sich aufmerksam gemacht haben, beginnen das Jahr mit der Aussicht, im Sommer bei der Fußball-WM in Südafrika eine Rolle zu spielen.

Dass der Bundestrainer die Nominierung für einen einstmals belächelten Leistungstest zur überlegten Richtungsentscheidung anhob, macht es für die Drei bedeutsam. Es werde über diesen Kader hinaus - exklusive der Verletzten Heiko Westermann (Meniskus-Operation), Lukas Podolski (Bandscheibenvorfall) und des verhinderten Michael Ballack - nur dann noch jemand eine Chance erhalten, "wenn er bis zum Saisonende überragende Leistungen bringt", sagte Löw. Am Abend sagte auch Cacau wegen einer Leistenzerrung ab.

Das bedeutet auch, dass Spieler wie Tobias Weis, Marvin Compper (beide Hoffenheim), Manuel Friedrich, Gonzalo Castro (beide Leverkusen) oder der Bremer Clemens Fritz, die unter Löw einst hoffnungsvoll debütiert oder gar über einen längeren Zeitraum eine gute Rolle gespielt hatten, ihren Sommerurlaub buchen dürfen. Und noch mehr: Neben Frings, dem Löw tags zuvor in einem Akt der Eigenbefreiung mitgeteilt hatte, zukünftig nicht mehr auf ihn zu zählen, hat auch die einstige Stütze Christoph Metzelder Gewissheit, nicht mehr gewollt zu sein. Noch bei der EM 2008 hatte der Bundestrainer den angeschlagenen Madrilenen mit durch das Turnier geschleift - in einer Melange aus Hoffnung auf Leistung und abgestandener Dankbarkeit.

Frings und Metzelder: Die alten Stützen des DFB-Teams - obgleich nicht zu alt - brechen langsam weg. Löw macht Platz für den Nachwuchs, für eine neue Hierarchie, und für jenen Typ Spieler, der in das innovative DFB-System, das Klinsmann 2004 erfand und Löw fortführte, hineingewachsen ist. Und nicht umgebogen werden muss.

Lauter Musterschüler also, zu denen überraschend auch der Stuttgarter Christian Träsch und der reaktivierte England-Legionär Robert Huth (und nicht der junge Dortmunder Mats Hummels) zählen. Beide kamen zuletzt bei der Asien-Reise im Juni 2009 zum Einsatz.

Und so oblag es allein Per Mertesacker am Donnerstag, seinem Bremer Clubkollegen Frings verbal noch eine Träne nachzuweinen. "Ich hätte gerne mit Torsten noch einmal eine WM gespielt, aber es liegt nicht in meinem Einflussbereich", sagte Mertesacker. Mehr Kampfbereitschaft für den alten Kollegen war dann aus dem Umfeld auch nicht zu vernehmen. Selbst von Michael Ballack nicht, der Frings in der Vergangenheit wortreich beiseite gestanden hatte.

Was vielleicht daran liegt, dass Ballack weder am Leistungstest noch an den folgenden Werbeaufnahmen der Fußball-Nationalspieler in Sindelfingen von Montag bis Mittwoch teilnimmt. Der DFB hatte sich bei Ballacks Arbeitgeber FC Chelsea vergeblich um eine Freigabe bemüht. Grund: Die Londoner müssen am Mittwoch gegen Birmingham antreten. Bei den DFB-Sponsoren stößt das naturgemäß auf wenig Gegenliebe. So ist sogar über ein Ballack-Double nachgedacht worden. Wenigstens einer aus der alten Garde erfreut sich also doch noch großer Beliebtheit.

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