Eishockey: DEG-Stürmer Calle Ridderwall übt harte Selbstkritik

DEG-Stürmer poltert nach Niederlage : Ridderwalls „Wutausbruch“

Das 2:3 gegen Straubing war das 16. Spiel ohne Tor für den DEG-Stürmer. Danach geht er hart mit sich ins Gericht, er spiele „Müll“, seine Leistung sei „peinlich“. Das tat er sicher nicht ohne Hintergedanken.

Es gibt keine Typen mehr. Alles ist weichgespült. Und die Interviews nach den Spielen, die braucht ohnehin kein Mensch. Man hört diese Sätze seit Jahren. Und ganz falsch sind sie ja nicht, aber hin und wieder bricht dann doch mal jemand aus den engen Leitplanken der Sportphrasen aus. Calle Ridderwall tat das am Donnerstagabend auf beeindruckend offene Weise. 2:3 nach Verlängerung hatte die DEG gegen die Straubing Tigers verloren – es war die fünfte Niederlage der vergangenen sechs Heimspiele. Was Ridderwall allerdings noch mehr nervte: Er persönlich war mal wieder leer ausgegangen. 

16 Spiele in Folge hat der Schwede nun nicht getroffen, sein letztes Tor stammt nicht bloß aus dem alten Jahr, es fiel im November. Insgesamt steht er erst bei fünf Saisontreffern. Etwas wenig für einen Mann von Ridderwalls Format, der 2013 Topscorer der Deutschen Eishockey Liga war, der in der osteuropäischen Eliteliga KHL spielte und zuletzt zwei Saisons das Kapitänsamt beim 16-fachen schwedischen Meister Djurgården Stockholm inne hatte. Seine Verpflichtung galt nicht umsonst als einer der Transferscoups des Sommers für DEG-Manager Niki Mondt.

Ridderwall sieht seine Karriere bedroht

Doch als Ridderwall nun im Kabinengang des Rather Domes stand, da war all die gute Laune dahin, da redete er sich in Rage. Es sei „peinlich“, was er derzeit spiele, „absoluter Müll“, „Hundescheiße“. Er habe einen „Mindestanspruch“ an sich selbst und sei gerade „weit drunter“. Und wenn sich das in den letzten 13 Hauptrundenspielen und den Play-offs nicht mehr ändere, werde seine Karriere nicht über das Saisonende hinausgehen. Für seine Zukunft als Eishockeyprofi heiße es nun „Leben oder Tod“.

Er sei „nicht mit der ganzen Familie hin hingezogen, um einen Jahr meines Lebens zu verschwenden“, sagte Ridderwall mit strenger Miene, ehe er mit dem fulminanten Satz abtrat: „Es ist frustrierend, es macht einen wütend, es nervt, es kotzt mich an.“ 

Keine spontane Rede

Trainer Harold Kreis war später angemessen überrascht, als er von den Worten seines Flügelstürmers hörte. Nicht nur, weil sein Team ja immer noch auf Rang drei steht, eher, weil Ridderwall nicht gerade ein Typ von der Straße ist, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er ist ein ebenso höflicher wie gebildeter 30-Jähriger, der viel von der Welt gesehen hat: Skandinavien, Osteuropa, Nordamerika, Mitteleuropa.

Zwar ist das Leistungsloch, in dem er steckt, durchaus tief, wie ein spontaner Wutausbruch klang das alles aber nicht. Eher wie verbales Auf-den-Tisch-Hauen eines Führungsspielers zu rechten Zeit. Dafür spricht, dass Ridderwall erst minutenlang in der Kabine saß, ehe er zu den Reportern kam.

Denn man darf ja nicht vergessen: Die ganze Euphorie um die wiedererstarkte DEG kann schnell vorbei sein, wenn sie jetzt einbricht. Rutscht sie noch aus den Top sechs und scheidet in der ersten Play-off-Runde aus, ist der überragende Saisonstart schnell vergessen. Zwar ist bei einer so langen Hauptrunde (52 Spiele) auch der Weg das Ziel, aber gewonnen ist noch lange nichts.

Bis auf die erste Reihe klappt gerade wenig

Das große Problem ist, dass seit Wochen „nur eine Reihe funktioniert, unsere erste Reihe“, weiß Ridderwall, und hat recht damit. Seit dem 5:2-Sieg in Mannheim Anfang Dezember – dem vielleicht stärksten Spiel der DEG und vor allem der zweiten Reihe – funktioniert kaum noch etwas. 14 Spiele gab es seitdem, in denen der Großteil der Scoringlast auf den Schultern der Topreihe lastet: Kapitän Alexander Barta und seine Flügelstürmer Philipp Gogulla und Jaedon Descheneau erzielten seitdem fast zwei Drittel aller DEG-Tore (23 von 37). 

Das ist auch Kreis aufgefallen. Die zweite Reihe „kämpt gerade mit sich selbst. Man muss aufpassen, dass der Frust nicht zu groß wird.“ Er sei aber überzeugt, „dass sie sich da rauskämpfen“. Die Chancen seien ja da.

Das stimmte zumindest für das Straubingspiel, allein Ridderwall hatte vier Einschussmöglichkeiten. Kreis überlegt trotzdem, etwas zu ändern. Vielleicht trennt er Olimb und Ridderwall. Vielleicht stellt er ihnen einen Torjäger wie John Henrion an die Seite. Grundsätzlich gelte aber: „Wir müssen wieder sorgfältiger mit der Scheibe umgehen.“ Es brauche ein „konstruktives Scheibenführen“, daraus ergebe sich mehr Zeit in der Offensivzone, daraus mehr Chancen. Aber darüber denke er später nach, erst mal müsse er am nächsten Morgen ein Einzelgespräch mit Ridderwall führen.

Am Sonntag kommt Schwenningen

Das fand dann wohl am Freitag statt. Zumindest ließ Ridderwall den Reportern danach ausrichten, er wolle seine Karriere natürlich nicht beenden, er habe nur sagen wollen, dass er sich bei seinen momentanen Leistungen nicht wundern müsse, wenn die DEG den Drei-Jahres-Vertrag auflöst. Das wird sie selbstredend nicht machen. 

Den Beweis, dass er nach wie vor ein guter Eishockeyspieler ist, kann Calle Ridderwall bereits am Sonntag antreten. Dann kommt Schwenningen in den Dome (14 Uhr/WZ-Liveticker). Ein Team, gegen das die DEG in dieser Saison in drei Spielen (3:0, 3:0, 1:0) noch kein Tor kassiert hat. Und gegen das er am dritten Spieltag traf. Vielleicht klappt es diesmal ja erneut für Ridderwall. Dann hätte sich sein „Wutausbruch“ doch gleich bezahlt gemacht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung