Früherer NHL-Star Christian Ehrhoff spricht über sein neues Leben

Interview : Christian Ehrhoffs neues Leben

Christian Ehrhoff zog von Moers über Krefeld hinaus in die NHL und wurde ein Eishockey-Weltstar. Ein Gespräch über neue Stars, neue Pläne und seine Familie.

Herr Ehrhoff, sind Ihre Töchter pünktlich im Kindergarten und in der Schule angekommen?

Christian Ehrhoff: Das teile ich mir mit meiner Frau. Heute war ich dran. Es hat alles gut geklappt – wie immer.

Als Sie vor einem Jahr Ihre Karriere beendet haben, war klar: Sie werden voll ins Familienleben integriert.

Ehrhoff: Ins Familienleben war ich vorher auch integriert, aber in meiner Zeit in Köln war ich morgens immer sehr früh unterwegs. Da konnte ich das nur erledigen, wenn ich mal einen freien Tag hatte.

Als dreifacher Familienvater ist es in den vergangenen zwölf Monaten nicht langweilig geworden, oder?

Ehrhoff: Absolut nicht. Ich habe neue Aufgaben gefunden. Ich bin Inhaber eines Gesundheits- und Athletikzentrums in Moers. Dann habe ich noch ein paar kleinere Projekte, und natürlich verbringe ich mehr Zeit als früher mit der Familie. Langeweile kenne ich nicht.

Wie passt ein rauer Sport wie Eishockey zu einem Familienmenschen wie Ihnen?

Ehrhoff: Diesen Kontrast habe ich immer gebraucht. Auf dem Eis muss man Härte an den Tag legen, aber wenn ich nach Hause gekommen bin, konnte ich den Sport vor der Tür lassen. Meine Familie war und ist immer mein großer Rückhalt.

Die Playoffs in der DEL laufen, in der NHL rücken sie näher – kribbelt es noch in den Fingern?

Ehrhoff: Nein, gar nicht. Natürlich sind die Playoffs die schönste Zeit des Jahres, aber für mich ist alles gut so, wie es ist.

Wem trauen Sie in den Ligen jeweils den Titel zu?

Ehrhoff: In Deutschland ist Mannheim mein Favorit. In den USA habe ich die Saison nicht so intensiv verfolgt.

Die ersten Deutschen haben es meistens nur für eine Saison und wenige Spiele in die NHL geschafft. Ende der 90er spielten dann Stefan Ustorf, Olaf Kölzig, Marco Sturm, Uwe Krupp und Jochen Hecht in NHL. Inzwischen schaffen immer mehr den Sprung – ist das deutsche Eishockey konkurrenzfähiger geworden?

Ehrhoff: Das denke ich schon. Mit Leon Draisaitl haben wir natürlich einen, der ein echter Topspieler und Star in der NHL ist. Das ist schön. Je mehr Spieler es in die NHL schaffen, umso besser ist der Werbeeffekt für das deutsche Eishockey. Die NHL ist immer noch die beste Liga in der Welt.

Für Sie war schon als Kind klar, dass Sie Eishockeyprofi werden wollen?

Ehrhoff: Meine Schwester war Eiskunstläuferin. Da war ich mal mit in der Halle. Als ich dann ein Eishockeyspiel im Fernsehen gesehen habe, war für mich klar: Das möchte ich gerne machen. Mit sechs Jahren hatte ich das erste Mal einen Schläger in der Hand. Deshalb habe ich schon in der Grundschule in die Freundschaftsbücher geschrieben: Berufswunsch Eishockeyprofi.

2001 sind Sie von San Jose gedraftet worden, 2003 folgte der Schritt in die USA.

Ehrhoff: Es ist allein schon sehr schwierig, weil die Konkurrenz riesig ist. Es gibt sehr viele Spiele in der Saison, in denen immer Leistung verlangt wird. Dazu kommt der Reisestress. Man muss sich mental darauf einstellen, dass man in jedem Spiel wieder bereit ist und seine Leistung abrufen kann. Das gelingt halt nicht allen.

Zwischenzeitlich waren Sie der bestbezahlte Verteidiger der NHL. Wie bleibt man auf dem Boden, wenn man Millionen verdient?

Ehrhoff: Ich bin einfach ein bodenständiger Typ, der eine gute Erziehung genossen hat. Für mich gehörte es zum Geschäft, dass es finanziell belohnt wird, wenn man sich hochgearbeitet hat, aber das Geld stand für mich nie im Vordergrund

Das ultimative sportliche Ziel in der NHL ist der Stanley Cup. Sie haben bei sechs Klubs gespielt, aber die Meisterschaft ist Ihnen verwehrt geblieben.

Ehrhoff: Es ist, wie es ist. Der Stanley Cup war mein ganz großes Ziel, aber dafür muss man auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. 2011 war ich mit Vancouver ganz nah dran. Näher kann man dem Pokal eigentlich nicht kommen, ohne ihn zu gewinnen. Im siebten Finalspiel zuhause gegen Boston zu verlieren, war natürlich bitter. Aber daraus habe ich meine Lehre gezogen, dass man dem Cup nicht immer hinterherrennen kann.

Sie sind 2016 nach Deutschland zurückgekehrt. Warum?

Ehrhoff: Es hatte familiäre Gründe. In den letzten drei Jahren in Amerika waren wir in vier verschiedenen Städten. Für meine Kinder war es eine Belastung, immer wieder die Schule zu wechseln und sich ein neues Umfeld schaffen zu müssen. Ich war dann noch mal in Boston im Training, aber die Situation war ungewiss. Dieses Risiko wollte ich meiner Familie nicht antun. Aber ich war für mich noch nicht fertig mit Eishockey: Ich wollte gerne noch mal Deutscher Meister werden und 2018 bei Olympia spielen.

Bei den Spielen in Pyeongchang waren viele Deutsche plötzlich Eishockeyfans und sind nachts aufgestanden, um die Spiele zu sehen.

Ehrhoff: Das hat dem Sport immens gutgetan. Ich werde heute noch damit konfrontiert und immer noch darauf angesprochen. Natürlich hätte ich mir ein bisschen mehr Nachhaltigkeit fürs deutsche Eishockey gewünscht: Es ist schade, wenn ein absolutes Großereignis in der DEL wie das Winter Game im Kölner Fußballstadion in den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten gar keine Berücksichtigung findet.

Es gab beim Deutschen Eishockey-Bund Überlegungen, Sie als Galionsfigur einzubinden. Sie haben abgelehnt.

Ehrhoff: Die Anfrage kam für mich einfach zum falschen Zeitpunkt. Ich wollte mir erst mal ein Jahr Zeit nehmen und nach 19 Jahren im Profisport ein bisschen Abstand vom Eishockey gewinnen. Zeitlich war ich auch in anderen Projekten eingebunden. Aber das heißt ja nicht, dass wir irgendwann in der Zukunft nicht zusammenkommen könnten.

Am 10. Mai beginnt die Weltmeisterschaft in der Slowakei. Bei der WM 2018 wurde Deutschland Elfter – ohne Sie, aber noch mit Marco Sturm als Bundestrainer. Was trauen Sie seinem Nachfolger Toni Söderholm und der Mannschaft zu?

Ehrhoff: Ich wünsche dem Bundestrainer natürlich, dass er einen guten Start in seine erste WM findet. Meine Hoffnung ist, dass das Team an die erfolgreichen Zeiten unter Marco Sturm anknüpfen kann. Natürlich hat auch ein Umbruch stattgefunden, weil Marcel Goc, Patrick Reimer und Frank Hördler nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen. Solche Ausfälle muss man auch erst mal verkraften. Aber ich bin trotzdem davon überzeugt, dass es Deutschland unter die Top-Acht der Welt schaffen kann.

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