30. Jahrestag des Mauerfalls: Vier Ostdeutsche blicken auf vergangene Jahrzehnte

Vier Ostdeutsche blicken zurück : „Die Massenhysterie, die Bananen, das war mir alles suspekt“

Sektselige Verbrüderung, große Feiern am Brandenburger Tor - zum 30. Jahrestag der Maueröffnung werden die alten Bilder hervorgekramt. Sie zeugen von Euphorie und Aufbruch. Wer nachfragt, erfährt auch von Ängsten.

Was gestern verboten war, ist heute erlaubt. Was gestern vom Staat gewünscht und gefördert wurde, ist über Nacht tabu. Vor 30 Jahren, als die Mauer fiel, katapultierte der Systemwechsel die DDR-Bürger in ein völlig neues Leben. Die Brücke zwischen Gestern und Heute wurde vielfach wackelig - auch wenn das von Euphorie und Aufbruchstimmung Ende 1989 erstmal überdeckt blieb. Vier Ostdeutsche, drei Männer und eine Frau, kommen bei hier zu Wort, sie blicken auf vergangene Jahrzehnte und die Gegenwart.

Je länger eine Epoche zurückliegt, desto verklärter und schwammiger wird häufig die Erinnerung. Für diejenigen Menschen, die in der DDR bespitzelt, aufs berufliche Abstellgleis verfrachtet oder eingesperrt wurden, gilt das nicht. Sie erinnern sich lebhaft an Verrat, Verhöre und das Gefühl von Ohnmacht. Und auch wer in beiden Systemen eher unpolitisch und konzentriert aufs private Umfeld seinen Alltag meisterte, hat den 9. November als Wendetag und viele Details des alten Lebens noch im Kopf.

Vom sozialistischen Kind zum Werksleiter

Mario Mackowiak (59) erzählt gerne vom „sehr disziplinierten Tagesablauf“ in den Grundschulen der sozialistischen DDR. Bei den Aufmärschen am Tag der Arbeit fährt er als Kind voller Begeisterung auf der mit Birkenzweigen geschmückten „Ameise“ mit, einem Mehrzweckfahrzeug des thüringischen VEB Fahrzeugwerk Waltershausen. Mit Inbrunst singt er „Wir sind die junge Garde des Proletariats“.

Mario Mackowiak, langjähriger Geschäftsführer der Keulahütte GmbH, lehnt sich in seinem Wohnzimmer nachdenklich an einen Türrahmen. Foto: dpa/Gregor Fischer

„Ich war ein klassisches sozialistisches, atheistisches Kind“, sagt Mackowiak. Mit seiner Frau und dem Vater bewohnt er ein schmuckes Einfamilienhaus am Ortsrand von Krauschwitz, einem sächsischen Dorf im Landkreis Görlitz. Hier hat er fast sein ganzes Leben verbracht. Sein Lieblingsgericht sind Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl.

Nach Berlin, wo es an jeder zweiten Ecke Sushi-Lokale oder Coffee Shops gibt, fahren er und seine Frau eigentlich nur, um die erwachsene Tochter und das Enkelkind zu besuchen. Seine Tochter sage oft zu ihm, „Vater, du lebst ja im Gestern“, erzählt Mackowiak.

Er, der so gerne viel redet, hält plötzlich inne. Im Haus der Familie stehen gusseiserne Öfen. Sie erinnern ihn an seine Arbeit in der Keulahütte, wo er 1976 eine Ausbildung als Gießereifacharbeiter begann. Nach der Wende kam die Treuhand, viele Mitarbeiter verloren ihren Job. Auch seine Frau, die in einem anderen Industriebetrieb angestellt war, musste gehen. Mackowiak selbst konnte bleiben.

1991 übernahm er die Werksleitung. Das Ausstiegsangebot, das man ihm nach dem letzten Eigentümerwechsel vor einigen Monaten gemacht habe, sei gut gewesen, sagt er. Doch so richtig glücklich klingt er dabei nicht. Da ist noch so viel Energie übrig. Wo soll die nur hin?

Mario Mackowiak, langjähriger Geschäftsführer der Keulahütte GmbH, sitzt zu einer Tasse Kaffee in seinem Gartenhaus. Im Vordergrund ist ein Kinderbild von ihm zu sehen. Foto: dpa/Gregor Fischer

„Ich wollte immer etwas werden“, berichtet Mackowiak. 1978 stellte er einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Das erschien ihm natürlich, der Vater war dort. Die Partei war mächtig und streng.

Als er in einem Jugendforscher-Kollektiv einmal darauf hinwies, dass für ihr Projekt Hydraulikteile fehlten, hieß es: „Genosse, du diskutierst negativ.“ Wenn er heute mit ehemaligen Kollegen zusammenkommt, sagt er diesen Satz manchmal. Dann lachen sie.

Im Schrank zuhause liegen noch Kladden mit den Musiklisten der alten Sammlung selbstbespielter Tonbänder. Die aufgeklebten Künstlerfotos sind verblichen: Rolling Stones, Gary Glitter - lange hatte der junge Arbeiter gespart auf das gute Radio, mit dem er auch hier im ländlichen Sachsen das Programm von Rias 2 aus West-Berlin empfangen konnte. Im Regal stehen Romane bekannter DDR-Autoren und Bücher vom Polit-Provokateur Thilo Sarrazin.

In einer Stadt wie Dortmund, wo viele Zuwanderer leben, „da würde ich nie wohnen wollen“, sagt Mackowiak. In eine Partei ist er nach der Wende nicht mehr eingetreten. Im Gemeinderat von Krauschwitz hat er sich der CDU-Fraktion angeschlossen. Ihm sei wichtig, dass der Bus- und Bahnverkehr ausgebaut wird, damit die jungen Leute nicht wegziehen und die Alten nicht so weit fahren müssen zum Arzt. „Wir müssen ja zugeben, dass wir mit dem Sozialismus und seiner Planwirtschaft gescheitert sind.“ Dennoch „wehre ich mich gegen die Reduzierung der DDR auf Fahnenappell, Stasi und Staatsbürgerkunde“.

Die letzten Wochen vor dem Mauerfall hat Mackowiak als Zeit der Unsicherheit erlebt. „Es herrschte große Unruhe im Betrieb, pausenlos gab es Parteiversammlungen“, erinnert er sich. Dann ging die Mauer auf. „Ich hatte Angst, ich hatte Respekt davor.“

Vom Punk zum Kulturmanager

Hans-Conrad Walter (49) erlebte die Angst einen Monat vor dem Wendetag: Bei der Protestdemonstration in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989 zog er mit Hunderten von Menschen zum Palast der Republik. Dort feierte Staatschef Erich Honecker den 40. Jahrestag der Gründung der DDR. „Da waren viele Stasi-Leute und Reporter vom Westfernsehen.“ Er selbst habe erlebt, wie eine Demonstrantin von einem Polizisten von hinten festgehalten worden sei, „ein anderer schlug ihr immer wieder ins Gesicht“. Da habe auch er begonnen, sich zu wehren. Die Schlagstöcke, die Handschellen: den Begriff „friedliche Revolution“ findet Walter unscharf angesichts der Gewalt, die er erlebt hat.

Ein altes Schwarzweiß-Foto von Hans-Conrad Walter. Foto: dpa/Gregor Fischer

Walter sagt, er habe wegen seiner nicht-systemkonformen Haltung nicht Bühnenbildner werden dürfen. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Maler und Anstreicher. Später fand er eine Anstellung als Heizer, Hausmeister und Filmvorführer im „Babylon“-Kino in Berlin-Mitte. Nach der Kundgebung im Oktober 1989 kommt er eine Woche in Haft. Es war nicht sein erstes Mal in Handschellen: Als Punk war er als Teenager angeeckt. „Ich mochte die Gleichmacherei nicht.“

Da Haarfärbemittel in knalligen Farben in der DDR nicht leicht zu kriegen waren, experimentierte Walter mit Freunden. Erst bleichten sie die Haare mit Wasserstoffperoxid. Dann mischten sie eine Mahagoni-Tönung mit einem Mittel gegen Fußpilz. Das Ergebnis war ein knallroter Irokesen-Schopf.

Die Jugendrebellion von einst merkt man Hans-Conrad Walter heute nicht mehr an. Doch ein Getriebener ist er immer noch, voller Ideen und Pläne - als Inhaber einer Firma für Kulturmarketing und -sponsoring, jemand der Menschen zusammenbringt und berät.

Hans-Conrad Walter, Kulturmanager, steht im Berliner Stadtteil Mitte vor dem Kino Babylon. Foto: dpa/Gregor Fischer

Nach der Wende musste er sich wie viele DDR-Bürger zeitweise von einem prekären Arbeitsverhältnis zum nächsten hangeln. Doch er mag Veränderungen, hat große Sympathien für die Grünen. Als „begeisterter Europäer“ hofft er auf „die Überwindung der Nationalstaaten“.

Obwohl er mit Kumpels damals im Tutti-Frutti-Eiscafé saß, wo man West-Touristen treffen konnte, dachte Walter nicht an Flucht. „Ich wollte nie aus dem Land heraus, ich wollte es umgestalten“, sagt er.

Die Maueröffnung kam für ihn überraschend. Er empfand sie als „großes Glück“, auch wenn die Wiedervereinigung so, wie sie ablief, aus seiner Sicht nicht „der Königsweg“ war. „Heute leben wir in einer Leistungsgesellschaft und stehen unter Leistungsdruck - für die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft fehlt oft die Zeit“, sagt er und tritt vor das „Babylon“-Kino.

Die ehemalige Athletin

Heike Kahl (63) ist ein resoluter Typ mit klaren Ansagen. Menschen, die lieber auf „die da oben“ schimpfen, statt etwas zu bewegen, kann sie nur schwer ertragen.

Heike Kahl, ehemalige Eisschnellläuferin in der DDR und Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Foto: dpa/Gregor Fischer

Als die Leute vom Film in ihre Grundschulklasse kamen, fiel das blonde Mädchen gleich auf. Für Heike, die damals Lange hieß, bedeutete das einen Sommer ohne Schule. Auf Hiddensee spielte sie eine der Hauptrollen in dem DEFA-Kinderfilm „Lütt Matten und die weiße Muschel“.

Ihre Heimatstadt Rostock fand die Buchhalter-Tochter nicht schön. Der Eisschnelllauf bot die Chance zum Weggehen. Mit 14 kam sie in Berlin ins Sportinternat. Der Teenager fühlte sich wohl, galt als Nachwuchshoffnung. Dann wurde 1973 mit einem neuen Trainer vieles anders. Er kam vom Eishockey. „Es begann eine sehr strenge, harte Zeit“, erinnert sich Heike Kahl. Die Staatsführung habe gewollt, dass DDR-Sportler „schnell viele Medaillen erzielen“. Ein altes Bild zeigt sie mit dem ungeliebten Trainer, Wut sprüht aus ihrem Blick.

Im März 1975 wurde sie in Schweden Juniorenweltmeisterin im Mehrkampf. Dem „Neuen Deutschland“ war es eine kleine Meldung wert. Die Titel-Schlagzeile an diesem Tag lautete: „Große und schöne Aufgaben für die Frauen der Republik“. Doch der Preis, den sie für die Erfüllung ihrer „Aufgaben“ zahlen sollte, wurde der jungen Frau irgendwann zu hoch. „Wir haben nach den Wettkämpfen Infusionen bekommen. Irgendwann habe ich dann gefragt, was da drin war“, sagt die ehemalige Leistungssportlerin. Als sie bei den Olympischen Spielen in Innsbruck über 1000 Meter nur als Achte ins Ziel ging, wuchs der Druck, „unterstützende Mittel“ zu nehmen.

In diese Zeit fällt auch ihre Entfremdung vom politischen System. Die roten Fahnen und das „Hurra-Gerufe“ erschienen ihr plötzlich absurd. Sie kehrte der SED den Rücken und dem Spitzensport. Von einem Tag zum anderen durfte sie nicht mehr ins Berliner Sportforum, das schmerzte. Dass sie trotzdem Literaturwissenschaft studieren konnte, führt sie darauf zurück, dass sie als Ex-Vorzeige-Sportlerin „durch eine Art von Öffentlichkeit schon geschützt“ war. Sie wurde Mutter, heiratete, promovierte 1985, fand eine Stelle in der Akademie der Künste.

Ein altes Schwarzweiß-Foto von Heike Kahl, ehemalige Eisschnellläuferin in der DDR und Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Foto: dpa/Gregor Fischer

Auf einem Foto aus den 80er Jahren trägt sie ein indisches Kleid, wie sie damals auch bei Alternativen im Westen modern waren. „Wir haben uns jedes Jahr gewundert, dass die DDR noch bestand - es war alles so schwerfällig.“ Als am 9. November die Mauer aufging, stand Heike Kahl in einer Berliner Turnhalle und leitete einen Aerobic-Kurs.

Heute sagt sie: „Diese bedingungslose Euphorie, die Massenhysterie, die Bananen, das war mir alles suspekt.“ Für Kahl folgten Jahre voller Experimente. Sie arbeitete bei einem kleinen Verlag, der pleite ging, wurde arbeitslos. Dann bot sich eine Chance beim Berliner Senat, als Planerin für Schulentwicklung. Ein Teil ihrer Freunde hielt dem Veränderungsdruck nicht stand. „Einige haben angefangen, morgens Wein zu trinken, weil plötzlich die Nische weg war und der Markt war da.“

Auch Kritiker des alten Regimes seien orientierungslos geworden. „Ich glaube, dass in verschiedenen Fällen Legitimationsfassaden aufgebaut wurden“, schließlich ließen sich nicht-gelebte Träume zu DDR-Zeiten leicht damit erklären, dass der Staat die Freiheit des Einzelnen massiv beschränkte. „Heute gibt es Freiheit, aber man muss das Rüstzeug haben, um sie zu nutzen“, sagt Heike Kahl.

Nach der Wende heiratete sie zum zweiten Mal. Ihre Lebensaufgabe fand sie 1994 bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, wo sie bis heute Geschäftsführerin ist. Für ihr Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz.

Heike Kahl hat noch viel vor. Für Nostalgie und Groll ist kein Raum. „Ich habe meine Stasi-Akte nicht angeguckt“, sagt sie. Dann steigt sie aufs Fahrrad, tritt kräftig in die Pedale. Die Haare wehen, die schweren Ohrringe schwingen. Nach wenigen Sekunden ist sie hinter der Berliner Straßenecke verschwunden.

Der Wirt und die Besucher von der Stasi

Ernst Bleske (76) aus Burg im Spreewald wollte es genau wissen. Deshalb war der Brandenburger enttäuscht, als man ihm sagte, seine Akte bei der Staatssicherheit in Leipzig, wo er zur Frühjahrs- und Herbstmesse die Gastronomie der Messe geleitet hat, sei wohl geschreddert worden. Die Akte, die man im Bezirk Cottbus über ihn angelegt hatte, habe er aber einsehen können, berichtet der pensionierte Koch.

Ernst Bleske, ehemaliger Hotelbesitzer, sitzt an einem Tisch im Gastraum des Hotel Bleske an der Hauptverkehrsstraße im Kurort Burg im Spreewald. Foto: dpa/Gregor Fischer

Der Inhalt habe ihn zwar nicht überrascht, aber etwas betroffen gemacht, vor allem „dass ich von 15 Personen beobachtet wurde“. Dabei habe es über ihn gar nicht viel zu berichten gegeben. Politisch aktiv sei er nie gewesen. Er sei zwar damals CDU-Mitglied gewesen, aber nur aus praktischen Gründen: Weil der Mann, der im Bezirk für die Verteilung von Lebensmitteln an Handel und Gastronomie zuständig war, auch in der CDU war. Die Zuträger der Stasi habe er mit seinem Wissen nicht konfrontiert, sagt Bleske. Schließlich seien die meisten auf die eine oder andere Art zur Mitarbeit gezwungen worden.

Ernst Bleske ist im Zweiten Weltkrieg geboren. Damals hieß das Gasthaus, das seine Großeltern 1910 in Burg gegründet hatten, „Hotel Reichsadler“. Im Jahr seiner Einschulung 1949 wurde es umbenannt in „Hotel Bleske“.

Nach der achten Klasse beendete er die Schule, lernte Koch in einer staatlichen HO-Gaststätte. Es folgten Stationen an der Ostsee, in Bulgarien, auf der Messe in Leipzig. Als sich der Vater 1968 zur Ruhe setzte, übernahm er den Betrieb. Doch zur Frühjahrs- und Herbstmesse heuerte er weiter in Leipzig an - wegen der bezahlten Überstunden und weil er Lebensmittel abzweigen konnte, die er für den Privatbetrieb kaum bekam: Dorschleber, Mandarinen in der Dose und Ananas.

„Ungefähr zweimal im Jahr kam die Preisinspektion, immer unangekündigt“, erinnert sich Bleske, der sein Restaurant mit den Gästezimmern inzwischen dem Sohn übergeben hat. Stimmte das, was auf den Teller kam, nicht mit dem überein, was der Gastwirt angegeben hatte, habe eine Strafe gedroht, wegen „Betrug am Volk“, erzählt Bleske. „20 Gramm Mehl, 10 Gramm Fett, 100 Gramm Schweinebraten“, die Preise waren festgelegt, die Kalkulation musste bis ins kleinste Detail offengelegt werden. Eine Bratwurst mit Kartoffeln und Sauerkraut kostete 1,85 DDR-Mark.

Ernst Bleske betrachtet in seinem Keller ein altes Foto welches ihn zu DDR-Zeiten im Gastraum seines Hotels zeigt. Foto: dpa/Gregor Fischer

Wochentags trifft er sich jeden Morgen um 6.30 Uhr mit seinem Freund, der die zweite Traditionsgaststätte im Ort betreibt, zum Frühstück. Ernst Bleske wirkt wie ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist. Auch zu DDR-Zeiten sei es ihm nicht schlecht gegangen, erzählt er: „Wir waren doch so erzogen.“

Unrecht von Recht zu unterscheiden, solche Gedanken habe er sich erst viel später gemacht. Eine unangenehme Episode sei ihm aber bis heute in Erinnerung. In den 70er Jahren habe ihn die Stasi anwerben wollen. „Da kamen zwei Männer, die wollten mich sprechen.“ Er habe höflich abgelehnt. Bevor die Männer gegangen seien, hätten sie ihn gewarnt: „Sprechen sie nicht mit Ihrer Frau darüber oder mit Ihrem Sohn“, andernfalls drohe eine Hausdurchsuchung. „Und dann finden wir schon etwas bei Ihnen.“ Er habe geschwiegen, jahrelang.

Nach der Wende hat Bleske einen Kredit aufgenommen, Duschen und Toiletten in die Zimmer eingebaut, wo früher nur Waschschüsseln standen. Ganz wohl war ihm dabei nicht. Doch am Ende ist es für ihn gut ausgegangen. Mit seiner Frau wohnt er in einem Haus neben dem Hotel. Mittags essen sie mit Freunden im Gasthaus.

Ernst Bleske, ehemaliger Hotelbesitzer, vor seinem alten Hotel. Foto: dpa/Gregor Fischer

Am 9. November 1989 saß Bleske bei einer Versammlung in der Gaststätte seines Freundes. Als er hörte, dass man in den Westen durfte, fuhr er los. Doch der Stau in Richtung Berlin war so groß, dass er umkehrte. Erst einen Monat später fuhr er schließlich hin. Im Dorf sei viel geredet worden damals: „Jeder hatte Angst, dass die Mauer wieder zugeht.“

(dpa)
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