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Bayer gegen Dortmund - Lothar Matthäus: „Es wird ein emotionales Spiel“

Bayer gegen Dortmund : Lothar Matthäus: „Es wird ein emotionales Spiel“

Interview Lothar Matthäus über das Spitzenspiel der Bayern gegen Dortmund, sein Idol und die Frage, warum er nicht lange an einem Ort sein kann.

Mit 58 Jahren wäre Lothar Matthäus eigentlich im besten Traineralter. Doch mit dem Beruf hat er abgeschlossen, sagt er. Vor dem Bundesliga-Gipfel zwischen Bayern und Dortmund sprechen wir mit dem Sky-Experten.

Herr Matthäus, am Montag wurden Sie in die Gründungself der Hall of Fame des deutschen Fußballs aufgenommen. Welchen einen Spieler hätten Sie gewählt?

Lothar Matthäus: Günter Netzer. Das war immer mein Idol. Ich war als Kind großer Mönchengladbach-Fan und damit automatisch Günter-Netzer-Fan. Ich hätte gerne jeden gewählt, aber Sie haben ja gesagt, ich darf nur eine abgeben.

Sicher nicht. Sind Sie stolz, Teil dieser Elf zu sein?

Matthäus: Meine Eltern waren vermutlich sehr stolz. Ich persönlich sehe das eher als Bestätigung meiner Leistung. Ich habe mich geschmeichelt gefühlt und gefreut.

Am Wochenende werden Sie einige wiedertreffen rund um den Bundesliga-Gipfel Bayern gegen Dortmund. Hat der BVB jemals bei Ihnen angefragt?

Matthäus: Nein, das wäre auch überraschend gewesen. So lange, wie ich bei Bayern war. Da wussten sie, dass es wenig Sinn gehabt hätte.

Wissen Sie noch, was Sie am 15. September 1984 gemacht haben?

Matthäus: Ein Freundschaftsspiel?

Es war Ihr erstes Spiel im Trikot des FC Bayern gegen den BVB. Sie haben das Siegtor zum 1:0 erzielt.

Matthäus: Dafür hat mich Bayern München ja auch verpflichtet.

Sie haben auch im Rückspiel getroffen – das ging allerdings nur 1:1 aus.

Matthäus: Mit diesem Ergebnis wäre Dortmund am Samstag sicher zufrieden. Die Bayern dürften dagegen auf das erste Ergebnis hoffen. Sollte Dortmund gewinnen, wäre das eine Vorentscheidung im Kampf um den Titel. Ansonsten bleibt es spannend.

Ihre berühmteste Szene in der Geschichte dieses Duells war 1997. Damals machten sie gegenüber Andreas Möller die Heulsusengesten.

Matthäus: Es war ein emotionales Spiel. Der Andy war dafür bekannt, dass er gerne mal fliegt. Ich wollte ihm sagen: Zeig, dass Du ein Mann bist! Das war emotional, aber nichts Persönliches. Dafür hatte ich zu großen Respekt vor ihm und er vor mir. Er hat sich immer Tipps bei mir geholt. Wir sind gemeinsam Weltmeister geworden und haben uns immer gut verstanden. Die Freundschaft hält bis heute.

Bayern gegen Dortmund, das ist auch der Kung-Fu-Tritt von Olli Kahn gegen Stéphane Chapuisat. War die Rivalität früher größer?

Matthäus: Der Fußball ist emotionaler gespielt worden. Heutzutage lässt man das kaum mehr zu – auch durch viele neue Regeln. Schade. Diesmal erwarte ich aber wieder ein emotionales Spiel.

Letztes Jahr sind Sie noch einmal für Ihren Heimatverein FC Herzogenaurach in einem Pflichtspiel aufgelaufen. Sie durften sogar Aufstieg und Meisterschaft feiern.

Matthäus: Stimmt. Ich kann jetzt sagen: Ich bin Bezirksligameister in Mittelfranken geworden. Das Ganze war gedacht als Werbung für den Amateurfußball und für mich war es ein schöner Moment. Wichtig war mir dabei, dass die Aktion mit dem Gegner abgesprochen war. Der sollte sich nicht verarscht fühlen. Aber alle auf dem Feld haben es genossen und ich durfte für genau den Verein mein letztes Punktspiel machen, bei dem irgendwann mal vor 50 Jahren meine Karriere begonnen hat.

Was verbindet Sie denn noch mit Franken?

Matthäus: Vor allem meine Eltern. Die besuche ich nach wie vor regelmäßig. Und dann schaue ich natürlich auch beim Fußballplatz vorbei. Da hat sich nicht viel verändert, außer dem Rasen.

Ist Herzogenaurach noch Heimat?

Matthäus: Es ist mein Geburtsort, die Heimat meiner Kindheit. Ich freue mich immer wieder, wenn ich da bin. Dann nehme ich extra den Weg durch die Stadt, damit ich ein bisschen erinnert werde. Da kommt dann auch ein bisschen Wehmut auf. Meine Heimat aber ist mittlerweile woanders.

In Budapest.

Matthäus: Ja, dort lebe ich seit 14 Jahren. Dort fühle ich mich heimisch.

Was ist der Grund?

Matthäus: Weil ich dort so leben kann, wie ich möchte – nicht unbekannt, aber privat. Die Leute sind zurückhaltender. Es verfolgt mich keiner, wenn ich mal abends rausgehe und es will nicht ständig jemand ein Selfie mit mir machen. Ich kann mit meinem Sohn einfach so auf den Spielplatz. Aber trotz alledem bin ich auch froh, hin und wieder rauszukommen. Ich kann nicht gut an einem Ort sein.

Woran liegt das?

Matthäus: Ich brauche die Herausforderung, das Neue, das Reisen. Bis es mir manchmal zu viel wird. Dann sehne ich mich danach, auch mal abzuschalten.

Sie haben viel erreicht in Ihrer Karriere, schmerzt es Sie manchmal, dass Sie nie einen Verein in der Bundesliga trainiert haben?

Matthäus: Überhaupt nicht. Ich war eher überrascht, dass offenbar jeder mal durfte, nur ich nicht. Wobei so ganz richtig ist das auch nicht. Ich hätte ja einige Male fast gedurft.

Mit dem 1. FC Nürnberg gab es Gespräche.

Matthäus: Ja, aber da wollten mich die Fans nicht. Es gab aber auch Anfragen von anderen vier, fünf anderen Bundesligisten. Einigen habe ich abgesagt, bei anderen hat es nicht gepasst. Aber ich war auch so zweimal Meister, habe an der Champions League teilgenommen, zwei Nationalmannschaften trainiert und viele junge Spieler gefördert.

Ist die Reise als Trainer endgültig beendet für Sie?

Matthäus: Ja. Trainer, das ist für mich vorbei. Ich bin Experte bei Sky, schreibe eine Kolumne für die die englische Zeitung „Sun“ und bin Botschafter unter anderem für Bayern, die DFL und für Puma.

Sie sind Deutschlands einziger Weltfußballer. Was muss passieren, damit es wieder einen gibt?

Matthäus: Man braucht Talent, Leidenschaft, Ehrgeiz, die Liebe zum Fußball – aber andererseits braucht man auch mit der Mannschaft Erfolg. Deutschland hat immer gute Spieler und 2014 hätte man die Möglichkeit gehabt, einen zum Weltfußballer zu machen, aber keiner ist besonders hervorgestochen.

Wo steht ihre Auszeichnung?

Matthäus: Ich habe eine ganz kleine Ecke bei mir zu Hause. Dort habe ich Sachen aufgehoben, die mich an meine Karriere erinnern. Das sind aber nur knapp eineinhalb Quadratmeter. Dort hängen zwei Regale an der Wand. Die Ecke ist auch etwas versteckt, man muss sie schon ein bisschen suchen. Dort hängt auch der kaputte Schuh aus dem WM-Finale 1990 – vergoldet.

Wo ist der Rest?

Matthäus: Ich habe noch zwei, drei Kartons in der Garage mit gut 200, 300 Trikots – das war‘s. Ich habe mir aus solchen Sachen nie etwas gemacht. Wenn ich alles aufgehoben hätte, hätte ich jetzt vielleicht auch ein kleines Museum wie Franz Beckenbauer. Der hat in seinem Haus einen sehr schönen langen Eingangsbereich, von dem geht eine Treppe nach oben, da hängt links und rechts alles voll.

Sie sind mit knapp 30 Jahren Weltmeister geworden. Heute wird man damit aussortiert.

Matthäus: Aber heutzutage fängt man mit zehn Jahren auch schon an so zu trainieren, wie wir im Alter von 18. Als Jugendlicher habe ich zweimal die Woche auf dem Dorfplatz trainiert und hin und wieder Runden gedreht. Dadurch ist es, glaube ich, sehr schwierig geworden, im hohen Alter noch als Profi zu spielen. 1990 waren die meisten aus der Weltmeistermannschaft 30 Jahre alt. Unsere Nachfolger 2014 waren überwiegend Mitte 20. Der Karrierehöhepunkt hat sich eindeutig verschoben.

Also können Sie die Entscheidung von Jogi Löw nachvollziehen?

Matthäus: Mich hat sie nicht überrascht, mit dem Zeitpunkt kann ich mich allerdings nicht anfreunden.

Wie hätten Sie denn reagiert, wenn Sie Müller, Boateng oder Hummels gewesen wären?

Matthäus: Ich hätte die Entscheidung des Trainers akzeptiert.