Europa ohne AC Milan

Europa ohne AC Milan

Als Trainer Clarence Seedorf im Januar kam, sollte es aufwärts gehen. Nach 16 Jahren muss sich der Club erstmals wieder auf eine Saison ohne Teilnahme am Europapokal einstellen.

Mailand. Die Sprechchöre der Fans klangen für viele Zuschauer fast wie ein Abschiedsgruß. Minutenlang feierten die Anhänger des AC Mailand nach dem letzten Saisonspiel ihren Trainer Clarence Seedorf. „Es ist noch zu früh, um über die Zukunft zu sprechen“, stellte der Niederländer nach der schlechtesten Saison des Traditionsclubs seit 16 Jahren klar. Dennoch ist offensichtlich, dass Clubboss Silvio Berlusconi nach der ersten Saison ohne Qualifikation für die europäischen Fußball-Wettbewerbe seit 1998 Konsequenzen ziehen will.

„Wir denken bereits jetzt an ein neues Zeitalter, weil wir dahin zurück wollen, wo wir fast 30 Jahre lang waren: Protagonisten in der Welt des Fußballs sein, nicht nur in Italien“, betonte der 77-Jährige vor dem wertlosen 2:1-Sieg am letzten Spieltag der Serie A bei Sassuolo Calcio. In den kommenden Wochen will sich die Vereinsspitze zusammensetzen und entscheiden, wie es weitergehen soll. Vor allem in der Diskussion steht der erst im Januar verpflichtete Seedorf selbst. „Sicherlich ist das ein Moment des Neustarts“, gab auch er zu.

Die Lombarden sind in den vergangenen Jahren ihren Ansprüchen immer weiter hinterher gelaufen. Mit dem achten Platz in der Liga sowie dem Achtelfinal-Aus in der Champions League folgte nun der Tiefpunkt — selbst das Minimalziel Europa League wurde verfehlt. „Es war eine enttäuschende Saison“, sagte Geschäftsführerin Barbara Berlusconi. „Aber wir haben jetzt die moralische Verpflichtung weiterzuarbeiten, bis der Club auf das Niveau zurückkehrt, das er verdient.“

Für wenige Minuten durfte Milan nach seiner frühen Führung am letzten Spieltag sogar noch auf ein Happy End hoffen, doch dann zerstörten die Tore des FC Parma jede Hoffnung. „Wenn eine Mannschaft wie wir am letzten Spieltag darauf schauen muss, was die anderen Teams machen, war die Saison nicht allzu gut“, räumte Stürmer Giampaolo Pazzini ein. „Ein Team wie Milan muss eine andere Meisterschaft spielen.“

Nach dem Saisonende steht dem Club mit der Aufarbeitung nun die wohl schwierigste Phase bevor. Die italienischen Medien sehen den 18-maligen Meister vor einem tiefgreifenden Umbruch. Neben Seedorf wird auch Co-Trainer Mauro Tassotti nach mehr als drei Jahrzehnten infrage gestellt. Und die Zukunft einiger Spieler — allen voran die des Stürmerstars Mario Balotelli — gilt ohne die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb ebenfalls als unsicher.

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