Stadtteilspaziergänge (1): Treppauf, treppab durchs Viertel

Stadtteilspaziergänge (1): Treppauf, treppab durchs Viertel

Gründerzeitvillen, Multi-Kulti, urige Kneipen und kleine Lädchen. Doch auch wer es grün mag, muss nicht lange suchen . . .

Norstadt/Brill. Stefan Klute steht vor seinem Geschäft und blickt die steile Straße hinab. „Ein anderer Ort als der Ölberg kam gar nicht infrage“, sagt er. Die Mietpreise seien niedrig und er kennt viele, die „auf dem Berg“ zu Hause sind. Seit 30 Jahren gibt es seinen Weinladen an der Marienstraße. „Est Est Est“ heißt er — und ist Geschäft, Treffpunkt und Kulturstätte in einem. Nach 18 Uhr beginnt sich der Laden erst richtig zu füllen. Die Ölberger kommen auf ein Schwätzchen oder eine Weinprobe vorbei.

Für einen Weinladen ist die Atmosphäre eines Viertels laut Klute entscheidend. Und die ist auf dem Berg „einzigartig“: etwa die vielen Hinterhöfe und kleinen Gärten — vor allem aber die Gründerzeithäuser; bunt, mit verzierten Fenstersimsen, die sich den Berg hinauf aneinander reihen. „Wenn ich aus dem Urlaub komme, freue ich mich immer aufs Neue über den Anblick.“

Die Nordstadt, vom Platz der Republik aus über die Hochstraße bis hin zum Ölberg, bildet zusammen mit den monumentalen Villen auf der anderen Seite der Briller Straße, dem „Briller Viertel“, eines der größten zusammenhängenden Altbauareale Deutschlands. „Allein die Geschichte ist beeindruckend“, sagt Klute. In den mondänen Brill-Villen wohnten einst die Textil-Fabrikanten, auf dem Ölberg waren die Arbeiter zu Hause. Fabriken, etwa die alte Schnürsenkelfabrik am Platz der Republik, wurden in den vergangenen Jahren aufwendig saniert. Dort haben sich heute Architekturbüros und Rechtsanwaltskanzleien niedergelassen. „Die Gegend hat Riesenpotenzial“, sagt Klute. Besonders, seitdem der alte Bunker abgerissen worden sei und der Platz um ein großes Stück Grün erweitert wurde.

Neben der Altbaustruktur sind die steilen Treppen mit herrlichem Ausblick auf die Stadt prägende Elemente der Nordstadt. „Das San Francisco Deutschlands“ wird das Viertel oft genannt. Es diente schon als Filmkulisse, etwa in „Manta Manta“, als Til Schweiger sich eine rasante Verfolgungsjagd über den Ölberg lieferte, oder für Tom Tykwers „Der Krieger und die Kaiserin“.

Vom Ölberg aus führen gleich mehrere Treppen hinunter zur Talsohle. Um einen Happen zu essen, geht Klute am Tag mindestens eine von ihnen hinab ins Luisenviertel — die Ausgehmeile Wuppertals. An der Luisenstraße reihen sich Cafés und Restaurants aneinander. Kleine Läden, etwa Schmuck oder Second Hand, laden zum Bummel ein. Abends ist die Straße zumeist mit jungen Menschen bevölkert. „Eigentlich ist alles, was ich brauche, vor der Haustür“, sagt Klute. Sogar, wenn er ins Grüne wolle. Neben den Friedhöfen an der Hochstraße ist erster Anlaufpunkt der Nützenbergpark, oberhalb des Brills, auch Kaiserhöhe genannt.

„Als meine zwei Kinder am Nützenberg zur Schule gingen, haben wir dort oft gepicknickt. Der Park ist bei Joggern, Kindern und Hundebesitzern gleichermaßen beliebt. In den vergangenen Jahren hat sich viel getan“, so Klute. „Es gibt sogar einen Bolzplatz mit Kunstrasen.“

Zum Arbeiten mag es der Weinladenbesitzer aber lieber auf der anderen, nicht ganz so mondänen Seite. „Der Ölberg ist sonniger.“ Auch das Treiben sei dort bunter: Neben Gastarbeiterfamilien haben sich in den vergangenen 20 Jahren Studenten und Künstler niedergelassen. „Hier leben wir miteinander: Türken, Iraner, Iren, Deutsche, Junge und Alteingesessene.“ Einziger Wermutstropfen: Die Infrastruktur sei schlechter geworden. „Ich kann mich noch erinnern, wie viele Läden es hier einmal gab. Drogerien, Metzger, Bäckereien, Friseure, sogar eine Konditorei war dabei.“ Nur an der Hochstraße gebe es jetzt noch einen Supermarkt.

Viele mussten schließen. Die Buslinie 643 wird auf dem Berg auch „Killerbus“ genannt. Weil sie den Menschen ermöglicht, schnell in die Innenstadt zu gelangen. „Die Ladenbesitzer hatten keine Chance. Übriggeblieben sind die Eckkneipen, Restaurants und Dönerbuden. Davon haben wir viele.“

Einen bestimmten Ort, den man gesehen haben muss, möchte Klute nicht empfehlen. „Die Nordstadt und den Brill muss man sich zu Fuß erarbeiten. Sich treiben lassen, entdecken.“ Wer es intensiv möchte, sollte eines der Feste, das Luisen- oder Ölbergfest besuchen. „Dann wird klar, was an unserem Viertel so besonders ist“.

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