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Bundestagswahl: Wer folgt auf Gregor Gysi - politische Redner und ihre Kunst

Bundestagswahl : Wer folgt auf Gregor Gysi - politische Redner und ihre Kunst

Gold im Mund: Der Verband der Redenschreiber sucht den besten Wahlkampfredner unter den Spitzenpolitikern.

Bonn. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Im Bundestagswahlkampf gilt dieser Spruch nicht. Hier kann eine gute Rede Gold wert sein, heißt: Stimmen bringen. Immerhin sollen laut Umfragen viele Wähler noch unentschieden sein (laut Institut für Demoskopie Allensbach 46 Prozent). Was eine gute Rede ausmacht, weiß der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS). In diesen Tagen sucht er den besten Redner unter Deutschlands Spitzenpolitikern.

Der Straßenwahlkampf hat begonnen, „das ist Reden in Realtime“, schwärmt Anja Martin. Die Autorin, Redenschreiberin und Sprecherin des VRdS, gehört zu dem elfköpfigen Team, das derzeit ehrenamtlich Schulz, Merkel und Co. auf den Zahn fühlt. Um die Neutralität zu wahren, wird ein Redner von zwei Analysten unabhängig voneinander beurteilt. „Die Politiker müssen ins kalte Wasser springen, spontan reagieren auf Fragen wie Störer.“

Eine Herausforderung auch für die Juroren, die nicht nachlesen können, sondern die direkte Wirkung beurteilen müssen. „Das ist im Grunde die klassische Rede im Forum Romanum oder wie eine Speakers Corner in Deutschland“, beschreibt Anja Martin.

Bewertet wird nach neun Kriterien, für die Punkte vergeben werden: Aufbau, Sprache, Stil, Argumentation, Vortrag, Selbstdarstellung, Inszenierung, Wirkung, Gesamteindruck. „Es geht um Empathie, Offenheit, ob die Sprache Bilder im Kopf entstehen lässt, die zum Handeln drängen“, erklärt die 55-Jährige. Umgekehrt tötet ein langweiliger, lustloser Vortrag eine Rede oder wird zur Propaganda, wenn er Ängste bedient. Grundsätzlich nicht bewertet wird dagegen der Inhalt. Aber, so die Bonnerin weiter, zum Stil gehöre durchaus auch der Umgang mit Fakten, die Aufrichtigkeit. Die Gutachten der Profis werden anschließend verglichen, ausgewertet, der Sieger ermittelt. Koordiniert wird die Aktion durch Antje Hermenau, die selbst im Bundestag saß, und Rhetorikcoach Hans-Georg Roth, der schon für Franz-Josef Strauß schrieb.

Bereits zum dritten Mal sucht der VRdS den besten Wahlkampfredner. Erster Sieger war 2009 Guido Westerwelle, vor vier Jahren folgte Gregor Gysi, „ein Paradebeispiel eines guten Redners, der komplexe Sachverhalte gut erklärt, auf sein Publikum eingeht und den roten Faden nicht verliert.“ Auch Martin Schulz wurde bereits ausgezeichnet, 2014, im Europawahlkampf. Martin: „Doch jetzt ist er Kanzlerkandidat, muss zugewandt sein, muss begeistern. Ich bin gespannt, wie er die Rolle annimmt.“ Und was fällt ihr zu Angela Merkel ein? Die sei sicherlich kein Feuerwerk, aber als Kanzlerin auch in einer anderen Rolle. Was aber nicht ausschließe, dass sie trotz Zeitdrucks auf andere Menschen eingehe. Gespannt ist Martin auch auf die Spitzenpolitiker der kleinen Parteien, die sich durchaus Hoffnungen auf eine Regierungsbeteiligung machen. Kernfrage auch hier: Wie versuchen die Politiker das Publikum zu überzeugen? Dabei müssen sie — im Unterschied zu anderen Rednern — auch Widerstrebendes vereinen: Haltung zeigen und Konsens erzielen, zuspitzen und eine größere Zielgruppe erreichen — weil sie ja gewählt werden wollen.

Dass Politiker früherer Generationen wie Wehner oder Strauß bessere Redner waren, findet Anja Martin nicht. Im Gegenteil seien Politiker heute durchweg geschulter, „weil überall (digitale) Medien sind“. Früher verschwand der Politiker nach seiner Rede aus der Öffentlichkeit wieder, heute steht er„in Echtzeit zu jeder Zeit unter Beobachtung“. Kein Wunder, dass zunehmend Ghostwriter helfen. Ein guter Redenschreiber, weiß Martin, nimmt sich total zurück, geht auf die Diktion, auf den Rhythmus des Vortragenden ein. Und er coacht ihn. Was auch die Körperhaltung einschließt, etwa wo er seine Hände hält. Ob die Merkel-Raute so entstanden ist, weiß Martin zwar nicht, aber, dass Coaching durchaus übertrieben werden kann: „Es gibt Bücher, die alles bis ins Detail vorschreiben, das führt zu verkrampftem Auftreten.“

Am 15. September, neun Tage vor der Wahl, will der VRdS seine Entscheidung bekannt geben. Eine Beeinflussung sieht Martin darin nicht, aber „indem wir sagen, wer vernünftig redet, wollen wir durchaus die Diskussion um die Redekultur befeuern.“ Und so auch einen Beitrag zur Demokratie leisten.