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Boxen: Wladimir Klitschko: „Ich warte noch auf den schlimmsten Moment“

Boxen : Wladimir Klitschko: „Ich warte noch auf den schlimmsten Moment“

Düsseldorf. Wladimir Klitschkos Haare sind kurz geschoren. Der Weltmeister ist im Angriffsmodus, die Verletzung, wegen der er den Kampf gegen den Briten Tyson Fury Ende Oktober in Düsseldorf absagen musste, ist kein Thema mehr.

„Die Verletzung ist ausgeheilt, ich habe von ärztlicher Seite grünes Licht erhalten“, sagt Klitschko über den Sehnenriss in der linken Wade. Neues Kampfdatum: 28. November. Dann steigt der Weltmeister der Verbände WBA-, WBO-, IBF und IBO in der Düsseldorfer Arena gegen Fury in den Ring.

Herr Klitschko, wie ist Ihre derzeitige Verfassung?

Wladimir Klitschko: Das Trainingscamp läuft ausgezeichnet, ich steigere meine Form kontinuierlich mit dem Ziel, am 28. November meine Topleistung abrufen zu können.

Ihre Erinnerungen an Düsseldorf?

Klitschko: Ich war oft in der Stadt und habe zweimal dort im Stadion gekämpft. Mein Freundeskreis lebt zum Teil auch in Düsseldorf. Und ich freue mich auf die Stadt, auch, wenn es am 28. November nicht sonderlich warm sein wird.

Dann dürfte das Dach geschlossen werden.

Klitschko: Genau, wir können das Dach schließen und die Wärme im Stadion halten.

Wie ist es, als Boxer in einem Stadion zu kämpfen?

Klitschko: Ich habe es jetzt schon ziemlich oft erlebt. Natürlich hat es eine ganz andere Dimension, es ist etwas Besonderes — für die Boxer und die Fans. Wir bieten eine unglaubliche Show mit der Legende Rod Stewart, Feuerwerk und Lasern. Es lohnt sich, das im Stadion zu erleben.

Ihr Gegner Tyson Fury, 2,06 Meter groß, hat verbal schon vorgearbeitet. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Klitschko: Ich bin daran gewöhnt. Ich habe Dereck Chisora und David Haye als Gegner erlebt. Fury ist die gleiche Schublade. Ich freue mich auf die Herausforderung Fury. Ich habe ihn schon im Trainingscamp vor einigen Jahren gesehen, damals war er noch zu jung und unreif, wir haben ihn nach Hause geschickt. Jetzt wird es interessant gegen ihn.

Warum?

Klitschko: Durch seine Körpergröße, durch seinen Auslagenwechsel. Er ist sehr emotional und hat seine Emotionen nicht im Griff. Er kommt aus sich heraus. Er singt, macht Grimassen, ist ein Clown. Das meine ich nicht einmal negativ. Er spielt diese Rolle sehr gerne.

Reizt Sie das zusätzlich?

Klitschko: Ich nehme das emotionslos beruflich. Ich habe gelernt, dass Emotionen in meinem Sport keine Rolle spielen dürfen. Emotionen fördern Fehler. Ich brauche die Provokation nicht für meine Motivation.

Wann waren Sie im Boxring besonders emotional?

Klitschko: Die Niederlage gegen Corrie Sanders aus 2003 ist immer da, ist immer in meinem Kopf, ist meine stete Motivation. Das bleibt wie eine Narbe auf meinem Körper. Die Verletzung ist zwar schon gut ausgeheilt, die Narbe ist geblieben.

Ähnlich groß wie Tyson Fury war 2012 Ihr polnischer Gegner Mariusz Wach. Er hat Ihnen viele Probleme gemacht, Sie gewannen nach Punkten.

Klitschko: Das stimmt, Mariusz Wach war stark gedopt. Es war für mich während des Kampfes überraschend, dass er die siebte Runde überstanden hat, er hat seinerzeit wahnsinnig viel kassiert, meine Hände waren schon so groß wie meine Boxhandschuhe. Das konnte nicht gesund sein. Es war damals eine schwierige Erfahrung, auch, weil vor diesem Kampf mein langjähriger Coach Emanuel Steward gestorben ist.

Macht Ihnen ein Gegner wie Fury noch Angst?

Klitschko: Angst nicht, aber ich habe Respekt vor seiner Größe, deswegen bereite ich mich gerade entsprechend vor.

Ihre Lebensgefährtin lebt in den USA, ihre Station hier in Deutschland ist Hamburg. Wie läuft Ihr Leben ab?

Klitschko: Sehr schnell, ich reise viel, wechsele Kontinente. Teile der Vorbereitung habe ich in Florida absolviert, der zweite Teil steigt gerade im Stanglwirt hier in Österreich — wie immer. Und ich habe eine Familie, für die ich viel reise. Seit der Geburt meiner Tochter habe ich viel Zeit mit ihr verbracht.

Wie hat Ihre Tochter Ihr Verhalten im Boxring beeinflusst?

Klitschko: Das Gefühl, Vater zu sein, ist großartig. Ich denke, diese Gefühle erleben alle Menschen ziemlich gleich. Im Boxring hat sich nichts verändert. Ich möchte da auch ein Vorbild für meine Kinder sein — wenn denn noch mehr kommen. Kaya motiviert mich, gibt mir Energie. Vater zu sein ist eher positiv als negativ.

Sie sind inzwischen 39 Jahre alt, hat sich die Vorbereitung auf einen WM-Kampf verändert?

Klitschko: Ich trainiere effizienter, mache nicht mehr so viel. Am Anfang meiner Karriere habe ich viel experimentiert. Heutzutage weiß ich, wann ich wo und wie sein muss. Und was ich nicht sein muss. Das ist der Unterschied.

Brauchen Sie überhaupt noch einen Trainer oder können Sie sich im Grunde selbst trainieren?

Klitschko: Ich brauche einen Trainer, der einen Blick von außen hat. Mein Coach Johnathon Banks ist sieben Jahre jünger als ich. Ich bin ihm sehr dankbar. Er hat bei meinem langjährigen und leider verstorbenen Trainer Emanuel Steward herausragend gelernt.

War Steward der Trainer, der Ihnen am meisten gegeben hat?

Klitschko: Steward war ein Genie, eine unglaubliche Persönlichkeit. Aber: Die Spitze braucht ein Fundament. Ich habe sieben Trainer gehabt, und ich bin auch dem im vergangenen Jahr verstorbenen Fritz Sdunek unglaublich dankbar, der mich disziplinierter gemacht und mir einen strukturierten Tagesablauf beigebracht hat.

Man musste Sie disziplinieren?

Klitscho: Ich war auch ein Rebell, glauben Sie mir, habe meine Erfahrungen gesammelt, als ich nicht diszipliniert war.

Eiferten Sie Zeit Ihres Lebens Ihrem Bruder nach?

Klitschko: Ich wollte am Anfang unbedingt alles genau wie mein Bruder machen, und dann kam die Zeit, in der ich alles ganz anders als Vitali machen wollte.

Sie sind der beste Schwergewichtsboxer der Welt geworden.

Klitschko: Davon habe ich nie geträumt, ich habe mich immer darauf konzentriert, dass ich meine Sachen im Ring erledige und gewinne. Es gab nie das Ziel: Du wirst der Beste. Ich habe mich nie mit den Ikonen verglichen, und ich hätte nie gedacht, dass ich so weit komme. Umso schöner ist der Blick jetzt vom Berg runter auf meine Karriere.

Gibt es so etwas wie einen schönsten und schlimmsten Moment?

Klitschko: Ich warte noch auf den schlimmsten Moment.

Wäre das Ihr Sturz vom Weltmeister-Thron?

Klitschko: Klar kann das sein, ich bin darauf vorbereitet. Ich weiß, dass das Eis dünn ist. Ich bin auf den schlimmsten Moment meiner Karriere vorbereitet. Und ich weiß, was ich zu tun habe, wenn er kommt.

Was denn?

Klitschko: Ich hoffe, das wird nie passieren. Es ist wie in einem Zug, der immer nach vorne fährt. Man hat aber noch die Notbremse. Die gehört auch zum Leben. Aber wenn sie den schlimmsten und schönsten Moment wissen wollen: Der Tod meines Vaters war der schlimmste Moment, die Geburt meiner Tochter der schönste. Boxen ist nicht wichtig im Vergleich zu diesen Dingen.

Gibt es Persönlichkeiten, die Sie besonders beeindrucken?

Klitschko: Es gibt keine Person, die vollkommen ist. Jeder ist auf seine Art und Weise faszinierend. Meine Oma hat mich mit ihrer Erfahrung fasziniert, mit allem, was sie mir beigebracht hat. Und ich war auch fasziniert vom Dalai Lama oder von Bill Clinton.

Es gibt viele Kritiker, die sagen, Ihre Gegner hätten keine wirkliche Klasse. Stört Sie diese Kritik?

Klitschko: In der Gesellschaft gibt es solche Vorwürfe ständig. Bei Michael Schumacher hieß es, sein Fahrzeug habe zwei PS mehr gehabt als jene seiner Gegner. Ich verstehe die Tendenz. Und es ist normal, dass man meinen kontinuierlichen Erfolg kaum begreifen kann. Es ist kein Zufall und kein fauler Zauber. Es gibt eine Formel, die es durchaus erklärt. Deswegen habe ich auch den Studiengang in St. Gallen für „Challenge Management“ ins Leben gerufen, bei dem ich meine Erfahrungen aus 25 Jahren Sport, eben diese Formel, Führungskräften und Managern zur Verfügung stelle.

Und bei einer Niederlage am 28. November würden Sie Ihre Karriere beenden?

Klitschko: Nächste Frage, bitte.

Herr Klitschko, vielen Dank für das Gespräch.