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Warum Sturms Traum ein Albtraum für den DEB-Chef ist

Eishockey : Warum Marco Sturms Traum ein Albtraum für den DEB-Chef ist

Der erfolgreichste Bundestrainer des deutschen Eishockeys wechselt in die NHL. Ein harter Schlag für den Verbandschef.

Gewöhnlich sorgen Trainerwechsel in der NHL unter deutschen Eishockey-Fans selten für hitzige Debatten. Doch als die kriselnden Los Angeles Kings am Sonntag Willie Desjardins verpflichteten, herrschte Aufregung. Weil auch ein neuer Co-Trainer vorgestellt wurde: Marco Sturm. Was aus dem Deutschland Cup am Wochenende in Krefeld die Abschiedsvorstellung des erfolgreichsten Bundestrainers des deutschen Eishockeys werden lässt – trotz laufenden Vertrags.

Für den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) ist das ein Erdbeben. Der 40-Jährige ist weit mehr als ein Trainer. Seit Februar ist er das Gesicht des Sports, der, der das Eishockey wieder in die Schlagzeilen brachte und bei seinen Auftritten blendend verkaufte. Weil er das Nationalteam in Südkorea sensationell zu Olympia-Silber führte.

 Trotzdem ist der Wechsel vom Bundestrainer zum Co-Trainer des Tabellenletzten kein Abstieg. Dafür ist der Reiz der NHL zu groß. Der Stanley Cup ist auf Fußball übertragen so wichtig wie Meisterschale, Champions-League- und WM-Pokal zusammen. Nahezu alle Stars laufen für die 31 Teams aus den USA und Kanada auf. Sturm nennt den Wechsel entsprechend einen „Traum in Erfüllung“. Nun darf der Niederbayer in die Liga zurückkehren, in die er als 19-Jähriger wechselte, 1006 Mal spielte, 251 Tore schoss und fast alle deutschen Rekorde hält.

Dass Nordamerika seine sportliche Heimat ist, hat er nie verhehlt. Für seine Familie, die nach der Rückkehr mit Deutschland fremdelte, auch die private. Wer Sturm während der Turniere oder jüngst beim NHL-Gastspiel in Köln beobachtete, sah einen Mann, der die Zeit mit Trainern, Spielern und Journalisten aus der Millionenliga besonders genoss. Immer wieder flog er rüber, erst im Sommer zu einem Trainerkongress. Die Schulterklopfer wegen des Olympia-Coups waren ihm gewiss. Das schätzen sie auch beim DEB: „Ein deutscher Trainer in der NHL ist auch ein Aushängeschild für unser Eishockey“, sagt Verbandschef Franz Reindl in einer Mitteilung, er habe Sturm „diese Chance nicht verbauen können“.

 Für den DEB ist der Abgang dennoch hart, nicht bloß aus fachlicher Sicht. Da ist Sturm, der sich bei seinen sechs NHL-Klubs und noch mehr Toptrainern eine Menge abschaute, zwar durchaus begabt, aber keiner, der das Spiel revolutioniert hätte. Er lerne noch, sagt er häufig. Als Reindl den Novizen 2015 als neuen Bundestrainer vorstellte, herrschte gar gehörige Skepsis. Der Zeitpunkt vor der Heim-WM 2017 und der Olympia-Qualifikation sei keiner für Experimente. Reindl hielt dagegen: Sturm könne sich ja Experten holen, aber menschlich sei er der richtige. Er sollte recht behalten. Sturm und seine erfahrenen Co-Trainer führten das Team zweimal ins WM-Viertelfinale, zu Olympia und dort zu Silber. Er gab den Spielern ein neues Selbstverständinis. Nicht grundlos lobt Kings-Manager Rob Blakesein gutes „Verhältnis zu den Spielern“.

Der DEB steht in den nächsten Wochen vor einer Grundsatzfrage

Sturms Art zu kommunizieren, wird dem DEB am meisten fehlen. Er konnte selbst die Millionenverdiener nach anstrengenden Vereinssaisons für die WM begeistern. Auch Fans und Medienvertreter berichten nur Gutes davon, wie Sturm auf Deutsch und Englisch stets höflich antwortet. Kein Bundestrainer war je so präsent, keiner wurde so herumgereicht wie er: Ehrungen und Interviews, gesellschaftliche oder TV-Auftritte.

 Sturm ist allerdings kein Schönredner, auch nach Olympia nicht. Die hiesige Ausbildung sei schlecht, wer die Chance bekomme, soll nach Nordamerika gehen, sagte er mehrfach. Gemeinsam mit DEB-Chef Reindl stieß er viel an und strukturierte um. Und auch wenn der jahrelange Stillstand nicht von heute auf morgen wettzumachen ist, geht es dem Eishockey dank Sturm wieder besser.

 Wie es weitergeht, wird er nun aus der Ferne beobachten. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. Reindl möchte sich Zeit lassen. Die hat er, zwischen dem Turnier in Krefeld und dem neuen „U24/U25-Camp“ im Frühjahr liegen Monate. Aber der DEB muss sich grundsätzliche Fragen stellen: Holt er nach dem (geglückten) Risiko mit Sturm wieder einen renommierten Mann? Mannheimes Pavel Gross (50) oder Düsseldorfs Harold Kreis (59)? Oder gibt er erneut einem Anfänger die Chance? Die Generation um Christian Ehrhoff, Dennis Seidenberg, Jochen Hecht, Daniel Kreutzer, Patrick Reimer und Marcel Goc ist gerade abgetreten oder wird das bald tun. Vielleicht findet sich dort ein neuer Marco Sturm.