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Doping bei Olympia: „Der Renner sind Steroidhormone“

Doping bei Olympia: „Der Renner sind Steroidhormone“

Fahnder Wilhelm Schänzer über die Möglichkeiten des Betrügens im Leistungssport und schlecht beratene Spitzensportler.

Köln. Natürlich rechnet er mit positiven Tests bei den Olympischen Spielen in London. Aber Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, ist trotzdem sicher, dass die Fahnder vorankommen im Kampf gegen Doping. Renner auf dem Markt bleiben weiter die Steroidhormone. Und Schänzer bleibt trotz allem Dopingbetrug ein Freund des Sports.

Herr Professor Schänzer, rechnen Sie mit positiven Kontrollen in London?

Wilhelm Schänzer: Ja. Bei der Anzahl der Proben, 5000 bei den Olympischen Spielen, 1200 bei den Paralympics, müssen ambitionierte Athleten mit Kontrollen rechnen. Wir werden wieder Substanzen finden, die kurzfristig genommen werden. Etwa Diurethika. Und eine Vielzahl von Steroidhormonen, die immer noch die größte Rolle im Doping spielen. Das passiert immer wieder bei Athleten aus den Ländern, in denen die Kontrollen nicht optimal sind. Und Sportler schlecht beraten sind. Zu spät abgesetzt, sage ich immer.

Und sonst?

Schänzer: Wir haben auch immer wieder Stimulanzien gefunden. Das hängt mit den vielen auf dem Markt befindlichen Nahrungsergänzungsmitteln zusammen. Mit diesen Substanzen muss man extrem vorsichtig umgehen. Und da werden Athleten von vielen Verbänden einfach schlecht informiert.

Ist das in Deutschland auszuschließen?

Schänzer: Ja, die Nationale Anti-Doping-Agentur informiert Athleten aus meiner Sicht fast optimal. Ich rechne diese Mittel auch nicht zu den harten Substanzen.

Hand aufs Herz. Womit dopt der kundige Athlet 2012?

Schänzer: Die Renner sind immer noch die Steroidhormone. Mit weitem Abstand. Erythropoietin (Epo) und seine Derivate bleiben ein Problem. Auch das Blutdoping. Und Wachstumshormone. Wenn ein Sportler geschickt dopt, dann benutzt er körperidentische Substanzen: Testosteron, Wachstumshormon, Insulin und IGF1, das im Körper über Wachstumshormon gebildet wird. Für IGF1 und Insulin fehlen weiter Nachweisverfahren. Auch bei Wachstumshormonen bin ich vorsichtig mit öffentlichen Äußerungen, weil die Analytik einige Substanzen noch nicht zu hundert Prozent nachweisen kann.

Die Fahnder laufen hinterher?

Schänzer: Das alte Spiel. Aber der Abstand wird deutlich geringer. Es ist schwerer für Athleten, mit effektiven Substanzen zu dopen, unmöglich ist es aber nicht. Wichtig ist, im Vorfeld die Kontrollen geschickt einzusetzen. Das ist für mich fast der wichtigste Faktor im Kampf gegen Doping. Abschreckung funktioniert nur über effektive Kontrollen.

Sehen Sie Verbesserungen?

Schänzer: Ich sehe Verbesserungen in den Ländern, die gute Kontrollsysteme aufgebaut haben. Es bleibt aber eine Tatsache, dass einige Länder es den Kontrolleuren offensichtlich mit Absicht schwer machen. Ich kann als Wissenschaftler aber nicht irgendwelche Länder an den Pranger stellen.

Fortschrittliche Doper wissen, was nicht nachgewiesen werden kann?

Schänzer: Aber sie liegen nicht immer richtig. Bei dem Epo-Derivat Cera sind sie 2008 reihenweise ins Fettnäpfchen getreten. Nachkontrollen ermöglichten die positiven Ergebnisse. Sie sind eine effektive Form der Abschreckung.

Gendoping galt in der Szene schon einmal als Tipp?

Schänzer: Erkannt schon 2004, aber meines Wissens nicht weiter verfolgt, weil sich die Pharmaindustrie keinen attraktiven Markt davon versprochen hat. Gendoping bleibt eine Gefahr, wir beobachten den Markt intensiv, aber wir haben keine Anzeichen, dass das aktuell ein Thema ist.

Die Doper bleiben vorn?

Schänzer: Wir verfeinern unsere Tests ständig, gerade auch bei anabolen Substanzen. Wir können Tests auf neue Substanzen schneller standardisieren. Um abgesichert zu sein und vor Gericht Bestand zu haben.

Es heißt oft, Athleten würden für Medaillen ihr Leben riskieren.

Schänzer: Ich halte Athleten für intelligenter. Ich glaube nicht, dass sie alles riskieren, um ihre Leistung zu steigern — wenn die Risiken überhaupt bekannt sind. Wenn wir heute sicher wüssten, dass 50 Prozent der Raucher ganz sicher am Rauchen sterben, hätten wir das Problem gelöst.

Glauben Sie noch an den Sport?

Schänzer: Ja. Für mich war und ist wichtig, einen Wettkampf für sich zu entscheiden, sich durchzusetzen und zu gewinnen. Ich brauche keine Weltrekorde, um sportbegeistert zu sein.

Wie werden die Arbeitsbedingungen in London sein?

Schänzer: Meine Kollegen sind vor Ort, ich bleibe im Labor in Köln. Die Arbeitsbedingungen in London sind gut. Der Aufwand, der betrieben wird, auch von der Welt-Antidoping-Agentur, ist gewaltig.

Alles streng bewacht?

Schänzer: Sicher. Das soll ja nicht von irgendwelchen ungebetenen Gästen ausgekundschaftet werden.