„Die Großen spielen bald in eigener Liga“

„Die Großen spielen bald in eigener Liga“

TV-Experte Marcel Reif spricht über die Emotionen der Fußball-Fans, die Zukunft des Kommerzfußballs mit den besten Vereinen der Welt und den umstrittenen Videobeweis.

Zürich. Zwei Jahre nach seinem Rückzug aus der Rolle des Kommentators großer Spiele ist Marcel Reif als gefragter Fußball-Experte allgegenwärtig, wenn es um das Spiel und das Geschäft mit dem Ball geht. In diesem Interview zieht er seine persönliche Bilanz der 55. Bundesliga-Saison. „Ich mache nur noch das, was mir Spaß macht“, sagt der 68-Jährige. „Das Spiel fasziniert mich nach wie vor. Ich sage, was ich denke und bin niemandem verpflichtet.“

Herr Reif, wir wollen Ihre Saisonbilanz hören. Fangen wir mit dem Videobeweis an, hören wir damit auf oder lassen wir das Thema ganz weg?

Marcel Reif: Weglassen geht nicht. Fangen wir also damit an, dann haben wir es hinter uns. Warum wir eine pseudo-religiöse Diskussion über ein solches Hilfsmittel führen, erschließt sich mir nicht. Wir haben die Mittel, um an einigen Stellen gerechter und fairer zu entscheiden — warum sollen wir das nicht nutzen? Ja, sagen die einen, dann ist die ganze Emotion weg — tut mir leid, mit der Freude über ein Tor, bei dem der Ball durchs Außennetz gegangen ist, kann ich nichts anfangen. Oder ich höre: Es gibt keine völlige Gerechtigkeit! Richtig — aber das ist im richtigen Leben auch so. Wir verlieren die Mythen, sagen wieder andere, wie das Wembleytor. Stimmt. Aber fragen Sie mal den Hans Tilkowski, ob der damals 1966 gern einen Videobeweis gehabt hätte oder lieber den Mythos genommen hätte.

Reif: Sagen Sie ruhig: Ein glühender Verfechter. Aber drei Dinge müssen besser werden. Erstens: Es muss besser und schneller kommuniziert werden in den Stadien, die Leute haben ein Recht darauf, so schnell wie möglich zu erfahren, was wie und warum entschieden worden ist. Zweitens: Der Schiedsrichter im Stadion muss die letzte Instanz sein; niemals darf eine Entscheidung allein in diesem Keller in Köln fallen. Drittens: Die Nasa schickt Sonden zum Mars, die auf den Millimeter genau an den festgelegten Stellen ein exakt soundso tiefes Loch bohren — da müsste es doch vielleicht gelingen, kalibrierte Linien bei Abseitsentscheidungen einzusetzen, die mit mathematischer Präzision den Fall klären. Beim Abseits gibt es nur Schwarz und Weiß, ein bisschen Abseits ist auch Abseits. Bei allen anderen Entscheidungen gibt es manchmal einen Ermessensspielraum — und der gehört bitte allein dem Schiedsrichter auf dem Rasen.

Nicht nur der Videobeweis wird mit extremer Emotionalität diskutiert. Auch an den Montagspielen entzündete sich eine Debatte mit großer Hitze.

Reif: An fünf Spielen! An einer Regelung, der alle 36 Proficlubs zugestimmt haben! Das erklärt diese Protestwelle nun wirklich nicht. Fünf Montagspiele muss man aushalten können, vorausgesetzt, es setzt niemand Hannover in Freiburg an oder umgekehrt — das wäre ja schon nahe der Boshaftigkeit. Aber es wird bestimmt auch ein, zwei Milliönchen Freunde des Fernsehfußballs geben, die sich über Bundesliga am Montag freuen. Und natürlich ist auch klar, dass es für die Vereine mehr Geld gibt.

Und warum diese Heftigkeit in der Debatte?

Reif: Das sind Stellvertreter-Themen. Oben drüber steht ganz dick: „Das ist nicht mehr unser Fußball“. Sie glauben, es wird ihnen etwas genommen, an allen Ecken. Und weil sie mit Hingabe dabei sind, verzweifeln sie daran und reagieren so emotional. Das ist ein Glaubenskrieg, der kompromisslos geführt wird.

Können Sie das nicht verstehen?

Reif: Ja, weil ich natürlich auch ein verkappter Fußball-Romantiker bin. Nein, weil ich ein Realist bin und sehe, wie sich die Dinge entwickeln. Vor allem ist Fußball für mich nie ein Religions- oder Familienersatz gewesen. Ich liebe das Spiel, immer noch, aber ich kann nichts damit anfangen, wenn der Fußball der alles bestimmende Lebensinhalt ist; so, wie man es bei vielen Fans und den Ultras kennt. Dass diese Menschen auf Veränderungen viel heftiger reagieren, weil sie davon überzeugt sind, dass ihnen etwas genommen wird, ergibt sich daraus. Sie fragen sich: Sind wir überhaupt noch das richtige Publikum für diesen Fußball? Zugespitzt: Will uns der Fußball gar nicht mehr?

Ist da Wahrheit dran?

Reif: Ich fürchte ja, aber wir können es nicht ändern. Profifußball ist zum Profit verpflichtet, dafür bietet er eine Show der Extraklasse auf allerhöchstem Niveau — das hat seinen Preis. Und das Geld dafür kommt längst nicht mehr allein aus den Eintrittsgeldern. Sicher kommt die Stimmung aus den Kurven der Fans und Ultras, das ist ein wesentlicher Bestandteil der Atmosphäre, aber sie hängt — wie man an manchen Beispielen zeigen kann — nicht ausschließlich an diesen Gruppen.

Immerhin haben die von den Ultras angeführten Proteste Wirkung gezeigt: An den Montagspielen zweifeln die ersten Vereinsvertreter öffentlich, die Vereine haben sich für 50+1 ausgesprochen.

Reif: Ja, aber das wird nicht reichen. Die reine Lehre, die aus dieser Ecke gefordert wird, wird sich nicht durchsetzen. Umso eher man das klar ausspricht, desto besser für alle Beteiligten. Im Moment sind die emotionalen Ausschläge so hoch, dass man mit Argumenten kaum durchdringt. Da läuft ein Fußball-Glaubenskrieg mit verhärteten Fronten.

Zusammengefasst: Kritik an den Auswüchsen des Fußball-Kommerzes ist. . .

Reif: . . .berechtigt, aber sinnlos. Natürlich ist es obszön, 222 Millionen Euro für Neymar zu zahlen. Aber haben Sie das Gefühl, dass das eine Welle der Empörung ausgelöst hat? In Paris haben sie gejubelt, und was meinen sie, was in Madrid los ist, wenn sich Real ihn im Sommer holt für meinetwegen 400 Millionen? Die wissen, dass sie mit ihm besser sind als ohne ihn, sie haben das Geld. Mit welcher Moral wollen sie das verbieten? Ich hätte es gern anders, aber ich weiß, dass das nicht geht. Wenn ich die Auswüchse sehe, stelle ich mich blind, weil es an meine Romantik geht. Was sollen die Träumereien?

Und wo enden Realitäten?

Reif: Ganz einfach: Diese Clubs spielen in einer eigenen Liga, in fünf oder sechs oder sieben Jahren. Und das ist richtig so, denn in fast allen Ligen ist es doch so, dass sich ein, zwei Mannschaften vom Rest der Liga so weit absetzen, dass sie mit den gewaltigen Champion-League-Einnahmen ihren Vorsprung Jahr für Jahr ausbauen. Die Bayern haben in der Bundesliga nichts mehr verloren. Real, Barcelona, PSG, die beiden Manchesters, Bayern - die spielen dann in einer weltweit vermarkteten Liga, in Sydney, Shanghai, Singapur oder Seattle. Das ist bestes Entertainment, das verkauft wird, seinen Preis hat und seine Kunden findet. Ganz sicher.

Angesichts der Dominanz des FC Bayern müsste man sich ja fast wünschen, das ein Investor einem Club wie Borussia Dortmund eine gewaltige Finanzspritze verpasst.

Reif: Wer hat denn in der letzten Saison als einziger Club die Bayern ein bisschen geärgert? Der viel gescholtene Retortenclub aus Leipzig, der längst seine Fans hat, weil er sehenswerten Fußball spielt. Auch mit viel Geld muss man gut arbeiten, um erfolgreich zu sein. Ein sauberer Investor erhöht die Chance auf mehr Wettbewerb an der Spitze. Immer nur das Beispiel 1860 heranzuziehen — das reicht als Argument nicht aus. Interessant wird das Beispiel mit dem BVB doch durch die Frage: Wie reagiert Schwarz-Gelb, wenn ein Investor kommt? Dann wird sich zeigen, wie weit die Macht der Südtribüne reicht und ob der BVB bereit ist, es auf einen Konflikt ankommen zu lassen.

Beim SC Freiburg oder in Mainz wird sich wohl kein Investor melden.

Reif: Nein, aber das brauchen und wollen die vielleicht auch gar nicht. Das sind Vereine — den FC Augsburg würde ich gern dazunehmen — die ihre Identität in diesem verrückten Wettbewerb gefunden haben und sich selbst genug sind. Die wissen nicht nur, wo sie herkommen, sondern auch, wo sie hinkommen können — und wohin nicht. Dafür müssen sie jedes Jahr auf der Glatze Locken drehen. Die haben sich mühsam erarbeitet, was in Leipzig der Herr Mateschitz vorfinanziert hat. Dass sie sich darüber manchmal ärgern, kann ich verstehen.

Und der große FC Bayern?

Reif: Die Bayern wird kein Investor mehr kriegen, die brauchen das nicht mehr, denn sie haben ihre strategischen Partnerschaften. Die machen aus Erfolg Erfolg, weil sie Jahr für Jahr in der Champions League sind. Trotzdem stehen sie jetzt an der Kreuzung und müssen sich fragen, wie es weitergeht. So knapp es auch war gegen Real: Erstens hat der Fußballgott bei den Auslosungen zuvor mit Gegnern wie Sevilla und Besiktas kräftig geholfen. Zweitens haben die Bayern nicht nur mangels Glück verloren, sondern auch, weil ein Quäntchen Qualität gefehlt hat - und das gegen ein Real-Team, das nicht in Topform war.

Was hat Ihnen an dieser Saison besonders gefallen?

Reif: Jupp Heynckes! Vieles von dem, was man sich als Romantiker erhalten möchte, ist uns über diesen Mann geschenkt worden. Diese völlige Konzentration auf Fußball, diese klare Führung — das wird uns fehlen und kann ein Vorbild für andere sein. Wenn so ein bisschen von diesem großen Menschen in der Bundesliga bleibt, hat der Fußball gewonnen.

Das war alles?

Reif: Schalke darf man nicht vergessen. Wer sich über deren Spielstil erhebt, sollte mal die Leute dort fragen, ob sie lieber mit Maloche gewinnen oder mit Eleganz verlieren. Werder natürlich, wobei es denen sicher guttut, nicht zu oft an den Bildern mit Schale, Pokal und Europapokal vorbeizulaufen — diese Zeiten auf Augenhöhe mit den Bayern, kommen nicht wieder, liebe Bremer. Natürlich Tayfun Korkut in Stuttgart: Nie ist ein Trainer so bösartig empfangen worden. Er hat gezeigt, dass ein Trainer nur Erfolg hat, wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Haben Sie nicht den 1. FC Köln vergessen?

Reif: Natürlich weiß ich, dass Jonas Hector und Timo Horn auch in der 2. Bundesliga nicht weniger verdienen, aber es erfüllt doch viele Sehnsüchte, dass die beiden trotz des Abstiegs bleiben. In den letzten Jahren habe ich manchmal eine Träne vergossen, weil dieser herrlich verrückte Club zu einem ganz normalen Bundesligisten geworden war — aber in dieser Saison war es der wieder alte kölsche FC. Manches ändert sich in der Bundesliga dann doch nie.

Mehr von Westdeutsche Zeitung