Fußball: „Wir sind alle Getriebene“

Fußball: „Wir sind alle Getriebene“

Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen über den Boom der Bundesliga, falsche Erwartungshaltungen und den Wert von Felix Magath.

Ausgerechnet das englische Fußball-Magazin "Four-Four-Two” hat ein Loblied auf die Bundesliga gesungen - Stadien, Spannung, Bier, alles besser als in England. Sind Sie darauf stolz?

Heribert Bruchhagen: Wir dürfen uns nicht groß auf die Brust klopfen, denn wir haben einen Wettbewerbsvorteil, der aus der WM 2006 und den entstandenen tollen Stadien besteht. So sind die Zuschauerzahlen gestiegen, damit auch die Einnahmen. Hier haben wir dem Steuerzahler sehr viel zu verdanken. Auf der anderen Seite haben wir den großen internationalen Schwindel mit den aufgeblasenen, kreditierten Spieleretats nicht mitgemacht. Und auch davon scheinen wir jetzt zu profitieren.

Bruchhagen: Wir sind in der Bundesliga doch alle Getriebene. Wenn ein Verein fünfmal in Folge ein tolles Ergebnis erzielt und Fünfter wird, dann wird die ihn umgebende Journaille und die öffentliche Meinung mit diesen fünf fünften Plätze derartig unzufrieden sein, dass man zu weiteren riskanten Handlungen gezwungen wird. Man erreicht nur ganz selten Zufriedenheit, sondern wird dazu gedrängt, neue Visionen zu entwickeln oder - wie es so schön heißt - die Marke neu aufzuladen. All diese Sprüche aus der Marketing- und Finanzwelt erzeugen dann eine problematische Erwartungshaltung.

Bruchhagen: Exakt. Oder nehmen Sie Hertha BSC. Die Berliner sind jetzt in der Phase, die die Dortmunder mehr oder weniger hinter sich haben. Mit geliehenem Geld hat man sich sportlichen Erfolg erkauft und muss dann zurückschrauben.

Bruchhagen: Stimmt. Dass Schulden gemacht werden, wird allgemein gern mal beklagt, aber wenn sportlicher Erfolg da ist, fragt niemand, ob dieser Erfolg erst durch Schulden möglich wurde. Im globalen Vergleich sind wir aber von den Unvernünftigen noch die Vernünftigsten.

Bruchhagen: In den letzten knapp sieben Jahren haben wir den Verein nicht nur entschuldet, sondern mit Eigenkapital ausgestattet, wir haben das neue Stadion bekommen, wir haben uns sportlich weiter entwickelt. Wir sind derzeit sportlich so erfolgreich wie seit 16 Jahren nicht mehr und gleichzeitig spürt man eine große Unzufriedenheit. So ist es halt in der Bundesliga. Man darf nur nicht den Fehler machen und darunter leiden.

Bruchhagen: Ich kenne die Abläufe. Ich weiß, warum die Bild-Zeitung was schreibt, und ich weiß, warum jemand Mitglied eines Aufsichtsrates wird. Das ist alles vorhersehbar. Ich bin deshalb nicht enttäuscht. Vielleicht manchmal genervt.

Bruchhagen: Allein die Tatsache, dass Felix Magath so außerordentlichen Erfolg hat, tut in diesem Zusammenhang einfach gut. Da weiß man wieder, dass sich die elementaren Dinge des Fußballs nicht geändert haben. Diese neuen Leute aus der Marketing- und Finanzwelt sind eine bunte Beimengung, aber für die Substanz des Fußballs unerheblich. Da ist viel Geschwätz dabei, aber entzieht man sich gar zu radikal diesem Geschwätz, dann gilt man als einer von gestern.

Bruchhagen: Es ist doch so, dass unser Alltag immer komplizierter wird. Man kennt sich doch kaum noch irgendwo aus: Keiner kann mehr sein Auto reparieren oder den Fernseher, von der Steuererklärung mal ganz zu schweigen. Aber im Fußball, da gibt es das Gefühl noch, sich auszukennen.

Bruchhagen: 1992, als die Bundesliga von RTL zu Sat1. wechselte, haben wir begonnen, eine Spreizung bei der Verteilung der TV-Gelder vorzunehmen, das heißt, es bekam nicht mehr jeder Verein den gleichen Anteil. Ich habe damals zu Protokoll gegeben: Wir machen hier einen historischen Fehler. Die Bayern haben mich verbal verprügelt. Diese Spreizung hat alle drei Jahre zu einer Vergrößerung der Kluft geführt. Dazu kam dann noch die Explosion der Einnahmen im internationalen Geschäft - und die, die damals vorne waren, die haben aus ihrem Vorsprung richtig etwas machen können.

Bruchhagen: Ich bewundere Magath seit eh und je, ich habe ihn auch selbst als Co-Trainer von Benno Möhlmann zum HSV geholt. Er ist einer der ganz großen Trainer. Aber dass das jetzt klappen soll: das Gehaltsniveau derart zu drücken und gleichzeitig den sportlichen Erfolg zu steigern - nein. Auch Felix ist kein Pferd, das vier Meter hoch springt.

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