Uwe Krupp spricht über sein Leben in Prag und die Nationalmannscaft

Eishockey : „Ich wollte ja ein bisschen Abenteuer“

Der ehemalige Bundestrainer Uwe Krupp spricht als Trainer von Sparta Prag über Eishockey in Tschechien, Toptalent Moritz Seider und die Nationalmannschaft.

Mit seinen durchtrainierten 1,98 Metern ist Uwe Krupp nach wie vor eine beeindruckende Erscheinung. Wenn er spricht, kombiniert sich rheinischer Singsang mit einem harten amerikanischen Akzent. Der 54-Jährige spricht über seinen Job bei Sparta Prag, deutsche Talente und die Zukunft der Nationalmannschaft.

Herr Krupp, wissen Sie noch, wann Sie das letzte Mal in Heilbronn waren?

Uwe Krupp: Ich bin tatsächlich zum ersten Mal in Heilbronn, selbst mit der U18- oder U20-Nationalmannschaft haben wir zu meiner Zeit hier nie gespielt. Es gibt für mich also auch noch neue Orte auf der deutschen Eishockey-Landkarte zu entdecken (lacht).

Und jetzt haben sich gleich zwei Krupps in Heilbronn getroffen. Ihr Sohn Björn war ja gleichzeitig mit den Adlern Mannheim in der Stadt.

Krupp: Ja, das war schön. Wir haben am Samstag gemeinsam zu Abend gegessen, das kommt sonst nicht so oft vor.

Hatten Sie Einfluss auf den Wechsel Ihres Sohnes von Wolfsburg nach Mannheim?

Krupp: Bei uns ist Eishockey schon Familiengeschäft. Wenn bei mir etwas ansteht, bespreche ich das auch mit ihm. Ich denke, der Wechsel kommt zum richtigen Zeitpunkt seiner Karriere und die Adler sind eine Top-Adresse in Deutschland.

Wer hat Sie familiär dazu veranlasst, vor gut einem Jahr das Traineramt bei Sparta Prag zu übernehmen?

Krupp: Die Sache lief etwas anders. Mich hat die Herausforderung gereizt, als Trainer nochmal etwas Neues zu entdecken. Das Angebot kam genau zum richtigen Zeitpunkt und daher habe ich zugesagt.

Sie bereuen den Schritt also nicht?

Krupp: Nein, überhaupt nicht. Eishockey hat in Tschechien einen riesigen Stellenwert. Ich habe eine Mannschaft im Umbruch übernommen – ich weiß auch nicht, warum das bei mir immer so ist. Ich suche das eigentlich nicht.

Sie gelten wohl als Trainer, der solche Umbrüche meistern kann.

Krupp: Vielleicht. Ich habe jedenfalls eine sehr junge Mannschaft, die auch mit vielen Eigengewächsen spielen soll. Das ist nicht unkompliziert in einer Liga, in der einige Mannschaften absolut top aufgestellt sind. Vergangene Saison haben wir Lehrgeld zahlen müssen, haben die Play-offs verpasst. Über den Sommer haben wir den Kader vertieft, auch einige erfahrene Spieler dazu geholt. Trotzdem sind wir viel jünger als jedes DEL-Team, bei denen der Altersschnitt überall jenseits der 30 Jahre liegt. Dadurch ist die Atmosphäre im Team eine andere und es ist auch ein anderes Coaching gefragt. Aber ich wollte ja ein bisschen Abenteuer haben.

Die Erwartungshaltung an den ersten ausländischen Coach eines solchen Traditionsclubs ist immens, oder?

Krupp: Aus meiner Sicht wird das immer etwas hochgespielt. Die Situation ist in Mannheim, Berlin oder Köln die gleiche. Wir leben in einer Gesellschaft, in der du nach dem morgendlichen Aufstehen und dem ersten Atemzug unter Erfolgsdruck stehst.

Ein kleines bisschen mehr gilt das vielleicht noch für die Nordamerikanische Profiliga NHL, in der sich Leon Draisaitl zum Topspieler entwickelt hat und Moritz Seider jüngst an Nummer sechs gedraftet wurde.

Krupp: Leon ist ein Superstar in Nordamerika und das hat er sich auch verdient. Moritz hat mit dem Draft jetzt den ersten Schritt hinter sich gebracht. Aber der Sprung in die NHL ist riesig, der Konkurrenzkampf ist viel härter, als er das jemals erlebt hat. Er ist aber sehr reif für sein Alter, ist mental gut aufgestellt, das sind schon mal wichtige Voraussetzungen. Auf dem Eis ist er mit seiner abgeklärten Spielweise bereits eine Persönlichkeit.

Kommt der Wechsel nach gerade einer DEL-Saison nicht vielleicht zu früh?

Krupp: Als einer der Top-zehn-Picks befindet sich Moritz in einer besonderen Kategorie. Dafür muss ein Spieler alle Kriterien der Scouts erfüllen, von der professionellen Einstellung bis zu den nötigen Eishockey-Skills.

Es gibt weitere Nachwuchsspieler, denen der Sprung in absehbarer Zeit zugetraut wird. Woher kommt die Talentschwemme?

Krupp: Das ist kein Zufall. Seit einigen Jahren werden die vorhandenen guten Ideen endlich auch umgesetzt. Das erfolgt zuallererst in den Vereinen, ob in Mannheim, Köln oder Berlin, überall wird sehr gut mit dem Nachwuchs gearbeitet. Der Deutsche Eishockey Bund hat den Schulterschluss mit der DEL gefunden, es wird an einem Strang gezogen, denn die Nationalmannschaft ist und bleibt das Aushängeschild. Uns fehlt hierzulande zwar nach wie vor die Breite, aber mit den vorhandenen Talenten wird sehr gut gearbeitet und gerade die ersten Früchte dieser Arbeit geerntet.

Fühlen Sie sich durch ihre NHL-Karriere immer noch ein bisschen als Wegbereiter für die Jungs von heute?

Krupp: Ich habe in einer komplett anderen Ära gespielt. Ein großer Teil meiner Karriere ist in Deutschland gar nicht wahrgenommen worden, weil der Informationsfluss damals noch ein ganz anderer war. Es ist zwar schön und ich bin auch ein bisschen stolz, wenn in dem Zusammenhang mein Name erwähnt wird, aber als Wegbereiter fühle ich mich eigentlich nicht.

Unter Ihrer Ägide als deutscher Bundestrainer gelang der sensationelle vierte Platz bei der Heim-WM 2010. Der wurde 2018 mit dem historischen Olympia-Silber getoppt. Geht da künftig noch mehr für die deutsche Nationalmannschaft?

Krupp: Olympia-Silber war der größte Erfolg des deutschen Eishockeys überhaupt und hat natürlich viel Schwung gegeben. Ich bin aber Verfechter einer realistischen Sichtweise. Ein Hauptgrund für die Silbermedaille war, dass beim olympischen Turnier keine NHL-Spieler dabei waren. Nationen wie Finnland, Schweden oder Russland haben in Nordamerika nochmal zwei, drei komplette Teams sitzen, während bei uns vielleicht fünf Spieler gefehlt haben.

Erlebt Deutschland also keinen ähnlich nachhaltigen Aufstieg in den Eishockey-Olymp wie zuletzt beispielsweise die Schweiz?

Krupp: Die konsequente Arbeit der vergangenen Jahre gerade im Nachwuchsbereich muss konsequent fortgesetzt werden, um den Anschluss an die Top-Nationen herzustellen, oder zumindest nicht noch größer werden zu lassen. Das ist in der Vergangenheit leider nicht gelungen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung