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Rocksongs vor der Kulisse knatschgrüner Weinstöcke

Rocksongs vor der Kulisse knatschgrüner Weinstöcke

WZ-Autorin Juliane Kinast hat der Winzerei "Hickinbotham of Dromana" in Melbourne einen Besuch abgestattet - und das beste Risotto ihres Lebens gegessen.

Düsseldorf. Im Rheinland gilt ja alles, was zum zweiten Mal geschieht, als Tradition. Insofern sind unsere kleinen Ausflüge an den freien Tagen nach Phillip Island und der Great Ocean Road also schon Tradition. Und eine, die uns regelmäßig mit ausreichend Vorfreude auffüllt, um das Gerenne zwischen den Tischen zur Stoßzeit im Restaurant, die Poliererei von stapelweise Tellern und kistenweise Besteck und die immer wieder gleichen Erklärungen, was Tapas eigentlich sind - in Australien nicht unbedingter Bestandteil der kulinarischen Allgemeinbildung -, genießbar zu machen.

Also heute: Mornington Peninsula. In Europa ist Australien ja vor allem für seine Entlegenheit, Nicole Kidman und die Vielzahl tödlicher Kriechtiere bekannt. Keinesfalls aber für Wein. Zu Unrecht, wie ich inzwischen festgestellt habe - spätestens beim Winzer Newtons Ridge an der Great Ocean Road. Die Australier holen auf Und gleich in der Nachbarschaft von Melbourne befinden sich zwei der bekannten Weinregionen: das Yarra Valley und eben Mornington.

Ich fahre wieder mit Victoria los, meiner australischen Roadtrip-Begleitung du jour. Ich kann gleich vorwegnehmen: Da wir wie immer nichts planen und uns auch keiner teuren geführten Tour anschließen, werden wir es auf dieser Weinexkursion in genau eine einzige Winery schaffen. In die aber recht zügig: Nach gut einer Stunde Fahrt von Melbourne und deutlich vor 14 Uhr am Nachmittag biegen wir in den Hof der Winzerei "Hickinbotham of Dromana" ein und bestellen jeweils einen "Flight" - eine Palette von fünf Weinen unserer Wahl, jeweils als Probierglas mit 50 Millilitern.

Zu einem leichten Sektchen, einem Riesling, einem Sauvignon Blanc, einem Chardonnay und einem Shiraz gönne ich mir das wohl beste Risotto meines Lebens, zudem spielt auf der Terrasse eine Liveband Rocksongs vor der Kulisse knatschgrüner Weinstöcke. Von mir aus könnten wir auch gleich da bleiben. Anschließend auf unserem Weg Richtung Point Nepean an der äußersten Südspitze der Mornington Peninsula kommen wir quasi fünfminütlich an weiteren Winzern und in die Hügel gebetteten Bars vorbei - und einem Schild, das Weintouren zu Pferde bewirbt.

Aber Victoria muss ja nun einmal noch fahren und das ist schon nach dem "Flight" eine nicht zu verachtende Leistung. Und eher halblegal. Also gehen wir am Aussichtspunkt im Nationalpark von Point Nepean ein bisschen spazieren und fahren dann zu den heißen Quellen bei Fingal, wo Thermalwasser in zig verschiedene kleine Pools gepumpt wird - der schönste ganz oben auf dem Berg mit Blick Richtung Ozean und über buckelige Wiesen mit glücklich grasenden Kühen.

Nach so viel Aktivität sind wir sicher, dass ein Wein im Café des Bades wieder im gesetzlichen Rahmen ist. Und dass wir mal wieder ein Lehrstück für die Gestaltung eines freien Tages abgeliefert haben - ich hoffe, diesen Geist kann ich irgendwie nach Deutschland transportieren.

Aber beim nächsten Mal kommen wir vielleicht doch mit dem Bus aus Melbourne und machen die Pferdetour. Ich bin nicht sicher, was die Promillegrenze für Reiter in Australien anbelangt. Aber in jedem Fall hört sich das Geschuckel im Sattel von Winzer zu Winzer deutlich entspannter an als die Brumby-Bockerei und die Jagd auf durchgehende Rinderherden, die im vergangenen Jahr mein Alltag war. Jetzt bin ich eben ein Melbourne'sches Mädsche - ich sollte das Beste draus machen.