30 Jahre Mauerfall: Von Jammerossis, Besserwessis und Klischees

30 Jahre Mauerfall : Von Jammerossis, Besserwessis und Klischees

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, am 3. Oktober wurde die Deutsche Einheit gefeiert. Wie steht es um Ost und West heute? Stimmt es, dass die Gräben wieder tiefer geworden sind?

Wer mit dem Fahrrad durch Berlin fährt, spürt an einem kleinen Holpern, dass die Stadt 28 Jahre lang von einer Mauer geteilt war. Eine Schwelle mit Pflastersteinen zeichnet die Grenze zwischen Ost und West nach. Ein Blick auf die Straße, dann der Gedanke an einen berühmten Satz: Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, hat Willy Brandt gesagt, dass jetzt zusammenwächst, was zusammengehört.

Danach war viel von der „Mauer in den Köpfen“ die Rede. Die 90er Jahre waren die Zeit der Klischees: vom Jammerossi, der Opfer der Besserwessis wurde, der sich die „neuen Länder“ einverleibte. Seit dem Ende der DDR ist im Osten alles anders, im Westen wenig. Wer heute nach Köln oder Mainz fährt, könnte denken: Das ist die alte BRD, aber mit Latte Macchiato. Ex-Innenminister Thomas de Maizière brachte es in einer ZDF-Doku so auf den Punkt: „Für die Ostdeutschen hat sich mit der Wende alles geändert, für die Westdeutschen nur die Postleitzahl.“

Jeder fünfte Westdeutsche war noch nie im Osten

Fast alle Ostdeutschen (95 Prozent) waren laut einer Umfrage schon im Westen. Für nicht wenige Westdeutsche ist der deutsch-deutsche Tourismus aber eine Einbahnstraße, jeder Fünfte war noch nie im Osten. Wobei man das einschränken sollte: Die DDR war viel kleiner als die BRD, im ganzen Osten leben etwa so viele Menschen wie in Nordrhein-Westfalen. Zu den Klischees: Ein Drittel der Wessis sagt, dass Ostdeutsche immer jammern. Das sagt allerdings auch ein Viertel der Ostdeutschen über sich selbst.

Das Klischee vom Besserwessi hält sich ebenfalls, genauso wie der nostalgische Blick auf DDR-Zeiten, wenn es um Solidarität und Nachbarschaft geht. Was vielen im Osten nicht bewusst scheint: Dörfliches Miteinander und Oma-Tugenden wie Vorräte horten oder Einkochen hat es auch im Westen früher mehr gegeben. Es war vielleicht nicht so überlebensnotwendig wie in der DDR.

Wie sind die Befindlichkeiten heute?

Gerade in jüngster Zeit heißt es oft, die Gräben zwischen Ost und West würden wieder tiefer. Wie sieht es heute mit den Befindlichkeiten aus? Nachgefragt bei zwei Autoren aus West und Ost.

Die Schriftstellerin Tanja Dückers (50, „Hausers Zimmer“, „Himmelskörper“) kann sich gut an das Lebensgefühl in West-Berlin erinnern, als die Stadt noch eine schwer zugängliche Insel war. „Ich habe 21 Jahre hinter dieser Mauer gewohnt. Erst nachdem die Mauer gefallen ist, habe ich richtig begriffen, wie absurd das war“, erzählt sie. „Für mich gab es so einen retrospektiven Schreck, und den habe ich tatsächlich vor der Wende nicht gehabt, weil ich nichts anderes kannte. In den 90ern habe ich dann oft gedacht: Bin ich da wirklich aufgewachsen?“

Sie weiß, wie unterschiedlich sich Ost und West wahrnehmen. Klar werde sie noch als Wessi angeguckt: „Das ist nicht unbedingt negativ, sondern eher ein Distanzmoment“, sagt Dückers. „Du bist aus dem Westen“, das bedeute eigentlich erst mal nur: „Du bist anders.“

Missverständnisse bei Ost und West

Für ein Missverständnis auf Ostseite hält sie, dass es den Westlern immer gut gegangen sei und sie immer Geld gehabt hätten. „Es ist eine Überschätzung der Situation des Westens. Vom Westen her betrachtet hat man es individualbiografisch unterschätzt: Nicht jeder, der bei der SED war, war ein Monster.“

Dass sich Gräben zwischen Ost und West vertiefen, findet sie etwas populistisch als Aussage. „Ich bin anderer Meinung. Ich sehe, dass sehr viele Ehen zwischen Ost und West geschlossen werden und sich viele Kinder überhaupt nicht mehr darüber definieren, wo die Eltern herstammen. Ich glaube aber, dass man die Zeit unterschätzt hat, die dieses Zusammenwachsen braucht.“ Ihrer Meinung spielt eine andere Kluft in Deutschland eine größere Rolle als die zwischen Ost und West: die zwischen Stadt und Land.

Der in Dresden geborene Schriftsteller Ingo Schulze (56, „Adam und Evelyn“, „Simple Storys“) hat in vielen Büchern Ost-West-Geschichten erzählt. „Nach meiner Erfahrung konnte man Ende der 90er Jahre gelassener über den Osten sprechen als heute“, sagt er. „Dann kam eine Politik, für die Hartz IV zum Synonym geworden ist und die tatsächlich Armut säte, darauf folgte die Finanzkrise von 2008.“ Die habe das jetzige System in Frage gestellt.

Er sei überzeugt, dass die Erfahrungen von Beginn der 90er Jahre keinesfalls weniger prägend gewesen seien als die Erfahrungen in der DDR. Diese hätten ja auch die Erfahrung gebracht, ein System friedlich ändern zu können. Natürlich werde die Herkunft immer eine Rolle spielen, findet Schulze. Es komme halt auf den Kontext an. „Die Frage ist, wie damit umgegangen wird. Und ob immer nur die eine Seite in Frage gestellt wird.“

(dpa)
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