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Halong Bay: Gefangen im Weltnaturerbe

Halong Bay: Gefangen im Weltnaturerbe

Nach der schönen heilen Bergwelt ist es eine stressige Weltreise nach Halong City an der Küste: Von Bac Ha mit dem Minibus und zwecks völliger Überladung vietnamesischen Kindern auf dem Schoß wieder nach Lao Cai, zweieinhalb Stunden warten, Nachtbus nach Halong Bay, neun Stunden Geschuckel.

Im Sonnenaufgang komme ich an und fahre mit dem lokalen Citybus weiter in die Touri-Zone am Bootshafen. Ich will ja bloß ein Bett und dann ein Bootsticket in die Halong Bay am nächsten Tag. Beides habe ich auch tatsächlich in weniger als einer Stunde organisiert - und der Rest der Geschichte könnte eitel Sonnenschein sein. Aber denkste!

Halong Bay: Gefangen im Weltnaturerbe
Foto: Juliane Kinast

Nachdem ich in mein Doppelzimmer für zehn US-Dollar pro Nacht eingecheckt habe und eine der edleren Zwei-Tages-Cruises gebucht habe, laufe ich durch Halong City und entlang des Piers, von wo aus ich schon einmal einen ersten Blick auf die unzähligen Kalkfelsen des Unesco-Weltnaturerbes werfen kann. Und muss nach einer Stunde gemütlichsten Watschelns feststellen, dass ich mit diesem Städtchen durch bin. Eigentlich wäre ich jetzt schon bereit fürs Boot. Naja, morgen eben. Denkste.

Halong Bay: Gefangen im Weltnaturerbe
Foto: Juliane Kinast

Als ich am nächsten Morgen vom Frühstück in einer der leider sehr durchschnittlichen Garküchen in Halong City komme, brüllt mir Charlie, der Waliser vom Tourbüro, auf der Straße hinterher. "Es tut mir so leid. Die Bootstour wurde abgesagt. Taifun!" Ich schaue in den himmelblauen Himmel und bin sicher, er scherzt. Aber nein: In der Nacht soll ein handfester Tropensturm auf die Bucht prallen - und nach Zwischenfällen in der Vergangenheit ist man vorsichtig geworden; bei jedweder Wetterwarnung bleiben die Anker unten. Charlie bietet mir die Erstattung meines Geldes an. Aber nun bin ich so nah dran und will diese Bay auch sehen. Was ist schon ein Tag mehr oder weniger, denke ich mir.

Halong Bay: Gefangen im Weltnaturerbe
Foto: Juliane Kinast

Aber diesen einen Tag will ich nicht zu einem verlorenen machen. Der Sturm soll erst nachts loswüten. "Du könntest ein Motorbike leihen und zum Strand nach Bai Dai fahren", schlägt Charlie vor. Gute Idee. Haken: Motorbike bin ich noch nie gefahren. "Das ist wie Fahrradfahren, nur ohne Treten", verspricht der Brite, und weil sich das so einfach anhört, beschließe ich, es auszuprobieren. Rosy, von der ich den Motorroller allerdings leihe, verzieht ganz sonderbar ihr Gesicht, als sie hört, es sei mein erstes Mal und ich bringe mir das jetzt selbst bei. Aber sie erklärt mir, wo ich das Bike anlasse, wo der Blinker ist - und am allerwichtigsten: Hupe. Auf der, das habe ich in meiner Zeit in Vietnam jetzt schon durch Beobachtung gelernt, muss man seinen Finger quasi ohne Unterbrechung festfrieren. Ansonsten gilt: Regeln gibt es nicht, an roten Ampeln muss man nicht wirklich halten, Vorfahrt geht nach Größe und Gefährlichkeit des jeweiligen Vehikels: schwer gewinnt.

Halong Bay: Gefangen im Weltnaturerbe
Foto: Juliane Kinast

Im Schneckentempo zuckel ich auf meinem Roller los. So weit rechts und defensiv wie es geht; wenn die Tachonadel an der 30 kratzt, flattert es in meinem Bauch schon. Aber ich bringe langsam Kilometer nach Kilometer hinter mich, ohne umzukippen, mir die Haut vom Körper zu ziehen und den Schädelknochen am Bordstein zu zersplittern. Vermutlich sollte ich auch aufhören, über genau dieses Szenario pausenlos nachzudenken, und lieber auf die Straße achten.

Zehn Minuten hinter der Stadtgrenze von Halong City fangen die Menschen an, die Hälse zu verdrehen, als sie die Weiße auf ihrem Motorbike durch die Landschaft schleichen sehen. Ich bin offiziell "off the beaten track". Da, wo all wir Lonely-Planet-Backpacker doch angeblich hinwollen. Hat den Nebeneffekt, dass ich ungefährt zwölfmal anhalten und nach dem Weg fragen muss - wobei niemand Englisch spricht, sondern immer nur mit ausladenden Armbewegungen grob in eine Richtung deutet. Die Verwirrung liegt aber auch daran, dass die 45 Kilometer, die Bai Dai laut der vietnamesischen Kollegin von Charlie entfernt ist, eigentlich 60 sind. Ich bin vollkommen erledigt, als ich den zugegebenermaßen schönen Strand erreiche - und natürlich fängt es prompt an zu schütten.

Eine Stunde halte ich es aus, bis ich aufgebe und mich auf den Rückweg mache. Mit Zwischenstopp in einem Mini-Mart, um einen todschicken blauen Plastik-Regenanzug für einen Dollar zu erwerben, und noch langsamer als vorher, weil mir der nasse Asphalt eine Heidenangst einjagt. Meine Dankbarkeit, als ich schließlich im öden Halong City ankomme, kann man mit Worten kaum beschreiben. Aber gut: Nun kann ich Motorroller fahren und morgen geht es aufs Boot. Denkste.

Als ich am Morgen des dritten Tages aufwache peitscht Regen diagonal über die Straßen von Halong City, die Palmen liegen im Wind fast auf der Seite, von den Welterbe-Kalkfelsen in der Bucht ist durch tiefgraue Suppe hindurch nichts zu erahnen. Mit übergeschlagenem Regenschirm springe ich über die Straße in Charlies Tourbüro, sehe ihn an, er sieht mich an, schüttelt den Kopf. Bestätigt nur, was ich schon wusste. Kein Boot, natürlich nicht. Brav bietet er wieder seine Erstattung und einen Bus nach Hanoi an. Aber jetzt sind Halong und ich schon über zwei Runden gegangen - und ich bin zu weit gekommen, um das Handtuch zu werfen. Verdammt noch mal, ich habe gerade einen Monat lang Karate in Japan trainiert. Diese Bucht wird mich nicht klein kriegen!

Ein Entschluss, der sich in jenem Moment heroischer anfühlt als vier Stunden später, bei Keksen und Cola im Hotelzimmer; der Strom seit dem Morgen sturmbedingt ausgefallen, die einzige Unterhaltung sind die Blitze und die wild wedelnde Palme vor dem Fenster. Gott, ich will hier weg. Was ist an Kalkfelsen überhaupt so besonders? Bloß weil es viele sind ... So geht der Nachmittag, dann der Abend vorbei. In der Nacht werde ich stündlich von Wind und Regen geweckt. Sollte Halong doch gewinnen ...?

Denkste! Als ich an Tag vier erwache, strahlt die Sonne vom fast lächerlich klaren Himmel. Trockenen Fußes renne ich über die Straße und ins Tourbüro. Und als ich die Tür öffne, brechen Charlie und seine drei Mitarbeiterinnen, die mich inzwischen alle gut kennen, in Jubel aus wie im Fußballstadium. Das Boot wird ablegen. Ein australischer Freund beglückwünscht mich später: "You really waited halong time!" Wie wahr Da kann ich über den Witz schon wieder lachen. Letztlich werde ich wohl immer die Geschichte erzählen, wie ich dem Taifun in Halong City getrotzt habe. Manchmal ist es auch ein Erlebnis, auf ein Erlebnis warten zu müssen.