Wer hat Angst vor der Stadt?

Wer hat Angst vor der Stadt?

Der satirische Wochenrückblick

Endlich. Ein zäher Winter liegt hinter uns, und der Wuppertaler riecht Frühling. Bunt geschürzte Hausfrauen jagen behände mit dem Putzfeudel durchs Eigenheim, um ihren Frühjahrsputz einzuläuten, und Männer polieren ihre geleasten Kraftfahrzeuge auf Hochglanz.

Es gilt, die vom Winterspeck verunstalteten Körper für die bevorstehende Freibad-Saison wieder herzurichten. Hauptsache: Jede und jeder bekommt sein Fett weg.

Sein Fett weg bekommen hat im vergangenen Winter auch der städtische Winterdienst. Nicht genügend Streusalz eingelagert, zu spät gestreut und zu wenig Personal, lautete die Kritik der einiger Wuppertaler, die zum Teil wochenlang vom Leben abgeschnitten in ihren elenden Quartieren hockten.

Jetzt aber soll alles anders werden: Eine zweite Schicht von weiteren 30 Mitarbeitern soll es geben, falls der Stadtrat demnächst zustimmt. Ein zusätzlicher Salzvorrat soll auf den Südhöhen gelagert werden. Schade nur, dass man bei Schneefall gar nicht auf die Höhen kommt, um nachzuladen. Die Frage, wer die Zeche zahlt, bleibt auch nicht unklar. Natürlich der brave Bürger.

Besonders spannend ist das unwürdige Gezänk, wer denn nun Bauherr des Millionenprojektes Nordbahntrasse ist. Die Parteien können sich partout nicht einigen und beanspruchen jeweils den begehrten Titel. Bei der Stadt als Bauherr bekommen viele Wuppertaler allerdings zu Recht Angst. Denn aus der bitteren Erfahrung der Vergangenheit wissen viele, dass deren Engagement „nit för en Appel un en Ei“ ist.

War einst die Sanierung der Stadthalle mit zirka 30 Millionen geplant, wurden zum Schluss „gottgewollte“ 82 Millionen daraus. Ähnlich verhielt es sich mit der Fassade des Zoostadions, um nur zwei denkwürdige Beispiele zu nennen. Wahrscheinlich aber will man nach vielen weiteren Pleiten endlich mal die Früchte ernten, die die Wuppertal Bewegung um Carsten Gerhardt gesät hat.

Wenn überhaupt irgendetwas bewegt werden soll, muss der Bürger ohnehin selber ran. Zum Picobello-Tag gingen über tausend Freiwillige mit Herz für die Wupper an den Fluss, um ihn und das Ufer zu säubern. Für eine warme Suppe an der Kluse bargen sie mehr als 50 Tonnen Müll und einen amerikanischen Flusskrebs.

Was der Schalentier-Migrant in der Wupper zu suchen hat, weiß man ebenso wenig, wie die Mengen von Müll. Aber nun ist das Wupperufer für die vielen Sonnenhungrigen bereit, die die herrlich schönen Liegewiesen zwischen Oberbarmen und Ohligsmühle nutzen. Denn alles lassen wir Wuppertaler uns nicht vermiesen, Ehrenwort.

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