Fußball: Vier Verlierer und nur eine Affäre

Fußball: Vier Verlierer und nur eine Affäre

Warum nicht nur die direkt Betroffenen über den „Fall Amerell“ stolpern könnten.

Düsseldorf. Kein Tag ohne neue Enthüllungen, kein Gefecht, dass den Beteiligten zu schmutzig ist. In der "Affäre Amerell" steht nicht nur die Zukunft der direkt Beteiligten auf dem Spiel. Eine Analyse der Personen, die mit dieser Affäre zu scheitern drohen - oder es bereits sind.

Manfred Amerell: Der ehemalige DFB-Funktionär hat den Spieß umgedreht. Am Montag hat Amerell eine Strafanzeige gegen Fifa-Referee Michael Kempter und drei weitere Schiedsrichter eingereicht - und damit garantiert, dass die Affäre in allen Einzelheiten vor ordentlichen Gerichten ausgefochten wird. Kempter und drei weitere Unparteiische, die weder in der ersten noch in der zweiten Liga pfeifen sollen, beschuldigen derweil Amerell der sexuellen Belästigung.

Mindestens einer von ihnen will sich noch in dieser Woche bekennen und Strafanzeige gegen Amerell stellen, bei dessen Anwalt zu allem Überfluss in der vergangenen Nacht eingebrochen worden war. Auch weil DFB-Präsident Theo Zwanziger Amerell vorschnell verurteilt und für Kempter Partei ergriffen hat, führt Amerell jetzt einen Rachefeldzug in der deutschen Öffentlichkeit. Er hat damit Erfolg: Obwohl er dem Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen Schutzbefohlene ausgesetzt ist, scheint sich die öffentliche Meinung auf seine Seite zu schlagen. Das liegt vor allem am nebulösen Auftreten von...

Michael Kempter: Der junge Schiedsrichter hat den Stein ins Rollen gebracht, als er dem DFB-Schiedsrichter-Boss Volker Roth gegenüber aussagte, von Amerell sexuell belästigt worden zu sein. Seither ist einiges passiert: Kempter muss sich für eine Unmenge von amourösen E-Mails rechtfertigen, die er an Amerell in den vergangenen drei Jahren geschickt hat. Und die in ihrer Substanz kaum den Schluss zulassen, dass es sich zwischen Kempter und Amerell nicht um eine einvernehmliche Beziehung gehandelt hat. Der Druck auf Kempter, der nach Medienberichten von Hans-Dieter Hermann, dem Psychologen der Fußball-Nationalmannschaft, betreut wird, steigt täglich.

Da in einer der zitierten Mails Kempters Abneigung gegen Bayern München offenbar wurde, darf der ehrgeizige Fifa-Schiedsrichter vorerst nicht mehr pfeifen. Eine tatsächliche Rückkehr scheint ohnehin mehr als ungewiss. Amerell glaubt zu wissen, weshalb Kempter sich nach so vielen Jahren gegen ihn gestellt haben könnte: "Vielleicht hat die Nominierung zum Fifa-Schiedsrichter den Ausschlag gegeben, denn der zeitliche Zusammenhang ist auffällig. Am gleichen Tag, als er von diesem entscheidenden Karrieresprung erfahren hat, hat er um den Gesprächstermin beim Schiedsrichter-Ausschussvorsitzenden Volker Roth gebeten. Vielleicht hat er geglaubt, er ist jetzt ganz oben und braucht niemanden mehr."

Volker Roth: Der DFB-Schiri-Boss Volker Roth, ein konservativer, stolzer Mann mit wenig Hang zur Öffentlichkeit, will offenbar noch in dieser Woche vor der Präsidiumssitzung des DFB am Freitag zurücktreten. Als designierter Nachfolger gilt der ehemalige Fifa-Referee Herbert Fandel. Der ehemalige Schiedsrichter Franz-Xaver Wack hatte Roth schwer belastet.

Dieser habe seit fünf Jahren von den Vorgängen um Amerell gewusst, weil er, Wack selbst, Roth auf Hinweise für Amtsmissbrauch bei Amerell hingewiesen habe. Roth steht stellvertretend für die Trägheit des Verbandes, mit diesem Fall adäquat umzugehen.

Theo Zwanziger: Er könnte das prominenteste Opfer dieser Affäre werden. Der umtriebige DFB-Chef und Jurist hat vorschnell Partei für Michael Kempter ergriffen und die Öffentlichkeit frühzeitig über den "Fall" mitsamt dessen Interpretation nach DFB-Art informiert. Inzwischen schweigt Zwanziger sich aus, weil er weiß, dass er zu früh zu viel geredet hat - nicht das erste Mal in den vergangenen Monaten. Der DFB-Präsident habe sich für einige Tage zurückgezogen, um über alles nachzudenken, berichtet der Tagesspiegel.

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