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DOSB-Generaldirektor Vesper: „Nennt Ross und Reiter!“

DOSB-Generaldirektor Vesper: „Nennt Ross und Reiter!“

Frankfurt/Main (dpa) - Eine alarmierende Studie der Deutschen Sporthilfe gibt dem Sozialwerk des Sports und vor allem dem Deutschen Olympischen Sportbund viele Hausaufgaben auf.

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper und Sporthilfe-Vorstandsvorsitzender Michael Ilgner äußern sich im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa über Erkenntnisse und Folgen der aufsehenerregenden Befragung.

Muss man sich um den deutschen Sport, um die Sportler, Sorgen machen?

Ilgner: „Die Studie liefert eindrucksvolle Zahlen, wie schwierig Sportler den Alltag empfinden und wo eine gute Förderung ansetzen soll. Wir alle wollen Spitzenleistungen, wir wollen Erfolg - wir wollen aber nicht Erfolg um jeden Preis. Dafür muss man auch wissen, wo die Gefahren für den Sport und seine Werte liegen. Man darf das nicht skandalisieren, man darf das auch nicht überspitzen, aber man muss sich der Diskussion auch stellen. Wir wollen mit dieser Studie nicht nur eine Bestandsaufnahme machen, sondern vor allem verstehen, wo die Ursachen liegen und wo wir anknüpfen können.“

Vesper: „Die Studie zeigt vor allem, dass der Sport mitten in der Gesellschaft stattfindet und dass die Sportler die gleichen Probleme und Sorgen haben wie die Menschen um sie herum. Wenn man die Zahlen für Depressionen im Spitzensport sieht - darüber wurde ja viel diskutiert im Fall Robert Enke - dann sieht man: Das entspricht ungefähr dem Schnitt der Bevölkerung. Der Unterschied ist nur, dass es im Sport sehr viel stärker wahrgenommen wird. Das ist auch eine Chance, weil man diese Probleme dann angehen kann.“

Auffällig sind die hohen Zahlen bei psychischen Erkrankungen. Wie können Sie sich das erklären?

Ilgner: „Wir haben nach drei Themen gefragt, nach Burn-out, Depression und Essstörungen. Die Werte liegen bei Athleten, die ehrlich ja sagen, zwischen 9 und 11 Prozent. Diese Zahlen bewegen sich in der Gesamtbevölkerung zwischen 5 und 14 Prozent. Diese drei Bereiche aufzuaddieren, und daraus diese Skandalsicht zu machen, dass der Sportler krank wäre, ist eine falsche Zuspitzung der Tatsachen.“

Vesper: „Einen großen Erfolgsdruck spüren nicht nur Sportler, sondern auch andere, die in ihren Berufen unter Druck stehen. Und es ist sicherlich keine Lösung, auf den Erfolg als Ziel zu verzichten. Im Gegenteil: Es geht darum, wie man dieses Ziel unter humanen Bedingungen erreichen kann. Deshalb bauen wir auf das Konzept der dualen Karriere. Den Sportlern muss ermöglicht werden, Ausbildung und Sport miteinander zu verbinden, so dass sie nach ihrer aktiven Zeit eine berufliche Perspektive haben.“

Obwohl Fußballer nicht befragt wurden in der Studie, sagen 8,7 Prozent, dass sie schon einmal an Absprachen über den Spiel/Wettkampf-Ausgang beteiligt waren. Woher kann diese hohe Zahl kommen?

Vesper: „Natürlich ist jeder Regelverstoß einer zu viel. Aber wie immer unter Menschen wird getäuscht, es gibt auch Missbrauch. Damit darf man sich nicht abfinden, das tun wir auch nicht. Man muss nach den Ursachen suchen.“

Ilgner: „Da muss man sich schon die Frage genau anschauen, die lautete: Waren Sie jemals bei Wettkampf- oder Spielabsprachen beteiligt? Diese Frage schließt mit ein, dass der Trainer sagt: Wir werden in diesem Spiel versuchen, nicht zu gewinnen, weil wir dann beim Überkreuzspiel den leichteren Gegner haben. Oder wenn wir heute nicht mehr Vollgas geben, dann kann die benachbarte Mannschaft gewinnen. Das ist nicht zu bagatellisieren, das ist der Nährboden für spätere Verfehlungen. Aber das ist genauso wenig gleichzusetzen mit kriminellen Machenschaften oder Wettbetrug.“

Deutschland rühmt sich damit, eines der besten Dopingkontrollsysteme zu haben. Wie passt das zusammen, wenn 5,9 Prozent der Sportler angeben, regelmäßig verbotene Mittel einzunehmen?

Vesper: „Die 5,9 Prozent sind hoch - zu hoch für den Anspruch, den wir haben. Sie sind eher niedrig, wenn man ihnen die vorherrschenden Vorurteile über Doping entgegenstellt. Insgesamt zeigt diese Zahl auch, dass der ganz überwiegende Teil der Athleten sauber ist. Und ich rufe die Sportler, die mit Ja geantwortet haben, dazu auf: Offenbart euch der NADA oder den Vertrauensleuten und nennt Ross und Reiter!“

Welche Konsequenzen zieht der DOSB aus dieser Studie?

Vesper: „Das eine ist, die Anstrengungen für Spitzensportler zu verstärken, dass heißt Bedingungen schaffen, die ihnen zwar nicht den Erfolgsdruck nehmen können, aber eine Perspektive geben. Wir müssen die Anstrengungen der dualen Karriere noch deutlich verstärken. Darüber hinaus sind auch Folgeuntersuchungen aus der Studie angeregt worden. Das ist sicher sinnvoll, um den Ursachen genauer nachzuspüren. Diese Diskussion öffnet im Übrigen den Menschen die Augen: Die Spitzensportler, die uns bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften vertreten, sind eben nicht ökonomisch abgesichert wie Fußballprofis. Eine frühere Studie hat ja gezeigt, dass viele von 500 bis 600 Euro im Monat leben und sich gleichzeitig eine Existenz aufbauen müssen.“

Ilgner: „Wir müssen den Athleten über die gesamte Karriere - und zwar schon beginnend im Jugendalter - Hilfestellung geben, aber sie auch dafür sensibilisieren, dass sie eine Perspektive neben dem Sport aufbauen. Dabei muss man auf die besonderen Herausforderungen eingehen: So kann man als Sportler nicht in zehn Semester studieren, sondern braucht vielleicht 15 oder 18. Das bedarf einer besonderen Flexibilität auf vielen Seiten. Wenn wir eine noch breitere Unterstützung auch aus der Wirtschaft haben, dann kann man den Athleten mehr Chancen aufzeigen. Wir müssen schauen, dass wir den dem Spitzensport einfach dazugehörenden Erfolgsdruck über unser Fördersystem nicht noch übermäßig forcieren.“

Muss auch das Betreuungssystem verbessert werden?

Vesper: „Ja, da müssen wir die Anstrengungen bestimmt verstärken.“

Ilgner: „Wir haben mit dem Förderkonzept RIO 2016 ja schon Hinweise aus der Studie aufgegriffen.“