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Der Deutsche und die Taktik

Der Deutsche und die Taktik

Steilpass

Experten hatten es ohnehin längst prophezeit: Die deutsche Mannschaft braucht nur ein einziges Spiel, in dem sie den Schalter umlegt und fortan auf deutsche Tugenden verzichtet. Man könnte es auch als eine Abkehr vom Prinzip „Mit Hängen und Würgen mittels Brechstange über den Krampf zum Kampf finden und hoffen, dass sich der Gegner noch blöder anstellt“ einordnen.

Kaum ist der Trainer nicht auf der Bank, blüht das Team auf. Das sollte zu denken geben. Denn es ist ein Indiz dafür, dass sich deutsche Spieler schwer tun mit taktischen Konzepten. Gegen Portugal hatten die Jungs das Gefühl, unbeobachtet zu sein. Löw weilte ja im Glaskäfig. Es führte zu einem entfesselten Offensivspiel. Das lässt auf einen gewissen Reifeprozess des Kaders schließen.

Langsam lässt sich auch erklären, wieso Mannschaften wie Spanien oder Holland wie aus einem Guss spielen: Sie verzichten von Haus aus auf Spieler wie Gomez oder Jansen. Unpopuläre Maßnahmen, die zu populären Ergebnissen führen, sind also bei erfolgreichen Teams an der Tagesordnung. Für einen überzeugenden Sieg nehmen sie es in Kauf, modernen Kombinationsfußball zu spielen. Bei den Deutschen aber galt bisher schon als Kombination, wenn sich Klose den Ball wie gegen Portugal an die Schulter köpft und danach notfalls als Torschütze da steht.

Ein Trend lässt sich nicht verleugnen: Die nicht-zentralen Mittelfeldspieler lassen jegliche strategische Disziplin vermissen und geben in entscheidenden Momenten den Mittelstürmer. Erst Podolski, jetzt Schweinsteiger. Sie agieren quasi sowohl in der Vertikalen als auch in der Horizontalen verkehrt. Dass daraus Tore resultieren, ist ein zu vernachlässigender Umstand. Fakt ist: Sollte Löw je auf die Bank zurückkehren, darf er solche Eskapaden nicht mehr dulden. Sonst droht am Ende der Finalsieg.

Django Asül, Kabarettist und Sportfreak, begleitet für uns als Kolumnist die Euro 2008