Wie Eishockey-Clubs aus NRW den Niederlanden helfen sollen

Wie Eishockey-Clubs aus NRW den Niederlanden helfen sollen

Weil die Niederlande im Eishockey voran kommen wollen, soll eine Fusion mit der deutschen Regionalliga-West her. Mit Tilburg spielt das beste Team in der deutschen 3. Liga.

Tilburg. Dienstag der vergangenen Woche. Tilburg. Niederlande. Doug Mason sitzt auf der Tribüne der örtlichen Eishalle. Im schicken Anzug. Mit Stift und Block. Unten stehen sich gerade Australien und Belgien gegenüber. Es ist ein einseitiges Spiel, am Ende wird Australien 6:0 gewinnen. Mason macht sich ein paar Notizen. Er schreibt Rückennummern auf und Formationen. Wie kommen sie in die Angriffszone? Wie kommen sie hinten raus? Der niederländisch-kanadische Trainer schreibt alles mit. Dabei wäre das wahrscheinlich gar nicht nötig. Denn Mason, früher in Krefeld, Iserlohn und Köln aktiv, trainiert den haushohen Favoriten, den Gastgeber dieser Eishockey-Weltmeisterschaft Division II Gruppe A. Am Abend gewinnt der mit 11:1 gegen Island.

Weltmeisterschaft — das klingt nach Spektakel, aber das, was diese Woche in Tilburg zu sehen ist, ist nur die vierte Garde. Für die jährlich stattfindenden Turniere gibt es keine Qualifikation wie in anderen Sportarten, es ist ein Ligensystem, in dem man auf- und absteigen kann. Spötter sagen, dass es der einzige Auf- und Abstieg ist, der im Eishockey funktioniert. Die Niederländer erfuhren das vergangenes Jahr am eigenen Leib. Da wurden sie bei der C-WM im nordirischen Belfast punktlos Letzter, Kroatien und Estland landeten vor ihnen. Also stiegen sie in die vierte Liga ab. Dabei dachten sie, längst weiter zu sein.

In Tilburg geht es nun darum, den Fehltritt zu korrigieren. Nervös macht das Mason nicht: „Der Druck ist für uns Motivation“, sagt er, „wir sind der Favorit, das ist kein Geheimnis.“ Es gab Zeiten, da waren die Niederländer ein angesehenes Mitglied der Eishockey-Welt. 1978 kam Heerenveen ins Viertelfinale des Europapokals, zwei Jahre später machte auch die Nationalmannschaft von sich reden. Während das College-Team der USA 1980 in Lake Placid sensationell die Sowjets besiegte und Olympiasieger wurde, erlebte auch Oranje sein „Miracle On Ice“: die Niederlande landeten vor den Deutschen auf Rang neun. Es war die große Zeit von Dick Decloe, den damals vielleicht besten Stürmer der deutschen Bundesliga. Von 1974 bis 1982 spielte Decloe in Krefeld, Köln und Düsseldorf, wurde Torschützenkönig und Deutscher Meister.

Doch Decloe war das, was lange Zeit in so gut wie jeder Nationalmannschaft zu finden war: Ein Kanadier, der es zu Hause nicht geschafft hatte und für das Heimatland seiner Vorfahren auflief. Elf Nordamerikaner und ein Tscheche spielten 1980 für die Niederländer. In den Vereinen sah es nicht anders aus. Selbst vor ein paar Jahren noch. Bis Ruud Vreeman und Jap Hopstaken für ein Umdenken im Eishockey-Verband sorgten.

Der Vorsitzende und sein Vize sitzen ebenfalls auf der Tribüne in Tilburg. Während unten das zweite Spiel des Tages läuft — Serbien schlägt China 3:1 — versucht sich Vreeman an einer Erklärung, warum die Niederlande so abgestürzt sind: „Wir haben Fehler gemacht. Wir haben nicht gut trainiert“, sagt er. Und: „Wir haben lange mit zu vielen Ausländern gespielt anstatt selbst auszubilden. Als wir beide vor sechs Jahren angefangen haben, haben wir gesagt, dass wir mit mehr holländischen Spielern spielen. Jetzt sind nur noch zwei in der Liga erlaubt.“

Die Liga, das ist die so genannte „BeNeLiga“. In der spielen neun niederländische und vier belgische Teams. Das Niveau ist überschaubar. Deswegen gibt es jetzt Bestrebungen, mit der deutschen Regionalliga-West zu fusionieren. Dann würden die viertklassigen NRW-Vereine aus Neuss, Ratingen, Dinslaken, Hamm, Soest und Herford international spielen. Manche haben Sorgen wegen der Reisekosten. Für andere wären einige Wege sogar kürzer als die jetzigen bis nach Hessen und Rheinland-Pfalz. Außerdem reizen die neuen Gegner. Geht es nach den Niederländern, klappt die Fusion noch diesen Sommer. Sie wollen sich ja weiterentwickeln. Und dafür brauchen sie Entwicklungshilfe aus dem Nachbarland.

Nun ist Deutschland trotz der Silbermedaille von Südkorea auch keine echte Großmacht im Eishockey, aber im Vergleich zu den Niederlanden doch ein Riese. Was verwundert: Als erfolgreichste Eisschnelllauf-Nation ist Eislaufen in der Gesellschaft verankert. Im Feldhockey sind die Niederlande ebenfalls Weltspitze. Warum kommen nur so wenige Leute auf die Idee, die beiden Leidenschaften zu verbinden?

„Gute Frage“, sagt Verbandsvize Jap Hopstaken, es fehle eben an Infrastruktur. Sein Verband operiert mit einem Jahresetat von gerade 600 000 Euro, ein einziger Trainer kümmert sich um alle Auswahlteams. Für 18 Millionen Einwohner gibt es ganze 24 Eishallen in 36 Vereinen. Folglich spielen nur etwa 3000 Niederländer Eishockey.

Die sollen nun gefördert werden. Jene, die mehr Talent haben, gehen weg. Wie Steve Mason, der Sohn von Nationaltrainer Doug Mason, der in der Schweiz spielt. Wie Ties van Soest, Topscorer der Düsseldorfer Junioren. Andere spielen in Schweden. Es gibt sogar einen Niederländer in Nordamerika: Daniel Sprong, der hin und wieder für Pittsburgh in der NHL ran darf. Für die WM in Tilburg kommt der in Kanada aufgewachsene Sprong dennoch nicht infrage. Selbst wenn er wollte und Zeit hätte: „Wir können uns die Versicherung nicht leisten“, sagt Verbandschef Ruud Vreeman.

So besteht die Nationalmannschaft mal wieder zu drei Viertel aus Spielern der Tilburg Trappers, dem berühmtesten Verein des Landes. Und dem besten. „Wir bräuchten vier, fünf Vereine auf dem Niveau der Trappers“, sagt Vreeman, für den der Club Zugpferd und Vorbild zugleich ist, weil er es bereits nach Deutschland geschafft hat.

Seit 2015 spielt Tilburg in der dritten Liga, der Oberliga-Nord. Unter anderem gegen die NRW-Clubs Duisburg, Essen und Herne. Das gefällt nicht jedem, denn die Trappers sind zu stark. Vergangene Woche wurden sie zum dritten Mal in Folge Meister. Wer sich unter Vereinsvertretern in NRW umhört, lernt schnell, dass manche sie gern wieder loswerden wollen. Nach Spielen oder bei Liga-Sitzungen fällt auch mal das ein oder andere unfreundliche Wort in Richtung der Niederländer.

Verbandspräsident Vreeman weiß um die Befindlichkeiten. „Wir haben nichts zu fordern, wir sind Gäste“, sagt er. Er hätte nicht mal etwas dagegen, wenn die Trappers die Liga verlassen. Aber nach oben. „Sie wollen in die DEL 2“, sagt er. Und will das auch. Wohl wissend, dass das schwierig wird. Denn es gibt Fragen: Inwiefern würde die Ausländerbeschränkung für die Trappers gelten? Wie passt das mit der Idee zusammen, deutsche Talente zu fördern? Und was passiert, wenn es wieder Auf- und Abstieg mit der DEL gibt und Tilburg Meister wird?

Vom Stadionerlebnis wären die Trappers in jedem Fall eine Bereicherung. Ihre Spiele sind mit 2500 Zuschauern nicht nur meist ausverkauft, sie sind auch regelrechte Partys. Gleich hinter der Strafbank gibt es unter der Tribüne eine Bar samt angeschlossenem Biergarten, aus den Boxen dröhnt Stimmungsmusik, das Bier fließt in Strömen. Auch diese Woche bei der WM, wo am Ende der Aufstieg feststehen soll. Es wäre der nächste kleine Schritt für das niederländische Eishockey.