Düsseldorfer EG: Daniel Kreutzer — das Gesicht der DEG

Düsseldorfer EG : Daniel Kreutzer — das Gesicht der DEG

Kein Spieler hat das Düsseldorfer Eishockey seit der Jahrtausendwende so geprägt wie er. Er geht als einer der Größten der Vereinsgeschichte.

Mitte August denken gewöhnlich die wenigsten Menschen an Eishockey. Wenn die Tage lang und die Temperaturen hoch sind, spielt der alte Kufensport eine noch kleinere Rolle als sonst. Im vergangenen Jahr war das zumindest in Düsseldorf anders. Da waren die Zeitungen selbst im August voll mit Eishockey, da diskutierten die Stammtische, die echten in den Kneipen und die virtuellen im Internet.

Nun kann man natürlich anmerken, dass Eishockey in Düsseldorf schon immer bedeutender war als an vielen anderen Orten. Und es ging ja auch nicht um Profanes wie den neuen Kanadier für das dritte Verteidigerpärchen. Es ging überhaupt nicht um die Zukunft, es waren Tage des Abschieds. Von einem der wichtigsten Spieler, der jemals das Vereinstrikot trug.

Vermutet hatten es die Beobachter seit langem, wahrscheinlich wusste er selbst seit langem, dass es so kommen würde. Die Schulter tat ja immer mehr weh. Was er auch versuchte, es wollte sich nicht mehr genug Muskelmasse bilden, die das lädierte Gelenk stabilisiert hätte. Wie will man damit hauptberuflich Sport treiben? Erst recht Eishockey, eine Disziplin, bei der jeder Einsatz der letzte sein kann, weil einer den anderen hart in die Bande checkt oder der Puck mit seinen 150 Stundenkilometern Knochen splittern lässt?

Aus den Vorahnungen wurde am 17. August 2017 Gewissheit. Für diesen Tag, ein Donnerstag, hatte die Düsseldorfer EG zu einer Pressekonferenz geladen. Zu einer, auf der Daniel Kreutzer den Satz sagen sollte, vor dem er mehr Respekt hatte als vor so manchem Gegner. Also saß er an diesem Vormittag am Rand des VIP-Bereichs im Rather Dome, guckte in die Kameraobjektive und schluckte erst einmal kräftig, ehe er den Zuhörern mit ernster Miene offenbarte: „Es ist die Zeit gekommen, dass ich mein Karriereende bekanntgebe.“

Er konnte das natürlich ruhigen Gewissens tun. Er war damals 37 Jahre alt und musste niemandem mehr etwas beweisen. Mehr als 1000 Spiele hatte er in der Deutschen Eishockey Liga gemacht. Er hatte 796 Scorerpunkte gesammelt, mehr als jeder andere jemals. Seine 268 Tore reichen bis heute für Platz drei der ewigen Bestenliste, seine 528 Vorlagen für Platz zwei. Er führt DEG-intern jede der drei Listen mit Abstand an und wird das über Jahre tun. Dazu hatte er zwölf Weltmeisterschaften und zwei Olympische Spiele erlebt. Wer kann das von sich behaupten?

Niki Mondt, Jugendfreund, langjähriger Weggefährte und mittlerweile Sportlicher Leiter bei der DEG

Entsprechend waren die Lobeshymnen. Er habe „wahnsinnig viel für unseren Verein und für Deutschland in dieser Sportart getan“, sagte DEG-Geschäftsführer Stefan Adam. Gernot Tripcke, der Chef der Deutschen Eishockey Liga, nannte ihn ein „Aushängeschild der Liga“, einen „überragenden Botschafter für unseren Sport“. Und Niki Mondt, sein Jugendfreund und Weggefährte, der mittlerweile als Sportlicher Leiter für die DEG arbeitet, sagte: „Die letzten 20 Jahre war er ein Star der Liga und der Star der DEG. Er ist das Gesicht der DEG.“

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr ist das nun her. Aber es hat sich nichts geändert. Selbst als Kreutzer mehr oder weniger Privatmann war, blieb er das Gesicht des Vereins. Heute, am Tag seines Abschiedsspiels, ist er wieder in offizieller Funktion bei seinem Heimatverein unterweges. Zwar lediglich als Co-Trainer, was ja normalerweise keine Position ist, die die Massen bewegt. Aber dass die Menschen ihn mit der DEG und vor allem die DEG mit ihm verbinden, das hat sich nicht geändert. Kein aktueller Spieler ist ansatzweise so bekannt in der Stadt. Keiner wird von den gegnerischen Fans mit mehr Leidenschaft beschimpft.

Bis heute sind die Trikots mit seiner Nummer „23“ die, die es rund um DEG-Spiele am meisten zu sehen gibt. Seit ein paar Tagen hängt es unter dem Dach des Domes. Seine Nummer wird nun niemehr vergeben. Der Brauch kommt aus Nordamerika — genau wie Chris Valentine und Peter-John Lee, zwei seiner Idole, deren Nummern ebenfalls auf alle DEG-Tage gesperrt sind.

Dass die beiden ehemaligen Topstürmer ihm zu Liebe zum seinem heutigen Abschiedsspiel kommen, macht ihn besonders stolz. „Ich war als Kind am Flughafen dabei, als Chris Valentine damals hier in Düsseldorf gelandet ist“, hat Kreutzer jüngst erzählt. Er klang dabei wie ein Fan. Weil er eben genau das ist: einer, der seinen Verein liebt, nicht bloß ein gut bezahlter Angestellter.

Das wissen die, die auch offiziell als Fans gelten und zum Trikot Schal tragen. Mit kaum einem konnten sie sich so gut identifizieren wie mit ihm. Weil Kreutzer nie etwas darstellen wollte, was er nicht ist. Abseits des Eises war er nie der große Redner. Was nicht heißt, dass er sich nach Niederlagen weggeduckt hätte. Auf dem Eis war er nie der edle Techniker oder der leichtfüßige Schlittschuhläufer, dem alles zufliegt. Er war immer der harte Arbeiter, der sich über die Tore seiner Kollegen genauso freute, wie über seine eigenen.

Auf den ersten Blick will das so gar nicht zum Image der hochnäsigen Düsseldorfer und ihrem Eishockey-Verein aus dem noblen Zoo-Viertel passen. Wer die DEG und ihr Publikum kennt, weiß, dass nichts besser passen könnte. Logisch, dass sie heute alle da sind, um ihrem Kapitän einen würdigen Abschied zu bereiten. Kein anderer Spieler hätte es geschafft, die alte Brehmstraße noch mal zu füllen. Als der Verein 2015 80 Jahre alt wurde und Spieler all seiner Meistermannschaften von 1967 bis 1996 aufs Eis stellte, kamen nur etwas mehr als 3000 Zuschauer, heute sind es drei Mal so viele.

Dabei hat es bei Daniel Kreutzer für den Hauptpreis eines Sportlers nie gereicht. Kreutzer wurde als Profi nie Deutscher Meister, von WM-Titel oder Olympia-Gold mit dem Nationalteam ganz zu schweigen. Aber das ist als deutscher Eishockeyspieler auch nicht zu schaffen. Davon wird er nicht mal als Kind geträumt haben.

Dass es auch nichts mit dem nationalen Titel wurde, hat ihn dagegen lange gewurmt. Er vermisse zwar nichts, „weil man das nur fühlen kann, wenn man es erlebt hat“, wie er einmal sagte. Aber er hatte es sich als Jugendlicher immer ausgemalt. Er sah seine Vorbilder als Kind der Brehmstraße ja ständig feiern: Valentine und Lee, Truntschka und Hegen, Amann und Hiemer.

Fünf Meisterschaften gewann die DEG, als Daniel Kreutzer die letzten drei Jugendklassen durchlief, ehe er selbst Profi wurde. In der Eishalle, in der er bereits als Kleinkind jede freie Minute verbracht hatte, weil seine Eltern das „Sportrestaurant Kreutzer“, die Stadiongastronomie leiteten. Und in der sein zwölf Jahre älterer Bruder Christof, der ihm einst das Schlittschuhlaufen beigebracht hatte, bei jeder der fünf DEG-Meisterschaften von 1990 bis 1996 auf dem Eis stand.

Daniel Kreutzer war das nicht vergönnt, weil ihn nicht die Gnade der frühen Geburt ereilt hatte. Als er 1997 sein erstes Profispiel absolvierte — ein 4:3-Sieg bei den Eisbären Berlin — war die große Zeit der DEG gerade im Begriff zu enden. Das konnte damals niemand ahnen, schließlich galt der Verein mit all seinen Titeln, Nationalspielern und Fanclubs als „FC Bayern auf Kufen“. Doch statt weiterer Meisterschaften folgte ein hässliches Gemisch aus Abstieg, Untersuchungshaft für Funktionäre und Fastpleiten.

Für Kreutzer selbst war das fast tragisch: Da gehörte die DEG 30 Jahre lang zu den erfolgreichsten Clubs des Landes, spielte stets vor ausverkauftem Haus und gewann acht Titel. Und kaum durfte der, der jahrelang am Plexiglas stand und alles mit großen Augen bestaunt hatte, mitmachen, war es damit vorbei.

Vielleicht hat seine Karriere deswegen so lange gedauert. 21 Jahre lang spielte er in der höchsten Liga Eishockey. Das ist keine absolute Ausnahme, es gibt ja immer wieder Spieler, die in drei verschiedenen Jahrzehnten Profisport treiben. Was Kreutzers aktive Zeit aber so besonders macht, sind die all die Veränderungen, die seit seinem Debüt stattgefunden haben. Bezahlt wurde mit D-Mark, der Kanzler hieß Helmut Kohl, die Worte Smartphone und googeln existierten nicht und die Gesichter der Eishockey-Spieler wurden nicht bloß im November von Oberlippenbärten entstellt.

Es heißt häufig, die Zeit sei einfacher gewesen. Für Kreutzer, damals 17 Jahre alt, war sie es nicht. Nach einem halben Jahr bei den Profis schickte ihn die DEG weg. Man brauche ihn nicht. Über die Revierlöwen Oberhausen kam Kreutzer zu den Kassel Huskies und stieg dort bis zum Nationalspieler auf. Vier Jahre lang blieb er bei den Hessen und spielte um den Titel mit, während sein Heimatverein von einem Skandal in den nächsten schlitterte. Je mehr ans Licht kam, desto klarer wurde, wie die DEG in den 90ern zu ihren Titeln gekommen war: mit schwarzen Kassen und krummen Abrechnungen. Mehrmals ermittelte das Finanzamt, mehrmals schienen die Lichter an der Brehmstraße auszugehen.

Erst nach dem Einstieg der Metro ging es sportlich bergauf. Plötzlich war wieder Geld da, aber es fehlte an Identifikationsfiguren, weil die Helden der 90er abgehauen oder in die Jahre gekommen waren. Dafür kehrte Daniel Kreutzer zurück, obwohl er allen Grund gehabt hätte, seinem altem Verein die kalte Schulter zu zeigen. Doch Verbundenheit und Heimweh waren zu groß. Außerdem gab es ja jetzt einen neuen Kader, mit dem vielleicht alles so wird wie früher. Wie damals, als er am Plexiglas stand.

Gemeinsam mit Klaus Kathan und Tore Vikingstad bildete Kreutzer eine der besten Reihen der Liga. KVK nannten sie die Leute ehrfürchtig. Fast so, wie es die Eishockey-Welt mit der berühmten KLM-Reihe der Sowjets (Krutow-Larionow-Makarow) gemacht hatte. Der Vergleich hinkte natürlich, aber wen stört das schon? Später harmonierte Kreutzer mit Patrick Reimer.

2006 — im letzten Jahr an der Brehmstraße und nach einem epischen Halbfinale gegen Köln — sowie 2009 schafften es die „DEG Metrostars“ dank der Millionen des Handelsriesen ins Finale. Doch am Ende mussten sie jedes Mal mit ansehen, wie die Eisbären Berlin den Pokal in die Höhe stemmten und sich mit Bier übergossen. Kreutzer selbst blieb nichts anderes übrig, als sich selbst ein paar Biere zu schnappen, „um das zu verarbeiten“, wie er nach der Finalniederlage 2009 niedergeschlagen sagte.

Als es drei Jahre später immer noch nicht für den Titel langte, stieg die Metro wieder aus. Erfolg ist eben doch nicht bis ins letzte Detail planbar. Erst recht nicht im Sport. Erst recht nicht im Eishockey. Wer das nicht glaubt, darf höflich bei den reichen Herren aus Mannheim, Köln und Nürnberg nachfragen, die ihren Teams immer neue National- und ehemalige NHL-Spieler kaufen. Meist erfolglos.

Die DEG gehört seit dem Ende der Metro-Zeit nicht mehr in diese Aufzählung. 2012 stand sie plötzlich ohne Geld und ohne ihre besten Spieler da. Nur zwei blieben: Torwart Bobby Goepfert und Daniel Kreutzer, was beide zu dem machte, was Sportfans gern als „Legende“ feiern. Beide hätten woanders deutlich mehr verdienen können. Doch Goepfert unterschrieb in den dunkelsten Tagen demonstrativ einen neuen Vertrag, Kreutzer verzichtete sogar auf einen Teil seines Gehalts, um bleiben zu können. Die DEG überlebte, hatte sportlich aber nichts zu bestellen und wurde zwei Jahre in Folge Letzter.

Aufhalten konnten Kreutzer die immer neuen Enttäuschungen und Rückschläge nicht. Er kannte sie ja von Beginn an. Vielmehr zog er aus der Tatsache, dass seine Karriere eben nicht gleich mit einer Meisterschaft begann und immer neue Titel kannte, seine größte Motivation. Egal, wie schwer er verletzt war, egal, wie schlecht es seinem Verein finanziell und sportlich ging, er blieb dabei und gab jeden Abend alles. Selbst in seinen letzten Karrierejahren, als die DEG nur noch einer dieser Clubs war, die dazu da sind, die Liga aufzufüllen, um den Wettbewerb am Laufen zu halten, ging er jeden Abend voran. Aufgeben? Undenkbar.

Nach den beiden Jahren am Tabellenende musste dennoch etwas geschehen. Noch eine Saison voller Niederlagen wäre dem Publikum nicht mehr zu verkaufen gewesen. Und es geschah etwas. Dank Mäzen Peter Hoberg war wieder etwas Geld in der Kasse, Daniels Bruder Christof wurde zum Cheftrainer ernannt und sorgte für Aufbruchstimmung.

Zusammen holten die zwei Brüder von der Brehmstraße die DEG wieder hoch, kamen ins Halbfinale und die Champions League. Es war fast zu kitschig. Der ganz große Wurf gelang zwar nicht mehr, dafür sammelte Daniel Kreutzer persönliche Rekorde und Meilensteine. Er wurde ewiger Topscorer der Liga und machte sein 1000. Spiel. Doch sein Körper streikte immer häufiger. Bereits 2013 brach er sich einen Nackenwirbel, landete fast im Rollstuhl und spielte trotzdem weiter. Vergangene Saison verletzte er sich an der Schulter. Danach ging es nur noch mit Schmerzmitteln.

Im Sommer versuchte er noch mal alles, aber es reichte nicht mehr. „Es war keine leichte Entscheidung“, sagte er bei seiner Verabschiedung, „es war eine sehr schöne Zeit.“ Heute geht die dort zu Ende, wo sie vor fast 35 Jahren begonnen hatte: an der Brehmstraße.